Spanien ist Europameister

„Wir haben nicht unverdient verloren“

Von Marc Heinrich

So sehen zweite Sieger aus

So sehen zweite Sieger aus

30. Juni 2008 Am Ende hat Michael Ballack geweint. Sein Trikot mit der Nummer 13 war verschwitzt. Er suchte Halt in der schweren Stunde vor Mitternacht bei den anderen, die zu seinem Team zählten und genauso verloren wie er in der Gegend herum standen: Lukas Podolski, Christoph Metzelder oder Bastian Schweinsteiger. Die bunte Schminke auf Ballacks Backen war zerlaufen. Er schmiss seinen Bierbecher weg, nahm den schwarz-rot-goldenen Schal vom Hals und stierte in die Dunkelheit hinein.

Dann machte er sich auf den Nachhauseweg - weg von der Partymeile am Brandenburger Tor, schweren Schrittes mit der Last der Enttäuschung, die das Fan-Herz arg bedrückte. Abertausende andere Ballacks weinten auch an diesem Abend, unzählige beim Public Viewing, manche in ihren Wohnzimmern oder beim Grillen mit den Nachbarn und Freunden. Sie hatten sich seit drei Wochen immer wieder zu rauschenden Fußball-Stunden getroffen. Entsprechend schlimm war in diesem Moment der Brummschädel, als das große deutsche Sommer-Volksfest am Sonntag um kurz nach halb elf endgültig ein jähes Ende fand.

„Deutschland kann mehr erreichen - bei der WM 2010“

0:1 verlor die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw im Endspiel der Fußball-Europameisterschaft gegen die Auswahl Spaniens. Das Tor des Tages gelang dem überragenden Stürmer Fernando Torres in der 33. Minute. In Wien jubilierten deswegen die anderen: im Ernst-Happel-Stadion tanzten und feixten die Anhänger der Sieger zu den Klängen von „E Viva España“.

Das mochte man sich nicht wirklich am Bildschirm mit anschauen - dann schon lieber der leise und verfrühte Abgang. „Ich bin sicher: Die Mannschaft hat alle Möglichkeiten, mehr zu erreichen. Spätestens bei der WM 2010 in Südafrika“, lautete die Botschaft, mit der Bundespräsident Horst Köhler für Ermutigung sorgen wollte.

Die Höhenluft beim Anstieg von Wien war zu dünn

Auch der echte Michael Ballack sah reichlich mitgenommen aus. Er hockte verloren im Konfettiregen auf dem Boden und verfolgte mit traurigen Augen das Feuerwerk zu Ehren des neuen Champions. Zu gerne hätte auch er, der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, einmal etwas Großes zu Feiern gehabt. Wieder scheiterte er kurz vor dem Ziel. Zuzusehen, wie der Gegner seinen Erfolg auskostete, machte ihm freilich keinen Spaß. Doch er erwies dem Titelträger applaudierend seine Anerkennung und zog sich nicht vorzeitig in die Kabine zurück, wo er sich, daran ließen seine Gesichtszüge keinen Zweifel, am liebsten verkrochen hätte.

Ballack, der bei der deutschen Bergtour 2008 in Österreich und der Schweiz eigentlich als Anführer der Seilschaft mit seinen Gefolgsleuten den Gipfel stürmen wollte, stand ein weiteres Mal mit leeren Händen da. Ausgerechnet beim letzten Schritt erwies sich die Höhenluft für ihn und die von Löw ausgesuchten Mitstreiter als zu dünn; die Kraft für die finalen Meter, die zum Aufstieg nach ganz oben noch fehlten, ging ihnen aus.

Löw: „So ein Spiel muss man erst mal verdauen“

Löw, dem unter den Augen seines Vorgängers Jürgen Klinsmann die Krönung versagt blieb, reagierte gefasst auf die vierte Niederlage im 28. Länderspiel: „So ein Spiel muss man erst mal verdauen. Wir müssen die hohe Qualität der Spanier anerkennen. Klar sind wir enttäuscht, weil wir verloren haben. Trotzdem muss ich der Mannschaft ein Riesenkompliment machen, was wir in sechs Wochen erreicht haben. Ich habe den Spielern gesagt, sie sollen den Kopf nicht hängen lassen.“ (Siehe auch: Stimmen zum EM-Finale: „Wir müssen die hohe Qualität der Spanier anerkennen“)

Es war ein Misserfolg, der im deutschen Lager an die Nerven ging. Auch bei Ballack, der sich unmittelbar nach dem Schlusspfiff einen heftigen Disput mit Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff leistete. Beide gerieten sich in die Haare, wann und wie das Team dem eigenen Anhang für die vorangegangene Unterstützung in der Arena zu danken habe.

Heftiges Wortgefecht zwischen Ballack und Bierhoff

Der Wortwechsel der beiden war derart heftig, dass sich der Schalker Kevin Kuranyi genötigt sah, einzuschreiten und Ballack aus der Gefahrenzone wegzuziehen, damit kein größeres (verbales) Unheil angerichtet wurde. Bierhoff sagte später, man habe sich in der „Umkleide ausgesprochen“. Ob es zum Handschlag der beiden Alpha-Tiere im Team kam, wollte er vor dem nächtlichen Bankett in einem Wiener Luxushotel nicht verraten.

Nach einer Stunde Fußball ohne Leidenschaft und großen Defensivproblemen kam die Steigerung der DFB-Elf zu spät, um die dritte Endspiel-Niederlage bei einer EM nach 1976 und 1992 noch verhindern zu können. Die kombinationssicheren Iberer blieben dagegen zum 22. Mal in Serie ungeschlagen und eroberten ihren zweiten EM-Titel nach 1964.

