Es war ein einmaliges Erlebnis. Das darf und soll es aber auch getrost bleiben. Joachim Löw erlebte den Halbfinaleinzug seiner Mannschaft bei der Europameisterschaft notgedrungen wie ein Tiger im Zoo-Käfig: Hinter dicken Glasscheiben, fernab vom Ort des eigentlichen Geschehen, hoch oben in einer Loge unter dem Dach des Basel St.-Jakob-Park-Stadions.
Es waren dramatische neunzig Minuten, berichtete der Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Tag nach dem packenden 3:2-Sieg gegen Portugal. Die Außergewöhnlichkeit des Ereignisses, das merkte man seinen Ausführungen an, die fast genauso lang dauerten wie eine Halbzeit, wirkte auch mit einigem zeitlichen Abstand noch in ihm nach.
Es dauerte weitere zehn Minuten, ehe Löw am Donnerstagabend zu seiner feiernden Mannschaft vorgelassen wurde. So sah es die Bestimmung der Europäischen Fußball-Union (Uefa), die dem Coach nach seiner Ankunft in der Arena einen Begleiter zur Verfügung stellte, damit er nach seiner Sperre nach dem Tribünenverweis aus dem Österreich-Spiel keinen Kontakt mehr zu seinem Team aufnehmen konnte.
Der Sonderbewacher führte Löw zunächst in einen kleinen Raum, in dem er sich mit Getränken erfrischen konnte, mit einem Holztisch, auf dem Aspirin und Baldriantropfen bereit gehalten wurden. Auf die beiden Klassiker aus jeder deutschen Hausapotheke konnte der nach eigenen Angaben sehr, sehr angespannte Espresso-Trinker mit dem niedrigen Ruhepuls aber verzichten.
Nicht jedoch auf die eine oder andere sogenannte Light-Zigarette, mit der der Asket während der Begegnung seine Aufregung zu bekämpfen versuchte. Das wurde von der Uefa nicht verboten, erzählte Löw. Sein Handy durfte er behalten. Kontakt, wie ihn der ebenfalls schon einmal gesperrte frühere Chelsea-Coach José Mourinho durch zahlreiche SMS zur Bank hielt, gab es aber nicht, beteuerte Löw.
Den Spielern und Assistenzcoach Hansi Flick blieben die Leiden ihres Chefs nicht verborgen. Ich hab ihn ein paar Mal oben auf der Leinwand gesehen, wie der am Mitfiebern war, erzählte Lukas Podolski. Und Michael Ballack schaute nach seinem Tor zum 3:1 entschlossen zu seinem Vorgesetzten hinauf, als wolle er ihm beruhigend signalisieren: Wir packen das!
Löws erster Dank in der Kabine galt nicht nur den Kickern, sondern auch seinen wichtigsten Mitarbeitern. Hansi Flick und Andi Köpke haben die Arbeit wirklich hervorragend gemacht und klasse gecoacht, sagte Löw gelöst am Freitagmittag vor fast zweihundert Journalisten im Teamquartier am Lago Maggiore.
Am Nachmittag öffnete das ansonsten hermetisch abgeriegelte Hotel der deutschen Delegation seine Tore am Seeufer, um Lebensgefährtinnen und Kinder der Spieler für ein paar Stunden einzulassen. Das ist gut für die Stimmung, meinte Löw, der sich dagegen verwahrte, dass solche familienfreundlichen Regelungen der Konzentration auf das Wesentliche bei diesem Turnier stören könnten.
Das haben wir im Trainingslager in Mallorca so besprochen, das halten wir bei; fast sechseinhalb Tage bleiben ihm und seinem Betreuerstab, damit sich die Mannschaft nun bestmöglich auf das Vorschlussrundenmatch vorbereitet, ein paar Stunden im Kreis der Liebsten sei dabei hervorragend für die Motivation, die Spieler, so Löw, sollten sich ausfreuen, ehe von Samstag an die Anspannung wieder steige.
Wille, Leidenschaft und Spielkultur auf hohem Niveau hatte der Bundestrainer von seinem Hochsitz aus im Spiel gegen die Portugiesen entdeckt, von dort war sehr gut zu sehen, dass wir sehr gut strukturiert waren und unsere Raumaufteilung hervorragend funktionierte. Löw musste sich während des Ernstfalls zwar fern halten von seinen Leuten, doch in den Stunden vor dem Anpfiff stellte er sich bestmöglich ein. Dieser Achtungserfolg, das hob er hervor, hatte viele Väter. Ganz viele.
Neues Personal, neue Taktik: Die deutsche Mannschaft überraschte gegen den Titelfavoriten, der in den vorangegangenen drei Vorrundenpartien geglänzt hatte, mit einer prächtig funktionierenden Systemumstellung.
Unmittelbar nach dem nicht so zufriedenstellenden Spielen gegen Kroatien und Österreich sei noch im Flieger auf der Rückreise ins Tessin die Erkenntnis gereift, dass wir kleine Korrekturen vornehmen müssen. Die Bereitschaft zur Veränderung wuchs sich nach dem Rippenbruch bei Abfangjäger Torsten Frings zur zwingenden Notwendigkeit aus. Das 4-4-2-Aufteilung, in den vergangenen beiden Jahren das Markenzeichen der zeitgemäßen Fußball-Handschrift von Löw, verwandelte sich in eine 4-3-2-1-Version. Resultat: der größtmögliche Erfolg.
Es war einfach so, dass wir nicht so stabil über Außen waren, begründete Löw die Umstellung. Und da war die Aussicht auf ein tempogeladenes Rendezvous mit den Virtuosen Cristiano Ronaldo, Deco oder Simão nichts, auf das man sich wirklich freute. Zudem hingen in der Vorrunde die deutschen Stürmer in der Luft, war das Mittelfeld überlastet und der Druck auf die Abwehr gegen Kroatien und gegen Ende im Österreich-Spiel zu groß
Löw und seine Mitstreiter entschieden sich daher für den Beginn mit der einzelnen Spitze Miroslav Klose und einer offensiven Dreierkette dahinter - was erhebliche Vorteile mit sich brachte. Wir waren sehr dynamisch nach vorne und kompakt im Zentrum, stellte Löw zufrieden fest.
Ballack, bislang im Turnier durch seine Defensivpflichten zu sehr gebunden, rutschte in der Schaltzentrale der Dreierkette mehr in Richtung des gegnerischen Strafraums und konnte stärker dirigierend ins Spiel eingreifen, während ihm die Doppel-Sechs mit Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger den Rücken frei hielten.
Die Umstellung hat uns geholfen. Wir waren präsenter im Mittelfeld und hatten da mehr Kontrolle und mehr Ballbesitz, unterstrich Ballack die Wirkung des Wechselspiels. Der Kapitän wertete die überraschende Abkehr von zwei Stürmern zugleich als deutliches Zeichen an die verbliebene Konkurrenz, dass wir die Kreativität besitzen, von der uns manchmal nachgesagt wird, dass wir sie nicht haben.
Die Spieler, die sich schon jetzt über je 100.000 Euro Prämie freuen dürfen, haben das Signal ihres Anführers verstanden. Der Akku ist noch nicht leer, sagte Lukas Podolski, der gegen die Portugiesen mit seinem Spezi Bastian Schweinsteiger zu den besten Deutschen gehörte. Noch zwei Spiele, dann sind wir an unserem Ziel. Da wird sich jeder noch einmal richtig reinhängen.
Einstellung und Aufstellung können sich ohne Zweifel als die die großen Trümpfe in der kommenden Woche entpuppen. In der Verfassung vom Portugal-Spiel braucht die deutsche Mannschaft jedenfalls keinen der noch im Turnier verbliebenen Mitbewerber fürchten.

FAZ.NET-Umfrage: Die Turniermannschaft ist wieder da! Nach schwachen bis mäßigen Leistungen in der Vorrunde glänzte die Flick-Elf im Viertelfinale gegen Portugal. Den Platz unter den Top-Vier hat Deutschland schon sicher. Geht's noch weiter? Stimmen Sie ab!
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS