09. Juni 2008 Eine Umarmung wie der Ritterschlag. Fest drückte der weißhaarige Trainerfuchs Leo Beenhakker den um viele Titel ärmeren und jüngeren Kollegen Joachim Löw nach dem geglückten deutschen EM-Start an seine Brust, als wollte der niederländische Coach der Polen damit seiner Anerkennung für die Premierenleistung des Gegenübers besonderen Ausdruck verleihen. Also: Willkommen im Klub der Könner!
Mit dem glatten 2:0 hat der deutsche Bundestrainer nicht nur für seinen persönlichen Lebenslauf eine schöne statistische Basis gelegt und sein erstes Turnierspiel in der Rolle des Chefs gewonnen. Die saubere Punktlandung mit seiner Mannschaft zu Beginn der entscheidenden Wochen im Alpenfußballland ist Motivation für den Aufstieg auf den vielbeschworenen Gipfel, den die Nationalelf in diesem Sommer zu erklimmen gedenkt.
Alle Maßnahmen haben gezogen
Das, was einem guten Trainer in den wichtigsten Momenten gelingen muss, hat Löw geliefert. Seine Spieler wirkten gegen die polnische Auswahl von der ersten Minute an konzentriert und spielerisch in bester Verfassung, um als Agierende den Gegner sofort in die schlechtere Position des Reagierenden zu manövrieren. Die Mannschaft ließ erkennen, dass die vergangenen drei Wochen der Vorbereitung erfolgreich zur Stärkung von Geist und Körper genutzt worden sind. Alle Maßnahmen haben gezogen, sagte der Teammanager Oliver Bierhoff.
Überzeugend wirkte Löws taktischer Winkelzug, Lukas Podolski an den linken Rand des Mittelfelds zu stellen, um damit die Offensivabteilung zu vitalisieren. Hier ließ sich der Bundestrainer von seinen letzten Eindrücken inspirieren, entschied sich für das Leistungsprinzip. Er zog den seit Wochen eifrig arbeitenden Stürmer dem instabilen Bastian Schweinsteiger vor - und wurde am Ende für den Willen zur punktuellen Veränderung belohnt.
Er hat ein gutes Fundament gelegt
Löw hat mit dieser Personalpolitik, die auf die Kraft alter Gewohnheiten verzichten kann, auch Zweifel bekämpfen können, die zuletzt an seiner Strategie aufgekommen waren. Dem Bundestrainer wurde die Scheu zugeschrieben, nichts riskieren zu wollen - und das Leistungsprinzip dadurch intern zu vernachlässigen. Also das Gegenteil dessen, wofür sein Vorgänger Klinsmann stand. Bei der finalen Spielerauswahl für dieses Turnier hatte Löw in erster Linie auf die alten WM-Helden gesetzt und nach seinem Casting die jungen Kräfte Marin, Jones und Helmes nach Hause geschickt. Das wunderte nicht wenige.
Hinzu kam das über die vergangenen Monate klare Bekenntnis zum wankenden Torwart-Dino Jens Lehmann und zum lange verletzten Innenverteidiger Metzelder. Dies vermittelte den Eindruck, als wäre es bei einigen Personalentscheidungen nicht um die Qualitätsfrage gegangen, sondern darum, welche am leichtesten fallen würden.
Nicht die Balance verlieren
Schon sprach man wieder vom netten Herrn Löw. Vielleicht zu nett für das Spiel der Großen? Über dieses Bild hat der Bundestrainer immer nur lächeln können. Jetzt noch mehr nach dem Volltreffer zum Einstieg in das EM-Turnier.
Löw hat für sich und die Mannschaft ein gutes Fundament gelegt, auf dem sich nun sportlich aufbauen lässt. Der Gipfelsturm hat begonnen, und Löws Seilschaft steht auf einer vielversprechenden Ausgangshöhe. Jetzt geht es nicht nur darum, die Kräfte beim weiteren Aufstieg gut einzuteilen, sondern auch darum, auf dem schmalen Grat zwischen übersteigertem Selbstbewusstsein und gefährlicher Selbstgefälligkeit nicht die Balance zu verlieren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS