Von Dieter Hoß
3:1 durch Gerd Müller (dunkles Trikot): 1972 siegt die Nationalelf erstmals in England, wird später in Brüssel Europameister. Die Jahrhundertelf ist geboren
28. Juni 2008 Ach, Du kannst Dich an '74 ja noch erinnern! Das Erstaunen der jüngeren Kollegen war für mich neben der Halbfinal-Niederlage unserer WM-Helden der vielleicht dunkelste Moment des Sommermärchens 2006. Selten wurde mir deutlicher vor Augen geführt, dass ich so langsam in die Jahre gekommen bin. Doch die volle Wahrheit ist sogar noch bitterer: Meine fußballerische Erinnerung reicht nämlich noch weiter zurück - bis 1972, als zum ersten Mal eine deutsche Nationalmannschaft im Finale einer Europameisterschaft stand und gewann.
An Public Viewing war damals natürlich noch nicht zu denken. Im Gegenteil: Wer auch nur in der Eck-Kneipe guckte, geriet sofort in den Verdacht, sich keinen Fernseher leisten zu können. Man schaute zu Hause, in schwarz-weiß, und fragte am Tag darauf Verwandte, Freunde oder Kollegen: Hast Du auch das Spiel gesehen? Natürlich hatten sie.
Die legendären 72er
Vom damaligen Finale, das unsere Familie also im Wohnzimmer am Schwarz-Weiß-Fernseher verfolgte, ist mir vor allem ein Transparent auf den Zuschauerrängen in Erinnerung geblieben: Glaube nicht an Spuk und böse Geister, Deutschland wird Europameister. Das 72er Team war in Europa derart überragend, dass es keinen Zweifel an einem Sieg gab - erst recht nicht, seit Beckenbauer, Netzer, Müller und Co. im Viertelfinale, das damals noch in Hin- und Rückspiel ausgetragen wurde, England ausgeschaltet hatte. Das legendäre 3:1 war der erste Sieg eines deutschen Teams im Londoner Wembley-Stadion - und wohl das erste Spiel, das ich bewusst in voller Länge gesehen habe. Es war eines jener Spiele, das Zuschauer zu Fans macht, ein Spiel, von dem Günter Netzer einmal sagte: Da waren wir der Perfektion sehr nah. Ich durfte bis zum Abpfiff wach bleiben, mein Onkel tanzte auf dem Tisch. Ein denkwürdiger Tag.
Etwa zwei Monate später war die Sowjetunion im Finale wirklich kein echter Gegner. Gerd Müller und Hacki Wimmer von meinen Gladbachern sorgten in Brüssel für ein nie gefährdetes 3:0, das Transparent lautete nach dem Spiel Glaube nicht an Spuk und böse Geister, Deutschland ist Europameister und ich dachte mit meinen knapp neun Jahren: Wie mag das für die anderen sein, wenn unsere doch fast immer gewinnen?
Hoeneß verschießt in bunt
Seit dem Sieg der später so getauften Jahrhundertelf, die 18 Jahre nach dem unvergessenen Wunder von Bern wieder ein großes Turnier gewann, gelang der deutschen Nationalmannschaft inklusive des aktuellen Alpenerfolgs noch fünfmal der Einzug in ein EM-Finale. Dreimal holte sie den Titel, wie es am Sonntag ausgeht wissen wir natürlich noch nicht. Erstaunlicherweise entscheidet nicht Sieg oder Niederlage, ob man sich in besonderer Weise erinnert. Die Europameister von 1980 sind mir kaum im Gedächtnis geblieben. Kopfballungeheuer Horst Hrubesch machte die Tore beim 2:1-Finalsieg gegen Belgien, gefüttert von Manni Kaltz' berühmten Bananenflanken, denke ich. Es war das dritte EM-Finale in Folge. Aber sonst?
Uli Hoeneß' Fehlschuss im Elfmeterschießen des verlorenen EM-Finales von Belgrad vier Jahre zuvor ist dagegen unvergessen. Geguckt wurde immer noch zuhause, inzwischen aber in bunt, denn zur WM im eigenen Land waren zwei Jahre zuvor zahlreiche Farbfernseher gekauft worden, an deren nicht selten milchig-verschwommenen Bildern man sich munter die Augen verdarb. In faszinierenden, dramatischen Kämpfen hatte sich die deutsche Elf vorgearbeitet. Das Halbfinale gegen Gastgeber Jugoslawien war schon verloren, ehe der eingewechselte Debütant Dieter Müller vom 1.FC Köln erst die Verlängerung erzwang und dann mit zwei weiteren Toren die deutsche Elf ins Finale schoss. Im Endspiel gelang der Ausgleich nach 0:2-Rückstand noch in der 90. Minute. Doch als Hoeneß seinen Elfmeter verschoss, war alles vorbei, die Tschechen gewannen den Pokal. Ist es wirklich war, dass wir seither kein Elfmeterschießen mehr verloren haben? Unglaublich.
Wiedervereinigung, Alltag und die EM
Keines dieser Spiele aber machte aus dem Fußball eine solche Massenbewegung wie er es seit der WM 2006 ist. Verlosung von Tickets? Bei der WM '74 war längst nicht jedes Spiel ausverkauft, bei nicht wenigen Begegnungen gab es Eintrittskarten an der Tageskasse. Kein Mensch fuhr mit dem Auto Fähnchen spazieren oder trug Sporttrikots auf der Straße, die meisten nicht mal im Stadion. Und Autokorsos mit hupenden Herzen und wehenden Fahnen gab es auch nicht.
Dieser Brauch entwickelte sich hierzulande im Grunde erst, als der Sieg bei der WM 1990 in Italien die Begeisterung über die Wiedervereinigung auffrischte. In der anhaltenden Freude über die politischen Entwicklungen verwunderten schwarz-rot-goldene Fahnenmeere, die plötzlich die Straßen verstopften, niemanden - auch wenn es nur Fußball ging. Der Kaiser verkündete, mit den Spielern aus den neuen Bundesländern sei Deutschland praktisch auf Jahre hinaus nicht zu schlagen - und hatte damit mächtig unrecht. Zwei Jahre später ließen sich die Weltmeister von einer untrainierten dänischen Mannschaft, die nur durch den Ausschluss Jugoslawiens ins 92er EM-Turnier geschliddert war, überrollen. 0:2 hieß es im Finale von Göteborg. Meine Abiturklasse feierte gleichzeitig ihr Zehnjähriges. Irgendwo in einer Ecke lief in einem Fernseher das Spiel. Immerhin: In den Siebzigern hätte es selbst das nicht gegeben. Wir registrierten das Ergebnis. Mehr nicht. Längst war der Alltag eingezogen - im Fußball wie im vereinten Deutschland. Was die früheren Mitschüler zu berichten hatten, war jedenfalls interessanter.
Stets ein Korso im Weg
Football is comin' home hieß es vier Jahre später. Der inzwischen zu den bekanntesten Fußball-Hits zählende Titel war Teil der Inszenierung der ersten EM heutiger Größe in England. Seit dem '96er Turnier gehören Autokorsos für mich untrennbar zu einer solchen Meisterschaft: Wann immer ich auch von der Arbeit nach Hause fuhr, stets war mein Weg versperrt: Ob Kroaten, Türken, Italiener, Portugiesen, Spanier oder Deutsche - irgendein Team hatte immer gerade gewonnen, irgendeine Fahne wurde immer geschwenkt. Bierhoffs Golden Goal im Endspiel erlebte ich damals in einem kleinen Fernseher an einem Küchentisch. Warum weiß ich nicht mehr, aber wir verfolgten das Finale aufmerksam. Das Spiel lief schlecht für die Deutschen, die Einwechslung des umstrittenen Stürmers wirkte eher wie eine Verzweiflungstat. Und dann schoss der Mann zwei Tore. Der dritte Titel.
Nun also das nächste, das sechste Finale. Nach dem Gesetz der Serie sieht es nicht gut aus, denn auf ein gewonnenes EM-Endspiel folgte bisher stets eine finale Niederlage. Aber nach dem Gesetz der Serie dürften die notorisch erfolglosen Spanier auch nicht der Gegner sein. Hoffentlich wird es ein Finale, über das wir noch lange sprechen werden. Ich werde mich dann erinnern, dass ich damals arbeiten musste.
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Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa