20. Juni 2008 Erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Diesen alten deutschen Glaubensgrundsatz erfüllten am Donnerstag fast zwei Dutzend Fußball-Nationalspieler, ihre Betreuer und Begleiter bei dieser Europameisterschaft aufs Neue mit Leben. Nach dem 3:2-Sieg gegen Portugal, durch den das Team erstmals seit zwölf Jahren bei diesem kontinentalen Kräftemessen wieder das Halbfinale erreichte, kannte die Freude und Begeisterung fast keine Grenzen mehr.
Mit südländisch anmutender Begeisterung, die eigentlich gemeinhin eher den Portugiesen zugeschrieben wird, zelebrierten die Sieger ihren Viertelfinal-Triumph in Basel, auf den nur die wenigsten Experten vorher eine Wette abschließen wollten. So kann man sich irren! Währenddessen schlichen die Verlierer, die es wieder einmal nicht geschafft hatten, ihrer Favoritenrolle bei einem bedeutenden Turnier gerecht zu werden, mit hängenden Köpfen und so mancher Träne der Enttäuschung im Auge schleunigst von dannen.
Feiern wie zu besten Sommermärchen-Zeiten
Lukas Podolski, die rheinländisch geprägte Frohnatur und einer der entscheidenden Wegbereiter dieses Prestigeerfolgs, spielte nach dem Schlusspfiff im St.-Jakob-Park-Stadion zunächst den Animateur für die vielen tausend deutschen Anhänger, die diese Feierstunde in Basel hautnah miterlebten: er, den zuvor die Kräfte zu verlassen schienen, hüpfte wie ein ausgelassener Muntermacher vor der schwarz-rot-goldenen Fantribüne auf und ab - und später nur noch in der Unterhose über den Rasen.
Ganz zum Schluss schritt Podolski Arm in Arm mit seinem Bayern-Spezi Bastian Schweinsteiger, dem zweiten Protagonisten an diesem Abend, glückselig lächelnd in die Umkleide, wo die Spontan-Party erst richtig los ging und zur Feier des gelungenen Tages auch die Spielerfrauen und Freundinnen aufmarschieren durften. Es waren ausgelassene Momente wie zur allerbesten Sommermärchen-Zeit, es schallte laute Musik aus der Kabine, es wurde gelacht und gemeinsam gesungen, als sei bereits wirklich etwas von Bedeutung erreicht worden.
Hansi Flick: Wir sind halt eine Turniermannschaft
Zumindest der Frust und die Zweifel der vergangenen Tage wurde durch den Sieg mit einer vorher kaum für möglich gehaltenen Wucht weggeblasen; bei dieser EM, dieser Eindruck verfestigte sich in den mitreißenden neunzig Minuten dieses Viertelfinals, ist mit der deutschen Elf wieder zu rechnen. Gelänge es ihr, die Klasse der ersten Halbzeit gegen die Portugiesen zu halten und manchen Schönheitsfehler zu beseitigen, scheint sogar der Titel doch zum Greifen nah.
Wir sind halt eine Turniermannschaft, stellte Hansi Flick hinterher zufrieden fest. Der Assistenztrainer vertrat zur allgemeinen Zufriedenheit seinen gesperrten Boss Jochim Löw, der die Begegnung mit einem Uefa-Aufpasser und DFB-Chefscout Urs Siegenthaler an seiner Seite fast fünfzig Meter Luftlinie entfernt in einer Loge unter dem Tribünendach verfolgen musste. Ganz schlimm sei diese Erfahrung gewesen, berichtete Löw danach, die nervende Distanz zum Geschehen habe ihm zu schaffen gemacht.
Schweinsteiger als Strahlemann unter den Strahlemännern
Zum Halbfinal-Match gegen den Sieger des Spiels Kroatien gegen Türkei - an diesem Freitag von 20.45 Uhr an live in der ARD und im FAZ.NET-Liveticker - darf der Cheftrainer am Mittwoch kommender Woche abermals in Basel wieder an seinen angestammten Platz zurückkehren. Gut gemacht, mit diesem kurzen und knappen aber aussagekräftigen Lob gratulierte Löw seinem ersten Helfer Flick, als sie sich nach dem Spiel glücklich um den Hals fielen.
Fröhliche Gesichter sah man zu diesem Zeitpunkt viele. Ein besonders strahlendes gehörte Schweinsteiger, der diesem Duell mit seinem unbändigen Tatendrang den Stempel aufdrückte: ein Tor, zwei Vorlagen - der Mittelfeldmann des FC Bayern ist spätestens dank dieser Gala zum personifizierten Albtraum des flatterhaften portugiesischen Schlussmanns Ricardo geworden.
Wir haben die beste Mannschaft der EM rausgehauen
Nach seinem Tor zum 1:0 (22. Minute) warf der Dreiundzwanzigjährige Kusshände in den Abendhimmel, nach der Vorarbeit zum 2:0 (26.) herzte er sich mit Flick vor der Auswechselbank und mit dem Freistoß, den Kapitän Michael Ballack zum 3:1 ins Netz wuchtete (61.), hatte er seine vorher von Löw eingeforderte Bringschuld endgültig mehr als erfüllt.
Bei der Vorrunden-Niederlage gegen Kroatien baute der 54-malige Nationalspieler seinen Frust Reservisten-Dasein noch mit einer Tätlichkeit ab, im K.o.-Match gegen seinen Lieblingsgegner setzte er die Energie endlich so um, wie es Löw verlangt hatte. Ich bin heute überglücklich, sagte Schweinsteiger später mit einem Cowboyhut in Deutschland-Farben auf dem Kopf, wir haben die beste Mannschaft rausgehauen, das ist doch was. Als er in der Mixed-Zone ankam, fehlte ihm zwar sein Trikot, das er einem Fan geschenkt hatte, doch mit nacktem Oberkörper holte er sich erst einen Kuss bei Freundin Sarah ab, ehe er in einem von einem Kameramann geliehenen Sakko den Interview-Marathon begann.
Was die Kanzlerin verlangt, das muss man machen
Schweinsteiger war unverhohlen stolz über seine Show. Er strahlte wie ein Honigkuchenpferd und berichtete, dass ihm Angela Merkel beim dritten Vorrundenspiel gegen Österreich, das er wegen seiner Sperre als Tribünengast im VIP-Bereich verbrachte, aufgetragen habe, bloß nicht wieder solche Dummheiten zu machen. Die oberste Nationalmannschaftsfreundin wünschte von ihrem Lieblingskicker, dass er bitteschön wie früher zu spielen habe - womit sie auf seine besten Glanzzeiten bei der WM 2006 anspielte. Schweinsteiger tat umgehend, wie ihm von der ersten Frau im Staate zugeflüstert wurde. Denn: Was die Kanzlerin verlangt, das muss man machen.
In der Tat war es ein Genuss, ihm über weite Strecken zuzuschauen: wie seine Pässe ihr Ziel fanden, die Standards klappten, und er mit seinem frühen Treffer die Nervosität in den eigenen Reihen reduzierte und die Teamkollegen gleichsam mitriss. Es war sein erstes Länderspieltor seit mehr als anderthalb Jahren und der 14. Treffer im Nationaltrikot insgesamt - gewiss eines seiner wichtigsten. Ich sollte Schwung reinbringen, ich glaube, es ist mir gelungen, befand Schweinsteiger, der bei seiner taktischen Auswechslung in der 83. Minute mit viel Applaus bedacht wurde. Wir haben gezeigt, dass wir gut Fußball spielen können, lautete sein Fazit, und wir haben für den Trainer gewonnen.
Löw hatte mit Flick alle Szenarien durchgesprochen
Ein bemerkenswerter Satz am Rande des ganzen Tohuwabohus. Löw hätte sich ganz gewiss viele Kritik gefallen lassen müssen, wenn seine Mannschaft an diesem Abend die Segel hätte streichen müssen. Er durchlebte das bis dahin wichtigste Spiel seiner Amtszeit in einem gläsernen Käfig - jeder Kontakt zur Mannschaft war ihm nach der Ankunft des Mannschaftsbusses in der Arena strikt verboten. Er wurde sofort von einem Offiziellen der Uefa in Empfang genommen und an seinen Sitzplatz fernab des Geschehens geführt.
