Löws Allzweckwaffe

Wireless Lahm

Von Marc Heinrich, Ascona

Ein Mann für alle Fälle: Philipp Lahm ist zum Leistungsträger gereift

Ein Mann für alle Fälle: Philipp Lahm ist zum Leistungsträger gereift

18. Juni 2008 Die halbe deutsche Mannschaft saß schon im Bus, da schritt Philipp Lahm immer noch durch die Mixed-Zone des Ernst-Happel-Stadions: Interviews, Trikottausch mit dem gegnerischen Kapitän Martin Stranzl, ein kurzer Plausch mit dem österreichischen Trainer Josef Hickersberger, der ihm die Hand auf die Schulter legte und für den weiteren Verlauf der Europameisterschaft persönlich alles Gute wünschte.

Wer Lahm nach dem entscheidenden Vorrundenspiel in Wien, das die deutsche Mannschaft nur knapp mit 1:0 gewonnen hatte, schweren Schrittes vom Kabinengang in Richtung Teamgefährt schleichen sah, konnte auf den ersten Blick glauben, es handele sich um einen kleinen Balljungen, der sich im Ausgang geirrt habe. Ein fataler Irrglaube.

Ein kleines Schwergewicht

Der Profi des FC Bayern ist zwar nur 1,70 Meter groß und von so zarter Statur, dass er, als alle Nationalspieler ihre Fußabdrücke für ein Kunstwerk in Lehm setzten, von den Kollegen wegen mangelnder eigener Schwerkraft in den Lehm gedrückt werden musste werden musste, weil er zu viel wenig auf den Rippen hat. Doch ein Nobody ist er längst nicht mehr; das Milchbubi-Image, mit dem er sich während seiner Anfangszeit in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) rumärgern musste, ist abgelegt.

Klein, aber fein. Lahm ist in der Hackordnung, und was seine Bedeutung für das Team des dreimaligen Weltmeisters angeht, längst eines der Schwergewichte. Im Wembley-Stadion im vergangenen August beim 2:1-Sieg gegen England trug er sogar schon einmal die Kapitänsbinde.

Lahm holte den Freistoß heraus

Über zehn Kilometer, wie Bundestrainer Joachim Löw stolz berichtete, flitzte der gebürtige Münchner beim Sieg gegen Österreich über den Rasen. Der 24-jährige erfüllte seine defensive Aufgabe in der Viererabwehrkette nach Plan. Und hatte Luft für mehr. Mit seinem Solo in der 49. Minute über den halben Platz holte er den entscheidenden Freistoß für Michael Ballack heraus. „Das Tor fiel zum richtigen Augenblick. Danach hatten wir Ruhe“, sagte der Wegbereiter. Das sei aber nur die Ruhe vor dem Sturm. Lahm warnte: „Der Sieg gegen Österreich ist kein Grund zum Feiern. Gegen Portugal sind wir jetzt richtig gefordert.“

Sein Aufstieg zum Leistungsträger und Sympathieträger ist eng verbunden mit einem Treffer, der vor zwei Jahren eine famose Weltmeisterschaft für die deutsche Mannschaft einleitete. Sein 1:0 im Eröffnungsspiel von München gegen Costa Rica war der entscheidende Weckruf an die deutsche Mannschaft und die halbe Republik, die fortan ins Träumen geriet. Tatsächlich bestritt der rastlose Außenverteidiger als einziger der „Klinsmänner“ alle Spiele über die komplette Distanz und wurde später mit großer Mehrheit ins All-Star-Team gewählt.

