Deutschland steht im EM-Finale

„Wir waren die besseren Türken“

Von Marc Heinrich, Ascona

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26. Juni 2008 Es war eine Ehrenrunde ganz langsamen Schrittes. In der Achterbahn der Gefühle hatte es die deutschen Nationalspieler an diesem Abend kräftig durcheinander gewirbelt. Da brauchten sie wenige Minute nach dem Spielschluss ein paar Minuten, um sich zu sortieren und sich über das soeben Erlebte und Erreichte klar zu werden. Mit 3:2 Toren bezwang die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Mittwoch im Halbfinale der Europameisterschaft die Türkei - das Triumphgebaren der glücklichen Gewinner hielt sich hinterher in engen Grenzen, sie wirkten zufrieden und von einer Last befreit. Aber auch fix und alle.

Es war ein Erfolg, der lange auf des Messers Schneide stand. Die Männer von Joachim Löw qualifizierten sich damit für das Turnier-Endspiel an diesem Sonntag. Der Bundestrainer, der in der schwülen Sommer-Hitze von Basel an der Seitenlinie mächtig litt und hinterher in seinem durchschwitzten weißen Hemd fast so ausgelaugt daherkam wie seine Spieler, sprach in der Nacht zum Donnerstag von einem „Sieg auf Biegen und Brechen“ und einem „Riesenfight, nach einer Wahnsinnsdramaturgie“.

Siegermentalität und spielerische Mängel

Gleich in seinem ersten Turnier als verantwortlicher Chefcoach greift der Klinsmann-Nachfolger nach einem Titel. „Wir haben bewiesen, dass wir die Siegermentalität haben, um noch mehr zu erreichen“, sagte Löw, der aber auch zu Recht viele spielerische Mängel kritisierte. „Ich bin schon geschafft. Es war eine unglaubliche Spannung bis zur letzten Sekunde, die Freude ist außerordentlich groß.“

Sein Pendant auf der anderen Seite wirkte ungleich freudloser. Fatih Terim entschuldigte sich zunächst mit grimmiger Miene und allerhand Pathos beim türkischen Volk, dem wir „gerne das Finale geschenkt hätten“. Es sei schwer zu verdauen, derart unverdient geschlagen nach Hause fahren zu müssen. Doch auf die Leistung könne seine Truppe stolz sein. Ähnlich beurteilte es später auch Löw, der dem Gegner ein Kompliment machte für „eine phantastische Leistung, die uns alles abverlangt hat“. Terim tröstete das wenig: er kündigte seinen Rücktritt an. (Siehe: Türkei: „Wir werden Terim nicht aufgeben“).

Münchner Matchwinner mit dem Last-Minute-Tor

Es hätte tatsächlich nicht viel gefehlt, und die stark ersatzgeschwächten deutschen Widersacher wären mit lachenden Gesichtern vom Platz marschiert. So aber führte Philipp Lahm in letzter Minute die deutsche Nationalmannschaft zum sechsten Mal in ein EM-Endspiel. Mit seinem ersten Länderspiel-Treffer seit dem WM-Auftakt 2006 gegen Costa Rica verhinderte der Münchner Abwehrspieler kurz vor Ende der regulären Spielzeit einen zweiten Halbfinal-Alptraum binnen zwei Jahren. Das „Sommermärchen Teil II“ also geht über die Vorschlussrunde hinaus.

Vor 40.000 Besuchern hatte Bastian Schweinsteiger (26. Minute) die türkische Führung durch Ugur Boral (22.) wettgemacht. Nach dem 2:1 durch Miroslav Klose (79.) bewiesen die Türken beim dritten Turniertor von Semih Sentürk (86.) einmal mehr ihre schier unglaubliche Fähigkeit, scheinbar schon verlorene Begegnungen noch aus dem Feuer zu reißen. Doch diesmal wurden sie selbst im letzten Moment bezwungen. „Wir waren heute vielleicht die besseren Türken“, umschrieb Torwart Jens Lehmann die für ihn und die Seinen fröhliche Wendung des Schicksals, „mit unserem Kampfgeist haben sie nicht so gerechnet.“ (Siehe: Stimmen zum Spiel: „Natürlich wollen wir das Finale gewinnen“).

Mit dem Weiterkommen wuchs die Prämie für jeden deutschen Profi auf 150.000 Euro an - bei einem Sieg am Sonntag in Wien kommen weitere 100.000 dazu. Sicherlich auch ein schöner Anreiz.