Auf der Anfahrt ins Stadion hatte er den deutschen Spielern letzte Anweisungen geben können und mit Flick letztmals alle denkbaren Szenarien besprochen. Wie sich herausstellte, hatten beide mit einer mutigen System- und Personalumstellung die passende Variante gegen die portugiesischen Ausnahmekönner ausgetüftelt. Nach der Vorrunde mit mehr Schatten als Licht war ihre Elf kaum wiederzuerkennen und präsentierte sich körperlich und geistig auf den Punkt topfit.
Dieser Systemwechsel hat uns gut getan
Die durch zuletzt nicht überzeugende Vorstellungen einiger Spieler sowie Torsten Frings' Rippenbruch veranlassten Änderungen zeigten die erhoffte Wirkung. In einem kompakten Mittelfeld sicherten die neu ins Team gekommenen Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger als Doppel-Sechser nach hinten ab und hielten damit Ballack den Rücken frei, der hinter den offensiven Mittelfeldflitzern Schweinsteiger und Podolski als vierter Mann neben Stürmer Miroslav Klose die Offensivbemühungen ankurbelte.
Diese ausgewogene defensiv-offensive Mixtur behagte Ronaldo, Deco und Co. überhaupt nicht, trotzdem kamen sie durch Nuno Gomes (40.) und Helder Postiga (87.) zu zwei Toren und drängten gegen Ende mit Macht auf den Ausgleich. Vergeblich. Dieser Systemwechsel hat uns gut getan, bilanzierte Ballack, es war wichtig, weil uns zuletzt die Kreativität gefehlt hat.
Der ein oder andere wird wohl vom Titel geträumt haben
Der Kapitän suchte in den vergangenen Tagen offenbar mehrmals das Gespräch mit Löw, um ihn zu einer neuen Taktik zu bewegen. Wie es nun tatsächlich zu der veränderten Marschrichtung kam, wollte im Trubel von Basel niemand exakt preisgeben. Wir sind ein Team und haben alles als Team festgelegt, äußerte sich Flick mehrdeutig - und richtete stattdessen lieber den Blick nach vorne. Frings, so hieß es, dem am Donnerstag noch jeder Atemzug schmerzte, werde rechtzeitig bis zum nächsten Ernstfall in knapp einer Woche wieder fit. Das vergrößert die Möglichkeiten und die Chancen.
In der kurzen Nacht nach ihrer Rückkehr in ihr Quartier in die Schweiz werden auch so sicher einige aus dem Tross der Deutschen im stillen Kämmerlein vom EM-Titel geträumt haben. So weit ist es noch lange nicht. Aber: Die Mannschaft ist zwei Jahre nach der WM international jedenfalls weiterhin auf hohem Niveau konkurrenzfähig. Das ist die Kernbotschaft des Abends von Basel. Denn die Mannschaft, die die Mission Bergtour 2008 arg holprig begann, entwickelt sich pünktlich zum Ernstfall zu einem starken Fußballteam.
Portugal - Deutschland 2:3 (1:2)
Portugal: Ricardo - Bosingwa, Pepe, Ricardo Carvalho, Paulo Ferreira - Petit (73. Helder Postiga), João Moutinho (31. Raul Meireles) - Cristiano Ronaldo, Deco, Simão - Nuno Gomes (67. Nani)
Deutschland: Lehmann - Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm - Rolfes, Hitzlsperger (73. Borowski) - Schweinsteiger (83. Fritz), Ballack, Podolski - Klose (89. Jansen)
Schiedsrichter: Fröjdfeldt (Schweden)
Zuschauer: 39.730
Tore: 0:1 (22.) Schweinsteiger, 0:2 (26.) Klose, 1:2 (40.) Nuno Gomes, 1:3 (61.) Ballack, 2:3 (87.) Helder Postiga
Gelbe Karte: Petit, Pepe, Helder Postiga - Friedrich, Lahm
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, Opta Sport Daten, REUTERS