Torwart Lehmann äußert sich noch nicht zum Rücktritt

Vor 52.000 Zuschauern in der stimmungsvollen Arena verhinderte vor allem Torhüter Jens Lehmann mit seinen Paraden eine höhere Niederlage für die deutsche Mannschaft. Er ließ offen, ob er seinen Posten zwischen den Pfosten jetzt räumen wird. Er sagte nur, es sei seine „erste und letzte EM“ gewesen. Zum erwarteten Rücktritt aus der Nationalelf äußerte er sich (noch) nicht. Stattdessen kritisierte der Achtunddreißigjährige den Unparteiischen Roberto Rosetti, der „uns klar benachteiligt hat“, wie er sagte. Worauf genau Lehmann mit seinen Beanstandungen hinaus wollte, machte er nicht deutlich.

Besonders Ballack war von der Niederlage gezeichnet. Er sah aus wie ein Boxer - der heftig Prügel kassierte hatte. Bei einem Zweikampf in der ersten Halbzeit zog er sich eine Platzwunde am rechten Auge zu; bis zum Schlusspfiff wuchs sich die Verletzung zu einem veritablen Veilchen aus. Die Worte der Aufmunterung, die Michel Platini, der Präsident der Uefa, und Angela Merkel, die Kanzlerin aus der Heimat, zu ihm sprachen, drangen in dem Tohuwabohu von Wien nicht wirklich zu ihm durch.

Ballack: „Wir haben uns ein, zwei Fehler zuviel erlaubt“

„Dritter bei der WM, Zweiter bei der Europameisterschaft - 2010 klappt's“, sagte Angela Merkel und formulierte damit gleich als eine der ersten die hohen Erwartungen, die das Fan-Volk nun an seine Lieblinge mit Blick auf die Welttitelkämpfe in Südafrika 2010 hat. Es wird voraussichtlich Ballacks letztes Turnier auf der großen Fußball-Bühne. Die Zeit läuft ihm davon. Die silberne Medaille, die an einem blauen Band um seinen Hals baumelte, war nur ein schwacher Trost.

Also trottete Ballack ziellos über den Rasen und hielt erst inne, als sich ein Großteil seiner Mannschaft um ihn am Strafraum versammelte - in der Gruppe ließ es sich gemeinsam ein bisschen leichter leiden. „Wir haben uns ein, zwei Fehler zuviel erlaubt“, sagte Ballack, als er sich wieder ein wenig gefangen und die Gefühle im Griff hatte, „wir wollten nach hinten raus das Spiel noch umbiegen, konnten aber nicht mehr.“

Weder Wade noch Wunde hindern Ballack am Spielen

Ballack muss also weiter mit dem Ruf des ewigen Zweiten leben. Etwas mehr als einen Monat nach dem schmerzlichen Ausgang des Champions-League-Endspiel konnte er seine Sehnsucht nach dem ersten internationalen Pokal auch bei der EM nicht stillen. Zwar biss er nach Wadenproblemen, die seinen Einsatz lange gefährdet hatten, auf die Zähne und ließ sich auch von einem Cut am rechten Auge nicht am Weitermachen hindern.

Er war nach 36 Minuten mit seinem Bewacher Marcos Senna zusammengestoßen, das Blut lief dem benommenen wirkenden Ballack danach übers Gesicht; gleich zweimal musste er sich zum Stillen der Blutung an die Seitenlinie legen. Aber trotz des demonstrierten Willens - abwenden konnte er die Enttäuschung bei allem Tatendrang in der Schlussphase nicht.

„Wir können stolz sein auf das Geleistete im Turnier“

Lange rieb sich der Profi des FC Chelsea in seinem 87. Länderspiel in Scharmützeln auf - eine Rangelei mit Carles Puyol (42.), bei der er anschließend auch noch heftig meckerte, wurde mit der Gelben Karte bestraft. Nach der Pause versuchte es Ballack weiter: Mit vielen Anweisungen und jeder Menge Kampfgeist wollte er seine Elf mitreißen und hätte fast den Ausgleich erzielt. Sein Distanzschuss landete jedoch am Außennetz. Beim Schlusspfiff um 22.36 Uhr war dann endgültig klar: alle Mühen hatten sich aufs Neue nicht gelohnt.

„Wir haben nicht unverdient verloren“, lautete sein zutreffendes Fazit, „bei aller Enttäuschung können wir jedoch auch stolz sein auf das Geleistete.“ An diesem Montag werden sich er und der Rest der Truppe bei mehreren Hunderttausend Fans in Berlin symbolisch für den Beistand in den vergangenen Wochen bedanken. Bis dahin sind die ersten Tränen getrocknet. Doch an diesem Nachmittag kullern gewiss neue, das lehrt die Erinnerung an die stimmungsvollen Bilder des letzten Sommermärchens - bei den vielen Ballacks und vielleicht auch beim echten.

Deutschland - Spanien 0:1 (0:1)
Deutschland:
Lehmann - Friedrich, Mertesacker, Metzelder, Lahm (46. Jansen) - Frings, Hitzlsperger (58. Kuranyi) - Schweinsteiger, Ballack, Podolski - Klose (79. Gomez). - Trainer: Löw
Spanien: Casillas - Sergio Ramos, Marchena, Puyol, Capdevila - Senna - Iniesta, Xavi Hernandez, Fabregas (63. Xabi Alonso), Silva (66. Santi Cazorla) - Torres (78. Güiza). - Trainer: Aragones
Schiedsrichter: Roberto Rosetti (Italien)
Tor: 0:1 Torres (33.)
Zuschauer in Wien: 51.428 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Ballack, Kuranyi - Casillas, Torres



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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