
„Ich kann nicht sagen, was ich in dem Moment gedacht hab. Man hat sich gefreut. Man läuft zur Bank, alle freuen sich, Spieler, Betreuer, Trainer. Ich mache das Tor und da kommen alle Emotionen heraus.”
26. Juni 2008 An Philipp Lahm führte kein Weg vorbei. Er wurde nach dem Halbfinalerfolg von seinen Kollegen in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geherzt, gedrückt und gefeiert. Der Verteidiger, der den 3:2-Sieg gegen die Türken sicherstellte, hielt mit seinem Tor in der vorletzten Minute den Traum vom ersten Europameisterschafts-Titel seit zwölf Jahren am Leben - dafür dankten sie ihm alle überschwänglich.
Der später als Mann des Spiels ausgezeichnete Profi ist zwar nur 1,70 Meter groß und von so zarter Statur, dass er, als alle Mitstreiter in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes ihre Fußabdrücke für ein Kunstwerk in Lehm setzten, runtergedrückt werden musste, weil er zu viel wenig Gewicht auf den Rippen hat. Doch ein Nobody ist er längst nicht mehr; das Milch-Bubi-Image, mit dem er sich während seiner Anfangszeit auf der internationalen Fußball-Bühne rumärgern musste, ist längst abgelegt. Klein, aber fein.
Ein fabelhafter Schuss - das wichtigstes Tor
Sein Aufstieg zum Leistungs- und Sympathieträger ist eng verbunden mit einem Treffer, der vor zwei Jahren eine famose Weltmeisterschaft einleitete. Sein 1:0 im Eröffnungsspiel von München gegen Costa Rica war der entscheidende Weckruf an die deutsche Mannschaft und das Land, das fortan für Wochen ins Schwärmen geriet. Es war eine klasse Zeit, sagte er im Rückblick.
Sich von den schönen Erinnerungen in der Gegenwart blenden zu lassen - dieser Gefahr erlag er vor der EM nicht: Auf dem, was war, darf man sich nie ausruhen. In Basel sorgte Lahm mit seinem fabelhaften EM-Schuss für das nächste Kapitel deutscher Fußball-Geschichte. Wenn man im Halbfinale bei einer Europameisterschaft kurz vor Schluss das 3:2 macht, war das mit Sicherheit mein wichtigstes Tor meiner Karriere, betonte er nach seinem dritten Länderspiel-Treffer. Dem ersten nach exakt 24 Monaten.
Überwältigt von dem Glücksmoment
Mehmet Scholl, sein ehemaliger Teamkollegen in München und aktuell als Fernsehexperte der ARD bei der EM im Einsatz, ruft den Vierundzwanzigjährigen am liebsten Wireless Lahm. Der Spitzname ist Programm. Der Wirbelwind soll auch im Finale am Sonntag in Wien mit seiner Geschwindigkeit und seiner selbst bei hohem Tempo famosen Ballbehandlung für Unruhe in der gegnerischen Hälfte sorgen.
Lahm ist unser vielseitigster Spieler, er findet mit seiner Spielintelligenz fast immer die richtige Lösung, lobt Bundestrainer Joachim Löw. Der Junge ist unglaublich, der macht am Schluss den Sololauf und dann die Kiste, staunte auch Bayern-Kollege und WM-Torschützenkönig Miroslav Klose. Lahm selbst war überwältigt von dem Glücksmoment vor der begeisterten Fans in der deutschen Kurve.
Lahm leistete sich ungewohnte Schwächen in der Defensive
Ich kann nicht sagen, was ich in dem Moment gedacht hab. Man hat sich gefreut. Man läuft zur Bank, alle freuen sich, Spieler, Betreuer, Trainer. Ich mache das Tor und da kommen alle Emotionen heraus, schilderte Lahm einen der mitreißendsten Momente seiner Laufbahn.
Landauf landab in der Heimat feierten die deutschen Anhänger in der Nacht zum Donnerstag ausgelassen und friedlich. Dabei sah es ausgerechnet beim von der Uefa zum Mann des Spiels gekürten Lahm lange mehr nach Katerstimmung aus. Er leistete sich ungewohnte Schwächen in der Defensive, sah bei beiden Gegentreffern nicht gut aus.
Fast hätte Schweinsteiger alles vermasselt
Lange Zeit war die beste Aktion ein Vorstoß in der 51. Minute. Nach einem Foul von Sabri gegen ihn blieb der fällige Elfmeterpfiff aber aus. Es gab sicherlich andere Spiele bei dem Turnier, da hätte ich die Wahl zum 'Man of the match' eher verdient gehabt, sagte er zu später Stunde bescheiden. Zuvor hatte er auch die Flanke zum 2:1 auf den Kopf von Klose gezirkelt.
Fast hätte Bayern-Kumpel Bastian Schweinsteiger den magischen Moment durchkreuzt. Denn nach Lahms Doppelpass mit Thomas Hitzlsperger zuckte auch der Fuß von Schweinsteiger schon kurz. Ich habe erst überlegt, ob ich den Ball annehme, aber ich habe dann im Hintergrund 'Leo' gehört. Und Philipps Stimme kenne ich ja schon ein bisschen länger. Deswegen wusste ich, den Ball kann ich durchlassen.
Der unaufhaltsame Aufstieg des Münchner Kindls
Der links wie rechts in Viererkette verwendbare Außenverteidiger ist der Spross einer echten Fußballerfamilie und begann im Münchner Stadtteil Gern bei der Freien Turnerschaft mit dem Sport. Seine Mutter Daniela ist in diesem Verein seit Jahren Jugendleiterin, sein Vater Roland ist treibende Kraft bei den Alten Herren. Als Elfjähriger wechselte er zum FC Bayern, der ihn 2003 für zwei Spielzeiten zum VfB Stuttgart auslieh.
Dort reifte das Talent bis zu seiner Rückkehr nach München zu einem Abwehrmann von internationalem Format. Vor der EM verlängerte er die Zusammenarbeit mit dem Rekordmeister bis 2012 und schlug besser dotierte Angebote aus Spanien und Italien aus. Lahm ist in der Hackordnung, und was seine Bedeutung für das Team des dreimaligen Weltmeisters betrifft, längst eines der Schwergewichte.
Ich muss mehr Verantwortung übernehmen
Nun möchte er sich auch die EM-Krone aufsetzen, es wäre sein erster internationaler Pokal. Jetzt ist es natürlich unser großes Ziel, den Titel nach Deutschland zu holen. Man weiß, wofür man spielt - auch für die Fans. Dass er Führungsstärke besitzt, beweist er auch abseits des Fußballplatzes. Im Winter gründete er die Philipp-Lahm-Stiftung, um benachteiligten Jungen und Mädchen in Europa und Afrika zu helfen.
Ich hatte eine super Kindheit und wurde immer gefördert. Ich möchte was zurückgeben, begründet er sein Engagement. Lahm, der mit seinem Konterfei auf Plakaten an den deutschen Autobahnen vor gefährlicher Raserei warnt, unterstützt auch die SOS-Kinderdörfer, das Bündnis für Kinder und den Welt-Aids-Tag. Ich muss mehr Verantwortung übernehmen, sagt der Abwehrspieler - nicht nur im Stadion wie am Mittwochabend.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa