Thomas Hitzlsperger

Der tadellose Teamplayer

Von Marc Heinrich und Achim Dreis

Hitzlsperger gegen Portugal: „Eines der wichtigsten Spiele meiner Karriere“

Hitzlsperger gegen Portugal: „Eines der wichtigsten Spiele meiner Karriere"

25. Juni 2008 Die Zahlenlotterie entscheidet sich an diesem Mittwoch definitiv erst 75 Minuten vor dem Anpfiff. Dann wird Assistenztrainer Hansi Flick im Stadion einem Uefa-Verantwortlichen die Aufstellung der Fußball-Nationalmannschaft übergeben. 4-4-2 oder 4-2-3-1? Das sind die Chiffren der deutschen Taktik, mit der es zu einem Sieg gegen die Auswahl der Türkei (20.45 Uhr, FAZ.NET-Euro-Live-Ticker) reichen soll. Beide Varianten scheinen denkbar. Joachim Löw wich in der Systemfrage bislang einem klaren Bekenntnis aus.

Die Spieler selbst werden es voraussichtlich zur Kaffeetrinkenszeit am Nachmittag in ihrem Quartier in Basel erfahren. Das große Rätsel in der deutschen Aufstellung: Wird Torsten Frings, der im Viertelfinale mit einem Rippenbruch aussetzen musste, wieder auflaufen? (Siehe: Torsten Frings vor dem EM-Halbfinale: Garantiert einsatzbereit). Oder wird er wieder von Thomas Hitzlsperger ersetzt? Nach der überzeugenden Leistung von Simon Rolfes im Duett mit Hitzlsperger als Doppel-Sechser würde ein abermaliges Fehlen des Bremer Routiniers von der breiten Fan-Öffentlichkeit als nicht mehr so besorgniserregend empfunden wie noch vor einer Woche.

Weil er weiß, dass es ihm nutzt

Immer hundertprozentiger Einsatz: Hitzlsperger im Duell mit Deco

Immer hundertprozentiger Einsatz: Hitzlsperger im Duell mit Deco

Der Frage, ob ein halbwegs genesener Frings wirklich wertvoller sei als ein austrainierter Hitzlsperger, ließ Manager Oliver Bierhoff unbeantwortet. Er sagte nur: „Ich will den Trainern nicht vorgreifen, aber so wie ich sie kennen, gehe ich davon aus, das nur hundertprozentig Fitte zum Einsatz kommen.“ Hitzlsperger und Rolfes könnten dann Kapitän Ballack ein weiteres Mal mit ihrem Kampfgeist und ihrer Laufstärke den Rücken frei halten.

Für Hitzlsperger war der Auftritt gegen Portugal, für die er von vielen Seiten Lob bekam, sein 36. in der Nationalelf. Es war, sagte er in der Rückschau, „eines der wichtigsten Spiele meiner Karriere.“ Daraus öffentlich Ansprüche beim Blick voraus abzuleiten - dies entspräche nicht seinem zurückhaltenden Naturell.

„Wenn er nicht dabei ist, klagt er nicht“

Vereint im Jubel: Der Kapitän und sein Rücken-Freihalter

Vereint im Jubel: Der Kapitän und sein Rücken-Freihalter

Der Sechsundzwanzigjährige hat den Teamgeist der Nationalmannschaft derart verinnerlicht, dass er nie wagen würde, eine als Forderung verpackte Losung wie „never change a winning team“ gegenüber Löw zu stellen. Er weiß um seinen Anteil am Sieg gegen Portugal, ihm ist bewusst, dass auch dank seiner fehlerloser Darbietung die Defensive ordentlich organisiert war.

Er verdient aber auch schon ein paar Jahre sein Geld als Fußballprofi und ihm ist klar, dass eine Nationalelf ein hierarchisches Gebilde ist. Er weiß, dass Frings in der Rangordnung unmittelbar hinter Ballack rangiert. Wenn Löw Lust habe auf Probleme, so schrieb die „Süddeutsche Zeitung“, könnte er Frings gegen die Türken ruhig auf die Ersatzbank setzen.

„Herzlich aber robust“

Tragende Rolle auch nach bei der Party nach der Partie: Hitzlsperger huckepackt Friedrich

Tragende Rolle auch nach bei der Party nach der Partie: Hitzlsperger huckepackt Friedrich

Hitzlsperger würde eine Rückstufung zum Auswechselspieler wahrscheinlich ohne weithin vernehmbares Aufmucken hinnehmen, denn er ist schlau genug, seine in zielstrebiger Arbeit aufgebaute Position und sein Image nicht durch unnötiges Machtgehabe zu zerstören. Was auch Löw zu Beginn der EM schon imponierte. „Wenn er nicht dabei ist, klagt er nicht, sondern brennt noch mehr darauf, in die Mannschaft zu kommen. Er leistet im Training immer vorbildlichen Einsatz“, lobte der Coach nach der Auftaktbegegnung gegen die Polen.

Kein Profi in deutschen Kader arbeitet intensiver als Hitzlsperger. Er leistet sich auf eigene Kosten einen Athletiktrainer, mit dem er an seiner körperlichen Verfassung feilt. Nicht, weil er so gerne arbeitet, sondern weil er weiß, dass es ihm nutzt. Bei der Nationalmannschaft nimmt er regelmäßig die Dienste des Sportpsychologen Hans-Dieter Herrmann in Anspruch, weil es der „mentalen Robustheit“ diene, wie er sagt.

„Bescheiden aber durchsetzungsstark“

Seine Herkunft hat ihn entscheidend geprägt. Fünf ältere Brüder und eine Schwester hat Hitzlsperger; er lernte schon als Dreikäsehoch im Elternhaus, sich niemals unterkriegen zu lassen. Er wuchs auf in einem bayrischen Dorf auf, unweit von München. Der Vater war Bauer. Die Menschen in seiner Heimat, erzählt Hitzlsperger gerne, seien „herzlich aber robust, bescheiden aber durchsetzungsstark“.

Das färbte zweifelsohne auf ihn ab. Auch er musste sich durchbeißen, ehe sein Fußball-Talent anerkannt war. Noch als Teenager verließ er 2000 die Jugendakademie des FC Bayern, um in der englischen Premier League bei Aston Villa sein Glück zu suchen. In München waren sie damals von seinen Qualitäten nicht restlos überzeugt, deswegen ließen sie ihn ziehen. Ein Fehler, wie heute beim Rekordmeister eingeräumt wird.

Zwischenzeitliche Rückstufung als Ansporn

Hitzlsperger trainierte auf der Insel mehr als alle anderen Teamkollegen und erkämpfte sich so trotz aller Anlaufsorgen fern der Heimat mit seiner Beharrlichkeit einen Stammplatz. Seine Entschlossenheit ist bis heute sein größter Trumpf. Eine zwischenzeitliche Rückstufung von Aston Villa in die Second Division zu Chesterfield wertet Hitzlsperger im Nachhinein als positive Versetzung: „Ich habe Spielpraxis gesammelt und konnte mich danach richtig durchsetzen.“

Besser werden, Potentiale ausschöpfen, immer weiter an sich arbeiten, weiterbilden auch als Mensch, das sind Schlagworte, mit denen sich der als „Widder“ geborene Fußball-Profi identifizieren kann. Männern seines Sternzeichens wird oft Durchsetzungsvermögen nachgesagt. Das hat nichts mit Rücksichtslosigkeit zu tun. Spieler aus der alten „Generation Leitwolf“ würden solche Bescheidenheit als Schwäche auslegen.

„Wenn der Umbruch kommt, muss ich da sein“

Hitzlsperger hat die Auslandserfahrung auch dafür genutzt, seinen Blick über die Rasenplatzlinien hinaus zu schärfen. Für den „Störungsmelder“ der „Zeit“ schreibt er regelmäßig Kolumnen, in denen er sich gegen Rechtsradikalismus zu Wort meldet. An Stuttgarter Schulen gibt er schon mal den Vertretungslehre in Englisch-Stunden und überzeugt mit ungekünstelter Natürlichkeit.

Der Teamplayer weiß, dass es sich lohnen kann, Geduld zu beweisen. Bei der WM 2006 rutschte er aufgrund seiner Persönlichkeit in den Kader, kam zwar nur zu einem Kurzeinsatz im Spiel um Platz drei, war aber dabei. Die EM-Endrunde ist nun schon die Bühne, um sich als verlässliche Fachkraft für die WM 2010 zu präsentieren. Die Bergführer Frings und Ballack sind jeweils 31 Jahre alt. Seine Jugend spielt ihm daher in die Karten. „Wenn der Umbruch kommt, muss ich da sein“, sagte Hitzlsperger. Diese Perspektive ist Motivation genug, sich weiterhin tagtäglich ein bisschen mehr anzustrengen als mancher Mitbewerber.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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