Nach der Niederlage

Lauter Sorgenkinder

Von Michael Ashelm, Klagenfurt

Der Kapitän kritisiert “Schleich und Schnarch“ noch nicht öffentlich: Ballack, Metzelder und Mertesacker (v.l.)

Der Kapitän kritisiert "Schleich und Schnarch" noch nicht öffentlich: Ballack, Metzelder und Mertesacker (v.l.)

13. Juni 2008 Christoph Metzelders Bart darf weiterwachsen - aber erstmal nur bis nächsten Montag. Dann wird nach dem Rückschlag im Kroatien-Spiel feststehen, ob sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im letzten Gruppenspiel überhaupt für das Viertelfinale der Europameisterschaft qualifiziert haben wird. „Ich denke immer noch an Wien - ans Endspiel“, sagte der Verteidiger, der sich erst dann rasieren will und nicht schon vorher, so sein Wunschtraum.

Reiner Aberglaube, der mit dieser neuen Situation allerdings eine besondere Bedeutung bekommt, weil Metzelder mit dem schlechten Abschneiden der deutschen Elf am Donnerstag in Klagenfurt wohl wieder zur Disposition stehen könnte. Ist der 27 Jahre alte Innenverteidiger noch der Richtige für das Herzstück der Abwehr? Ist er der Aufgabe gewachsen?

Kritik an Metzelder will nicht verstummen

Der Bundestrainer nannte keine Schuldigen dieser Niederlage und wollte auch seiner Abwehr keine besonderen Vorwürfe machen an diesem schlechten Abend. Er sah alle in der Schuld. Joachim Löw sprach von einer „insgesamt schwachen Mannschaftsleistung“. Nachdem der durch eine Fußverletzung zurückgeworfene Metzelder vom Bundestrainer zuletzt durchgeschleppt worden war in der Vorbereitung auf dieses Turnier, wollte die Kritik an der Formstärke des Verteidigers nicht verstummen.

Löw hatte in den Tagen vor dem Kroatien-Spiel gar Wechsel in der Mannschaft nicht für ausgeschlossen erklärt und für die Abwehr Arne Friedrich ins Gespräch gebracht. So weit gestern zu sehen war, leistete sich Metzelder keinen dicken Fehler, auch wenn er weiterhin keinen stabilen Eindruck hinterlässt. Mal etwas zu langsam, mal etwas zu spät, mal zu unpräzise im Abspiel - aber da machte es dieses Mal kaum einer seiner Kollegen besser. Mit einem Kopfball hatte der Verteidiger die Chance zum Ausgleich (40. Minute), doch Metzelder verpasste es, den Ball mit der alten Wucht unter die Latte zu drücken.

Metzelder und Mertesacker: „Schleich und Schnarch“

Fehlende Kraft? Fehlende Spielpraxis? Die Erkenntnis lautet: Die deutsche Stammformation ist noch nicht gefunden, schon gar nicht nach dieser Niederlage - und Metzelder muss bangen. Kapitän Michael Ballack drückte es vieldeutig aus, ohne sich von der Kritik auszunehmen: „Man muss genau hinsehen, wie die Mannschaft aktuell spielt.“ Als „Schleich und Schnarch“ wurden Metzelder und sein Partner in der Innenverteidigung, Per Mertesacker, dieser Tage vom Boulevard bezeichnet, weil von ihnen vermeintlich die größte Gefahr bei gegnerischen Angriffen bisher ausging.

Gegen die taktisch disziplinierten und jederzeit gefährlich kombinierenden Kroaten glich die Aufgabe einem Hochkonzentrationstest - immer mit der Gefahr, in einer unaufmerksamen Sekunde überwältigt zu werden. So wie in der 24. Minute beim 0:1, als Mertesackers kleiner Rückzieher mit dem Körper im Torraum für Verwirrung sorgte. Doch der eigentliche Fehler muss dem Außenverteidiger Marcell Jansen zugesprochen werden, der den Torschützen Srna nicht bremsen konnte.

Auch Schwächen auf den Außenpositionen

Zu der Diskussion um seinen schwächelnden Nebenmann wollte Mertesacker natürlich nichts sagen. Er ist ja auch sein bester Kumpel. „So ein Quatsch. Das interessiert mich nicht, weil es uns nicht weiterbringt.“ Der Abschirmdienst der deutschen Elf litt insgesamt an einer nachlässigen Aufgabenbewältigung auf dem gesamten Spielfeld. Auch die Außenpositionen der Abwehr gehörten zu den Schwachpunkten im Spiel.

Jansen und Philipp Lahm, die sich nach vorne auffällig viele Ballverluste leisteten, zeigten auch beim Abwehren der kroatischen Angriffe erhebliche Schwächen. Meist fehlte ihnen die Nähe zu ihrem Gegenspieler, um frühzeitig die Angriffe zu blocken. Die Folge waren gefährliche Spielsituationen für die eigene Mannschaft, die in der Konsequenz auch zum 0:1 führten.

„Da war ich zu spät“, gab Jansen später zu

Der Treffer entstand aus einer Nachlässigkeit von Lahm auf der rechten Abwehrseite. Der kleine Münchner wirkte für einen Moment wie ein Zuschauer. Drüben dann auf der linken Seite setzte sein Pendant Jansen, der ebenfalls nach seinem durchwachsenen ersten Euro-Spiel unter besonderer Beobachtung stand, zu spät der Flanke nach. „Da war ich zu spät“, gab Jansen später zu, aber verteidigte sich auch. „Wenn ich mit viel Risiko nach vorne arbeiten soll, passiert hinten auch mal was.“

Trainerstab und Mannschaft werden in den nächsten Tagen ihre Köpfe zusammenstecken und nach dem Schock von gestern sicherlich auch an Veränderungen arbeiten. Ob Metzelder dann gegen Österreich noch mit Mertesacker zusammenarbeiten darf, ist unsicher. „Die ganze Mannschaft hat die Vorgaben nicht erfüllt“, so Metzelder. Er glaubt noch an eine weitere Chance.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, Opta Sport Daten, REUTERS

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