1:2 gegen Kroatien

Bruchlandung der deutschen Himmelsstürmer

Von Marc Heinrich, Ascona

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13. Juni 2008 Favoriten auf den Sieg bei dieser Europameisterschaft sehen irgendwie anders aus. Es war schon ein bisschen später geworden am Abend und der Abpfiff eine Weile her, als am Donnerstag die deutschen Nationalspieler in den Katakomben des Wörthersee-Stadions durch die Gänge schlurften. Sie versuchten Zuversicht in die Mikrofone und Kameras zu verbreiten, die ihnen nach einem desillusionierenden Auftritt und der 1:2-Niederlage gegen die Kroaten unerbittlich vorgehalten wurden.

Es war ein tapferes Ansinnen mit allerhand wohlfeilen Worten. Es scheiterte jedoch ähnlich kläglich wie zuvor sämtliche Ansätze, dem Gegner auf dem Rasen in Klagenfurt den Schneid abzukaufen. Der abgehetzte Anblick der angeschlagen wirkenden Männer von Bundestrainer Joachim Löw sprach Bände - und passte nun so gar nicht zu den vielen hoffnungsfrohen Botschaften, die sie gleichsam bemühten.

„Wir haben vielleicht gedacht, wir hätten schon etwas erreicht“

Die Pleite gegen die Südosteuropäer war gemessen am vorhandenen Leistungsvermögen des deutschen Teams ein mehr als deutlicher Rückschritt. „Wir haben vielleicht gedacht, wir hätten schon etwas erreicht“, räumte der selbst arg unauffällige Kapitän Michael Ballack selbstkritisch ein. „Wir sind enttäuscht, weil wir nicht die Mannschaft gesehen haben, die wir normalerweise kennen. Die Niederlage geht deswegen in Ordnung“, gab auch Löw unumwunden zu. Wer ihm dabei ins Gesicht sah, konnte erkennen, wie schmerzhaft ihm dieses Eingeständnis über die Lippen kam.

Nach den Gegentoren durch Darijo Srna (24. Minute) und Ivica Olic (62.) vom Hamburger SV sowie dem Anschlusstreffer von Lukas Podolski (79.) muss die deutsche Elf nun doch noch um den Einzug ins EM-Viertelfinale bangen. Die entscheidende Partie findet an diesem Montag (20.45 Uhr, live im FAZ.NET-Liveticker) in Wien gegen Österreich statt. Nach dem 1:1 der Gastgeber vom späten Donnerstagabend gegen Polen genügt schon ein Remis zum Weiterkommen (Siehe auch: 1:1 gegen Polen: Oldie Vastic rettet Österreich in letzter Sekunde). Es hätte schlimmer kommen können. Bei einer Niederlage indes sind die Deutschen ausgeschieden.

Löws Mängelliste nach der Kroatien-Niederlage ist lang

Die Niederlage am zweiten Vorrundenspieltag der Gruppe B, daran besteht kein Zweifel, war jedenfalls ein heftiger Erkenntnisschock für die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die vermeintlichen Himmelstürmer, die nach dem 2:0-Auftaktsieg gegen Polen noch von allen Seiten mit Lob überschüttet wurden, mussten sich noch in der Umkleidekabine mächtig Kritik anhören. Von ihrem Chef. Löw bemängelte auch in aller Öffentlichkeit und Deutlichkeit, dass „alle bei uns heute unter ihren Möglichkeiten“ geblieben waren. Es habe an „geistiger Frische, der nötigen Flexibilität beim Umschalten von Abwehr auf Angriff, an der Konsequenz im Zweikampf und der Präzision vor dem gegnerischen Tor gefehlt“.

Er hätte die Mängelliste noch um einiges verlängern können, doch die Zeit war wieder einmal knapp an diesem Abend, an dem die Mannschaft mit einer Chartermaschine aus Kärnten zurück in ihr Quartier an den Lago Maggiore in der Schweiz geflogen wurde. „Der Rückschlag“, das ließ Löw nach der erst dritten Niederlage in seiner Amtszeit unverkennbar durchblicken, hatte ihm gehörig die Stimmung verdorben, „weil nichts umgesetzt wurde, was wir uns vorgenommen hatten“.

Eine „Fehlerkette“, die sich noch mehrmals wiederholte

Vertraut hatte Löw zunächst der Startformation des Polen-Spiels. Von einem ähnlichen Elan, den die Mannschaft bei ihrer Ouvertüre in diesem Wettbewerb an gleicher Stelle vier Tage zuvor ausgezeichnet hatte, war jedoch wenig zu spüren. Die Anfangsphase war gekennzeichnet von der Suche beider Kontrahenten nach einer Lücke im gegnerischen Abwehrverbund. Die Kroaten wurden Mitte der ersten Hälfte als Erste fündig: Nach einer Hereingabe von Danijel Pranjic ging Darijo Srna entschlossener zum Ball als der unaufmerksame Marcell Jansen und traf aus fünf Metern unhaltbar für Jens Lehmann zur 1:0-Führung.

Der Gegentreffer brachte Löw erstmals sichtbar vor der Auswechselbank in Rage - zu offensichtlich waren die Schwächen seiner Leute: der Gegner hatte ungehindert von Clemens Fritz und Philipp Lahm auf der der linken Seite flanken dürfen, Per Mertesacker sowie Christoph Metzelder zogen in der Abwehrzentrale den Schädel ein und Jansen hatte restlos den Überblick verloren. Ballack nannte es im Anschluss eine „Fehlerkette“, die in sich in anderen Variationen in der Folge mehrmals wiederholte.

Ballack und Frings: zwei hilflose Anführer

Nach einer halben Stunde schien die DFB-Auswahl besser in Fahrt zu kommen. Den ersten Warnschuss gab Ballack ab, doch bei seinem Freistoß war der kroatische Keeper Stipe Pletikosa ebenso auf dem Posten wie Minuten darauf zweimal bei Standardsituationen gegen Metzelder (33. und 40.). Die Deutschen versäumten es, den Gegner auch im Folgenden weiterhin wuchtig über Außen zu bedrängen, Flankenläufe und Kopfballgelegenheiten waren eine Seltenheit. Die gemeinhin als langsam und anfällig bei zügigen Sturmattacken bekannte kroatische Defensive um Josip Simunic kam nie wirklich ins Schwimmen, Miroslav Klose und Mario Gomez waren restlos abgemeldet.

Löw versuchte, der Begegnung nach der Pause eine Wende zu geben, indem er Lahm für den schwachen Jansen auf die linke Abwehrseite zog, dafür Fritz auf die rechte Abwehrseite stellte und David Odonkor einwechselte. Außerdem holte er immer wieder seine Mittelfeldstrategen Ballack und Torsten Frings zu sich an die Seitenlinie. Gesprächsbedarf gab es mehr als einmal. Der sichtlich aufgeregte und wild gestikulierende Bundestrainer wollte das Anführer-Duo mit wenigen Worten und Zeichen neu ins Spiel einzuweisen, auf das sie ihre Nebenleute mit sich rissen.

„Wir waren ein paar Prozent schlechter als gegen Polen“

Seine Appelle drangen in dem Spektakel, das die begeisterten kroatischen Anhänger schon jetzt in Klagenfurt anstimmten, möglicherweise durch - umsetzen konnten die beiden wichtigsten Akteure für das deutsche Spiel die Direktiven nicht. „Wir waren in allen Bereichen ein paar Prozent schlechter als gegen Polen“, sagte Ballack, der sein 50. Länderspiel als Kapitän bestritt, später selbstkritisch. Sich selbst schloss er bei der Analyse konsequenterweise nicht aus.

