
Müssen Panenkas Erben ins Elfmeterschießen? Der Tscheche ging mit seinem Lupfer gegen Sepp Maier im EM-Endspiel 1976 in die Fußballgeschichte ein
15. Juni 2008 Wenn die Türkei und Tschechien im entscheidenden Spiel der Gruppe A unentschieden spielen, dann gibt es erstmals in der Geschichte von Welt- und Europameisterschaften ein Elfmeterschießen schon in der Vorrunde. Grund ist eine denkbar seltene Konstellation: Beide Teams sind punkt- und torgleich, vor allem aber stehen sie zufälligerweise nach dem Abpfiff auf dem selben Fußballplatz. Nur deshalb ist ein Elfmeterschießen denkbar.
Wären die Türkei und Tschechien indes nach einem Fernduell gleichauf, würde ein Uefa-Koeffizient, der sich aus den Ergebnissen der vergangenen Welt- und Europameisterschaften sowie deren Qualifikationsspielen errechnet, zugunsten der Tschechen entscheiden.
Kapitel V., Artikel 7, Buchstabe B, Regel 7.08
Der nun mögliche Sonderfall ist so unwahrscheinlich, dass nicht mal die Uefa in jeder Veröffentlichung auf ihn aufmerksam gemacht hat. In fast allen der in den Wochen vor der Europameisterschaft gedruckten Sonderheften der diversen Fachorgane taucht der Unter-Unterpunkt Kapitel V., Artikel 7, Buchstabe B, Regel 7.08 des Regelwerks der Uefa Euro 2008 deshalb nicht auf. Der weithin unbekannte Sonderfall fristete deshalb ein Schattendasein - bis zum Mittwochabend.
Dieser Absatz der Turnierregeln besagt nun, dass ein Elfmeterschießen über das Weiterkommen entscheidet, wenn es sich bei den punktgleichen Teams um zwei Konkurrenten handelt, die sich soeben noch im letzten Gruppenspiel auf dem Platz bekämpft haben (dort unentschieden gespielt haben) und nur deshalb umgehend an einem Strafstoßpunkt versammelt werden können.
Früher entschieden Münzwürfe
Die Uefa hat diese Lösung für den Fall von Punkt- und Torgleichheit ins Reglement aufgenommen, da das so oft als ungerecht erachtete Elfmeterschießen immerhin eine sportlichere Lösung darstellt als eine Entscheidung durch einen leblosen Koeffizienten. Selbst die im Zweifelsfall betroffenen Spieler der Türkei und Tschechiens werden diese Entscheidung der Uefa begrüßen, wenn sie ihre mögliche Situation mit der früherer Jahrzehnte vergleichen.
Damals entschied vor der Einführung des Elfmeterschießens ein Münzwurf über Wohl und Wehe bei Unentschieden. 1968 mussten deshalb die Spieler der Sowjetunion nach einem Wurf des deutschen Schiedsrichters Kurt Tschenscher nach einem 0:0 im Halbfinale der Europameisterschaft den Italienern zum Endspieleinzug gratulieren.
Münzwurfopfer Wolfgang Weber: Das war das grausamste Erlebnis meines Fußballerlebens
Wenige Jahre zuvor erlitt der 1. FC Köln ein ähnliches Schicksal. Am 24. März 1965 entschied im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister gegen den FC Liverpool ein Münzwurf gegen die Rheinländer. Nachdem sowohl Hin- und Rückspiel als auch das damals vom Reglement noch vorgeschriebene dritte Entscheidungsspiel samt Verlängerung unentschieden ausgegangen waren (0:0; 0:0; 2:2), warf der belgische Schiedsrichter Schout ein Geldstück auf den Rasen.

Für Deutschland wäre es wohl egal: Dass sie Elfmeter schießen und -halten können, wie hier Lehmann im WM-Viertelfinale gegen Argentinien, haben sie schon oft bewiesen
Das war das grausamste Erlebnis meines Fußballerlebens, erinnert sich der damalige Kölner Defensivspieler Wolfgang Weber, der sich zu allem Überfluss in dem Spiel auch noch das Wadenbein brach und dennoch bis zum Münzwurf auf dem Platz blieb. Wir waren völlig machtlos. Wenn die Spieler heute über die Ungerechtigkeit des Elfmeterschießens meckern, kann ich deshalb nur lachen. Der Fußballgott spannte die Kölner zudem noch unnötigerweise auf die Folter. Beim ersten Wurf blieb die Münze senkrecht im Boden stecken - nach Ansicht Webers übrigens mit leichter Neigung zu Gunsten der Kölner. Beim zweiten Wurf lag die Münze dann eindeutig auf Seiten der Engländer.
Text: FAZ.NET
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