Freude Ja, ausgelassene Party nein

Ähnlich überschwängliche Jubel-Szenen wie nach dem Husarenstück im Viertelfinal über die Portugiesen stellten sich diesmal im Stadion nicht ein. Lukas Podolski und Schweinsteiger, die beiden Münchner Spaßvögel vom Dienst, animierten ihre Kollegen zwar als Party-Dirigenten noch kurz zu einem Tänzchen vor der Kurve der wieder zu Tausenden angereisten Unterstützer - doch es fehlte allen Protagonisten nach dem neunzigminütigen Kraftakt in der gewittrigen Atmosphäre des ausverkauften St.-Jakob-Parks ein wenig an Puste, um auch in diesem Moment noch einmal groß aufzudrehen.

Sie schnappte sich stattdessen die von Betreuern gereichten Getränkeflaschen, winkten ins weite Rund und verzogen sich einer nach dem anderen flugs in die Umkleide. Michael Ballack, der Kapitän, und Löw, sein unmittelbarer Vorgesetzter, standen noch kurz eng umschlungen am Rand des Geschehens, klopften sich auf die Schultern, dann verließen auch die beiden wichtigsten Köpfe dieser Seilschaft die Bühne, jeweils mit erhobenem Daumen - was wie ein Dank und zugleich wie ein Versprechen an die Gefolgsleute auf den Zuschauerplätzen wirkte, dass sie sich noch auf eine entscheidende Zugabe freuen dürfen. Nach dem Motto: Kommt wieder am Sonntag, dann werdet Ihr schon sehen!

Der nächste Gegner? Podolski ist es egal

„Wien ist das Ziel“ - stand in übergroßen Buchstaben auf einem Transparent, dass über der Tribüne der deutschen Anhänger angebracht war. Das haben sie durch eine Mischung aus Leidenschaft, Willen und einer großen Portion Glück erreicht. Damit alleine gab sich aber niemand zufrieden. „Jetzt haben wir die riesige Chance, auf die wir seit Wochen hingearbeitet haben“, sprach Ballack, „das möchten wir uns nicht mehr nehmen lassen.“

In der österreichischen Hauptstadt geht es in drei Tagen gegen den Sieger der zweiten Vorschlussrunden-Partie zwischen Spanien und Russland, die sich an diesem Donnerstag gegenüberstehen (20.45 Uhr, FAZ.NET-Euro-Live-Ticker). Durch den ersten Sieg gegen die Türken seit 16 Jahren ist das Tor zum großen Glück weit aufgestoßen, nun wollen sie auch durchmarschieren; ganz gleich, wer sich ihnen an der Schwelle entgegenstellt. „Der Gegner ist mir egal“, gab Podolski gewohnt unaufgeregt zu Protokoll, „wer kommt, dem stellen wir uns.“

Bereit für die letzte Prüfung

Seit dem Triumph bei der EM vor zwölf Jahren gewann eine deutsche Mannschaft außer Erfahrung nichts von bleibendem Wert. Gerade die EM-Auftritte waren vielfach Trauerspiele, Tiefpunkte in der Verbandsgeschichte: 2000 scheiterte eine charakterlose Mannschaft mit einem hilflosen Trainer Erich Ribbeck kläglich, 2004 trat Rudi Völler nach der Vorrundenniederlage gegen Tschechien zurück.

Wenn um den Henri-Delaunay-Pokal gekämpft wurde, spielte Deutschland lange keine Rolle. Das hat sich in den vergangenen zwei Wochen nachhaltig geändert. Es besteht die Möglichkeit, dass mit einem beherzten Auftritt der Fluch der jüngeren EM-Vergangenheit weggefegt wird. „Endlich“, wie Verteidiger Christoph Metzelder anfügte, „wir sind bereit für die letzte Prüfung.“ Es wird vor allem auf gute Nerven ankommen - eine Grundvoraussetzung, die ihnen gegen die Türken schon abhanden gekommen schien.

Ballack in Manndeckung - keine schlechte Idee von Terim

Es stand die gleiche Formation zu Beginn wie im Portugal-Spiel auf dem Platz. Es war aber keine vergleichbare Mannschaftsleistung zu sehen. „Die erste Halbzeit war nicht gut von uns“, gestand Ballack ein: „Zum Schluss hat die Mannschaft aber noch einmal gebissen und Moral gezeigt.“ Er selbst war von seinem Bewacher Mehmet Aurelio fast völlig aus dem Spiel genommen worden. Über weite Strecken fand die deutsche Mannschaft überhaupt keine Einstellung zu ihrem mutigen Herausforderer, der taktisch sehr diszipliniert auftrat und trotz großer Sorgen Behauptungswillen bewies. „Es hat entschieden an Effizienz gefehlt“, nannte es Löw.