Verändertes Standing

„Es war eine klasse Zeit“, sagt Lahm im Rückblick. Sich von den schönen Erinnerungen die Gegenwart verklären zu lassen - dieser Gefahr erliegt er nicht: „Auf dem, was war, darauf dürfen wir uns nicht ausruhen.“
Dass seine Worte im Mannschaftskreis und bei der Führung Gehör finden, daran besteht kein Zweifel. Nach den nicht nach Wunsch verlaufenen Auftritten gegen Kroaten und Österreich sprach er deutlicher als viele andere die Defizite offen an. Wo man sich verbessern müsse? „In der Offensive, in der Defensive - eigentlich überall.“

In den vergangenen beiden Jahren veränderte sich nicht nur Lahms Standing in der Nationalelf, sondern auch sein Einsatzgebiet. Er wird nicht mehr nur auf der einst für ihn reservierten linken Abwehrseite eingesetzt wie bei der Weltmeisterschaft, sondern rückt bei Bedarf auch auf rechts, wenn es Löws Taktik verlangt.

Löw: „Lahm findet mit seiner Spielintelligenz fast immer die richtige Lösung“

Er selbst würde gegen die Portugiesen am liebsten über Rechtsaußen Dampf machen. „Weil ich da einen Tick stärker bin“, beschrieb er. „Vielleicht ist das aber auch nur ein Gefühl.“ Aber dieses Gefühl gebe ihm Sicherheit. Wenn er mit einem Gegenspieler mitlaufe, könne er ihn mit rechts, seinem stärkeren Fuß, attackieren. „Ich weiß nicht, ob man das verstehen kann, wenn man nicht Fußball spielt. Es sind Details, aber die entscheiden heute“, sagte „Wireless Lahm“, wie er von Mehmet Scholl, seinem ehemaligen Teamkollegen und aktuellem ARD-Fernsehexperten, gerufen wird.

Der Spitzname ist Programm. Der Wirbelwind soll auch im Hopp-oder-Top-Match gegen die Portugiesen mit seiner Geschwindigkeit und seiner selbst bei hohem Tempo famosen Ballbehandlung für Unruhe in der gegnerischen Hälfte sorgen, wie Löw ankündigte. „Lahm ist unser vielseitigster Spieler, er findet mit seiner Spielintelligenz fast immer die richtige Lösung.“

Verantwortung - nicht nur im Stadion

Trotz seines Status gehört Lahm zur überschaubaren Gruppe der Fußballprofis, die auch nach einem kometenhaften Aufstieg die Bodenhaftung nicht verloren haben. „Ich hatte eine Superkindheit. Wenn man mit 24 Jahren 44 Länderspiele hat, bei zwei Europameisterschaften und bei einer Weltmeisterschaft mitspielen durfte, was will man da mehr vom Leben?“, meinte er, ohne die zu vergessen, die nicht auf der Sonnenseite stehen.

Lahm, der mit seinem Konterfei auf Plakaten an den deutschen Autobahnen vor gefährlicher Raserei warnt, brachte 150.000 Euro in seine eigene Stiftung ein, unterstützt SOS-Kinderdörfer, das Bündnis für Kinder und den Welt-Aids-Tag. „Ich muss mehr Verantwortung übernehmen“, sagte der Abwehrspieler - und das eben nicht nur im Stadion.

Wiedersehen mit Klinsmann

Kurz vor der Europameisterschaft klärte Lahm noch ein wichtiges Detail und kann nun - anders als zum Beispiel Mario Gomez - die Zukunft gelassen auf sich zukommen lassen. Er verlängerte seinen Vertrag in München bis 2012; er sagte dafür dem FC Barcelona ab, der viele Millionen bot. Klinsmann, sein Entdecker und künftiger Bayern-Trainer, hatte sich aus Kalifornien in die Verhandlungen eingeschaltet.

Lahm bestreitet zwar, dass sein früherer Förderer den Ausschlag für sein Ja-Wort gegeben habe, aber die Visionen Klinsmanns dürften ihm gefallen. „Ich kenne seine Ansichten, ich weiß, wie das Training aussehen wird und wie sich Mannschaft sowie Umfeld entwickeln werden. Das war wichtig, denn ich will auch international was erreichen.“ In der Nationalmannschaft schoss Lahm bis zu diesem Donnerstag zwei Tore. Eins 2004, das andere 2006. Alle zwei Jahre war er also erfolgreich. Es wäre also bald mal wieder so weit.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa

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