Ein Monat vor EM

Löw mahnt: „Seit zwölf Jahren kein EM-Spiel mehr gewonnen“

07. Mai 2008 Joachim Löw sieht Deutschland bereit für den vierten Gipfelsturm bei einer Fußball-Europameisterschaft, doch der Aufstieg nach ganz oben wird für Michael Ballack und Co. hart und beschwerlich. „Wir können keinen Gegner mit 90 Prozent schlagen, wir brauchen immer 100 Prozent“, erklärte Bundestrainer Löw einen Monat vor Beginn der EM-Endrunde in Österreich und der Schweiz. „Ich freue mich auf das Turnier und spüre eine positive Anspannung. Weil wir unsere Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen gemacht haben, können wir den kommenden Wochen gelassen entgegenblicken“, erklärte der 48 Jahre alte Löw.

Vom ersten Titelgewinn 1972 bis zum bislang letzten 1996 hatte die deutsche Nationalmannschaft über mehr als zwei Jahrzehnte beinahe alle EM-Endrunden mit geprägt. Neben den drei Triumphen 1972, 1980 und 1996 gab es 1976 und 1992 noch zwei weitere Endspiel-Teilnahmen. Doch seit dem „Golden Goal“ von Oliver Bierhoff zum 2:1 im Finale 1996 in London gegen Tschechien ist die Erfolgsstory beendet - zwei bittere Vorrunden-Pleiten unter Erich Ribbeck 2000 in Belgien und den Niederlanden sowie Rudi Völler 2004 in Portugal waren die Tiefpunkte der jüngeren Vergangenheit.

Deshalb warnte auch Löw: „Seit zwölf Jahren haben wir kein Spiel mehr bei einer EM gewonnen. Wir wissen, welch schlechte Erfahrungen wir gemacht haben.“ Allerdings würden die Gruppen-Gegner Polen, Kroatien und Österreich gute Chance eröffnen, „dass wir die nächste Runde erreichen“, kommentierte Löw die Vorrunden-Aufgaben.

Masterplan für Meisterschaft

Seit der Gruppenauslosung im Dezember arbeitet der DFB-Cheftrainer mit seinem Betreuerstab akribisch an einem „Masterplan“, der am 29. Juni in Wien mit dem vierten EM-Titelgewinn in Erfüllung gehen soll. „Wir können nicht versprechen, dass wir Europameister werden“, erklärte Löw: „Aber wir können versprechen, dass wir uns europameisterlich vorbereiten.“ Der Bundestrainer sieht für das Kontinental-Championat „keinen Topfavoriten“, aber viele Titelbewerber. „Jeder kann jeden schlagen. Wer in der Lage ist, sechs Spiele lang Topleistungen zu bringen, wird Europameister“, unterstrich der Bundestrainer.

Souverän hatte Deutschland unter Klinsmann-Nachfolger Löw als erste Mannschaft nach den Gastgebern die EM-Qualifikation geschafft. „Wir haben über die letzten Monate guten Fußball gespielt, allerdings mit einigen Rückschlägen. Das Team ist in seiner Entwicklung in eine gute Richtung gegangen seit der WM 2006“, bemerkte Löw, den allerdings lange Zeit personelle Sorgen plagten und weiterhin plagen. Seine Nummer 1 im Tor, Jens Lehmann, verlor in London beim FC Arsenal den Stammplatz. Bernd Schneider musste die EM wegen einer Operation an der Bandscheibe absagen. Und Christoph Metzelders Rückkehr nach einer hartnäckigen Fußsohlen-Verletzung ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Von der Zugspitze über den Lago Maggiore nach Wien

Am 16. Mai wird Löw symbolisch auf Deutschlands höchstem Gipfel, der Zugspitze, ein möglicherweise noch erweitertes EM-Aufgebot bekanntgeben. Den Feinschliff will er seinem Personal dann im Trainingslager auf Mallorca verpassen. „Wenige Schwerpunkte, aber die mit aller Konsequenz“ hat der Bundestrainer für die Arbeit ab 19. Mai auf der Ferieninsel vorgesehen. Während des Turniers logiert der DFB-Tross in der Schweiz am Lago Maggiore, von wo aus die letzte Reise am 28. Juni zum Endspiel nach Wien gehen soll. „Am Lago Maggiore haben wir optimale Bedingungen“, betonte Teammanager Bierhoff.

Kapitän Michael Ballack sieht Deutschland nicht in der Rolle des Titelanwärters Nummer 1: „Wir sind noch nicht auf dem Niveau, Favorit zu sein.“ Weltmeister Italien, Frankreich, Portugal oder auch Geheimfavoriten wie Kroatien oder Spanien werden hoch gehandelt. „Eine EM ist vielleicht sogar schwieriger als eine WM“, meinte Löw. Mit der Europameisterschafts-Rekordprämie von 250.000 Euro, die jedem der 23 deutschen Akteure im Falle des Titelgewinns winkt, hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) einen zusätzlichen Anreiz gesetzt, der fast die Dimension der WM 2006 im eigenen Land erreicht. 300.000 Euro wären 2006 für einen Weltmeisterschafts-Triumph auf die ohnehin gut gefüllten Konten der deutschen Elitekicker überwiesen worden.



Text: dpa
Bildmaterial: AP, dpa