Die von dem Bank-Rückkehrer nach der Devise „Never change a winning team“ auf den Rasen geschickte Elf stand dem türkischen Forechecking lange beinahe hilflos gegenüber, ging aber auch nicht energisch genug in die Zweikämpfe - wie bereits bei der Vorrunden-Pleite gegen Kroatien. Lahm bekam Kazim nicht in den Griff, und auch Arne Friedrich auf der rechten Seite besaß gegen Ugur mehr als einmal große Probleme.

„Es war kein großartiges Spiel, aber ein solides“

Während Podolski in der Offensive ein weiteres solides Spiel ablieferte (aber aufs neue Schwächen bei seinen Abwehrverpflichtungen offenbarte), konnte Ballack kaum Akzente setzen. Gar nicht in die Partie fand auch Simon Rolfes, der Ballsicherheit vermissen ließ. Wegen einer Platzwunde an der Schläfe, die vor Ort mit sechs Stichen genäht wurde, blieb der Leverkusener beim Seitenwechsel in der Kabine und wurde durch Torsten Frings ersetzt, der neun Tage nach seinem Rippenbruch aus der Österreich-Partie sein Comeback feierte. Der Bremer musste gleich in den Zweikampf-Härtetest und mithelfen, die vielen Löcher zu stopfen. Was ihm bei seinem Comeback ordentlich gelang.

„Es war kein großartiges Spiel, aber ein solides“, umschrieb es Lahm, der kurz vor Ultimo den aufsässigen Aufsteiger entscheidend traf, „wenn wir die richtigen Lehren daraus ziehen, bin ich optimistisch fürs Wochenende.“ Kraft tanken und die richtigen Rezepte gegen die Folgen der Erschöpfung finden, seien die vordringlichsten Aufgaben in der Vorbereitung auf den Höhepunkt bei diesem Wettbewerb, sagte Ballack vor der frühmorgendlichen Rückkehr ins Quartier im Tessin.

Angela Merkel „hielt die Luft an“

Zur kurzen Feier des am Ende spannenden und aus deutscher Sicht doch noch gelungenen Tages gratulierte auf den Rängen auch eine heiter gestimmte Bundeskanzlerin dem Fußball-Kaiser an ihrer Seite, Franz Beckenbauer. Und Angela Merkel, per SMS bestens informiert über die allgemein friedliche Lage bei den großen Public-Viewing-Partys in der Heimat, freute sich aus zweierlei Gründen: „Es ist ein toller Erfolg für die Mannschaft“, sagte die Kanzlerin lächelnd, „und ich bin zuversichtlich, das jetzt zuhause die Deutschen und Türken gemeinsam nach einem spannenden Fußballspiel ein schönes Fest feiern werden.“

Angela Merkel sagte, sie habe „auch die Luft angehalten“, sie zeigte sich aber guten Mutes, „dass wir nun ein ganz tolles Finale spielen werden“, wie sie der Mannschaft von Löw als Verpflichtung mit auf den Weg nach Wien gab. Ihre Hoffnung ist die von Millionen, die am Sonntag zur nächsten Party rüsten.

Deutschland - Türkei 3:2 (1:1)
Deutschland:
Lehmann - Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm - Rolfes (46. Frings), Hitzlsperger - Schweinsteiger, Ballack, Podolski - Klose (90.+2 Jansen). - Trainer: Löw
Türkei: Rüstü - Sabri, Mehmet Topal, Gökhan, Hakan - Mehmet Aurelio - Kazim (90.+1 Tümer), Hamit Altintop, Ayhan (81. Mevlüt), Ugur (84. Gökdeniz) - Semih. - Trainer: Terim
Schiedsrichter: Massimo Busacca (Schweiz)
Tore: 0:1 Ugur (22.), 1:1 Schweinsteiger (26.), 2:1 Klose (79. ), 2:2 Semih (86.), 3:2 Lahm (90.)
Zuschauer in Basel: 39.374 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - Semih



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, Opta Sport Daten, REUTERS, ZDF

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