Die deutsche Mannschaft mühte sich nach dem 0:2 durch Olic zwar mit all ihren in diesem Moment begrenzten Mitteln, dem Match noch eine Wende zu verleihen. Doch was der WM-Dritte auch anstellte - mehr als der Ehrentreffer durch Podolski sprang nicht heraus. Niemand fand einen Weg, zu einem überlegenen und überlegten Spiel, mit dem man den Widersachern auf der anderen Seite das Leben hätten schwer machen können. „Jeder hat den entscheidenden Schritt zu wenig gemacht“, beschrieb es Lahm treffend.

Laufbereitschaft und Einsatzbereitschaft - bei den Kroaten

Die Kroaten zogen sich konsequent mit zwei Viererreihen zurück, und verstanden es dabei, das Feld auf eine sehr kleine Spielfläche zu reduzieren. Sie stießen zudem in Überzahl immer wieder mit einem fulminanten Tempo nach vorne. „Wir haben sie mit ihren eigenen Mitteln geschlagen“, stellte der Kroate Niko Kovac zufrieden fest. Laufbereitschaft und Einsatzbereitschaft, zwei eigentlich ur-deutsche Tugenden, so der ehemalige Spieler der Berliner Hertha, hätten den Ausschlag zugunsten seines Teams gegeben.

Als in der ersten Minute der Nachspielzeit zu allem Überfluss auch noch Bastian Schweinsteiger wegen einer Tätlichkeit an Jerko Leko die Rote Karte sah (90.+1), wurde aus einem schwachen endgültig ein rabenschwarzer Tag für den dreimaligen Weltmeister. „Zuviel hat heute nicht gestimmt“, lautete Löws Fazit für den Augenblick. Schweinsteiger rüffelte er zudem „für eine Unsportlichkeit, zu der er sich nicht hätte hinreißen lassen dürfen“.

„Es wird Veränderungen in der Mannschaft geben“

Beim Blick nach vorne gab sich der Trainer vor der Heimreise ins Tessin gleichwohl schon wieder zuversichtlich. Nun komme es gegen Österreich „zu einer Endspielsituation, in der wir unsere Gelegenheit nutzen werden“, verkündete er. Er sei sicher, dass seine Akteure „Charakter beweisen“, er ließ aber auch bereits durchblicken, dass nicht alle, die sich gegen Kroatien mehr schlecht als recht präsentiert hatten, die Chance zur tätigen Wiedergutmachung erhalten: „Es wird Veränderungen in der Mannschaft geben.“

Was angemessen ist, wenn sich vor Augen hält, wie verunsichert die Spieler vom Platz schlichen. Die Bürde des (Geheim-)Favoriten sind die Deutschen fürs Erste nach dieser neunzigminütigen Blamage auf jeden Fall los. Noch ist die „Bergtour 2008“, wie der DFB seine Mission in Österreich selbst gerne umschreibt in vollem Gange - doch über den anfangs sonnigen Wipfeln sind erste dunkle Wolken aufgezogen. Der dritte Aufstieg an diesem Montag ist mit einem mal ein ganz bedeutsamer geworden.

Kroatien - Deutschland 2:1 (1:0)
Kroatien:
Pletikosa - Corluka, Robert Kovac, Simunic, Pranjic - Srna (80. Leko), Niko Kovac, Modric, Rakitic - Kranjcar (85. Knezevic) - Olic (72. Petric)
Deutschland: Lehmann - Lahm, Mertesacker, Metzelder, Jansen (46. Odonkor) - Fritz (82. Kuranyi), Frings, Ballack, Podolski - Gomez (66. Schweinsteiger), Klose
Schiedsrichter: de Bleeckere (Belgien)
Zuschauer: 30.461 (ausverkauft)
Tore: 1:0 Srna (24.), 2:0 Olic (62.), 2:1 Podolski (79.)
Gelbe Karten: Modric, Leko, Simunic, Srna / Lehmann, Ballack
Rote Karten: - / Schweinsteiger (90.+1/Tätlichkeit )



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, Opta Sport Daten, REUTERS

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