EM-Viertelfinale gegen Portugal

Außenseiter ohne Chef - Löw gesperrt

Von Michael Horeni, Basel

Deutschland ohne Cheftrainer: Löw muss abermals auf die Tribüne

Deutschland ohne Cheftrainer: Löw muss abermals auf die Tribüne

18. Juni 2008 Der Schreck erreichte die Deutschen wenige Stunden vor der Abreise nach Basel. Joachim Löw hatte gerade das Abschlusstraining beendet, als die Nachricht der Europäischen Fußball-Union die Deutschen hart und unvorbereitet traf. Der Bundestrainer bleibt, anders als vom Deutschen Fußball-Bund erwartet, nach dem Urteilsspruch für das Viertelfinale gegen Portugal gesperrt (Siehe: Die Uefa im Wortlaut: „Der vierte Offizielle wurde angeschrien“).

Eine solche Strafe hat es während eines großen Turniers bisher noch nie gegeben. Löw wird es dabei in Basel nicht nur untersagt sein, die Mannschaft während der Partie zu coachen, er darf auch nicht vor der Partie und während der Pause die Kabine betreten, um die Spieler einzustellen. Diese Aufgabe wird nun seinem Assistenten Hans-Dieter Flick zufallen, der zuletzt beim damaligen Drittligaklub TSV Hoffenheim als Cheftrainer tätig war - nun trägt er beim Viertelfinale gegen Portugal die Verantwortung.

Löw: „Natürlich bin ich maßlos enttäuscht“

„Ich muss die Uefa-Entscheidung zur Kenntnis nehmen und möchte sie nicht kommentieren. Natürlich bin ich maßlos enttäuscht“, sagte Löw, der auch nicht mehr an der Pressekonferenz am Abend in Basel teilnahm (Reaktionen - Scolari: „Ich will, dass Löw auf der Bank sitzt“). Dem Bundestrainer ist als Folge seines Platzverweises beim letzten Vorrundenspiel gegen Österreich nun gegen Portugal auch untersagt, von der Tribüne aus durch Mittelsmänner oder mit technischen Kommunikationsmitteln Kontakt zu seinem Assistenten oder zu den Spielern aufzunehmen.

Die Sperre ist nur die letzte von zahlreichen schlechten Nachrichten, die den WM-Dritten ereilten. Am Dienstagnachmittag war bekanntgeworden, dass sich Torsten Frings beim 1:0-Sieg eine Rippe gebrochen hat. Die Schwere der Verletzung war dem Bremer Mittelfeldspieler selbst erst nach einer schlechten Nacht bewusst geworden. Sein Einsatz im Viertelfinale ist fraglich und entscheidet sich erst unmittelbar vor Spielbeginn. Manager Oliver Bierhoff jedenfalls gab sich in Sachen Frings pessimistisch. Bei allem Ehrgeiz von Frings sehe er „die Chancen nicht sehr groß“.

Frings konnte aber immerhin das Training absolvieren. Falls ein Einsatz doch vertretbar sein sollte, würde der Bremer nur mit schmerzstillenden Mittel spielen können. Zudem plagt sich auch Lukas Podolski mit einer hartnäckigen Wadenverletzung herum, die eine Teilnahme am Abschlusstraining verhinderte. Die medizinische Abteilung ist zuversichtlich, Podolskis Wade rechtzeitig hinzubekommen.

Bierhoff: „Das Minimalziel haben wir jetzt erreicht“

Die gebrochene Rippe der Nation, die lädierte Wade der Nation und dazu auch noch der verlorene Kopf der Fußballnation - Bierhoff ahnte vielleicht schon wenige Stunden zuvor auf der Pressekonferenz, was neben den Blessuren auf die deutsche Mannschaft in der Causa Löw noch zukommen sollte. „Das Minimalziel haben wir jetzt erreicht“, verkündete der Manager vor dem Duell gegen Ronaldo und Co. schon den Urteilsspruch. Minimalziel? Das war vor der Europameisterschaft für den Manager doch immer das Halbfinale gewesen. Aber nach einem enttäuschenden Turnierverlauf mit bisher nur einem überzeugenden Auftritt, zwei verletzten Stars und einem verlorengegangenen Cheftrainer sind die Ansprüche des WM-Dritten über Nacht geschrumpft.

Bierhoff hatte vor dem ersten Entscheidungsspiel keine Schwierigkeiten mehr damit, sein Team, das sich vor zwei Jahren noch den WM-Titel zum Ziel genommen hatte und auch die EM als Titelfavorit angehen wollte, als „Underdog“ zu bezeichnen. Bastian Schweinsteiger sah daher auch ganz im Sinne dieser neuen deutschen Selbstdefinition die Portugiesen, die das deutsche Team bei der WM im letzten Spiel noch souverän 3:1 geschlagen hatte, „als den großen Favoriten der Europameisterschaft“.

„Wir wollen als Underdog das Halbfinale erreichen“

Nicht einmal mehr auf Augenhöhe glauben die Deutschen dem WM-Vierten in diesen Tagen entgegentreten zu können. Der dreimalige Welt- und Europameister, der mit höchsten Ansprüchen seine Bergtour von der Zugspitze aus in Angriff genommen hatte, macht sich erstmals seit vier Jahren wieder klein. Alles nur Taktik? „Wir wollen als Underdog das Halbfinale erreichen“, sagte Bierhoff listig. Das Team jedenfalls hat die Hoffnung ergriffen, dass es genau diese widrigen Umstände sein könnten, die es nun wieder an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zurückführen kann. „Die wichtigste Arbeit des Trainers findet sowieso im Vorfeld statt“, sagte Bierhoff mit gewisser Zuversicht. Unter den Spielern, die allesamt eine erhebliche Steigerung versprechen, hatte schon zwei Tage vor dem Viertelfinale die Aussprache über den taktischen Weg eingesetzt.

Im ersten Spiel gegen Polen hatte die Mannschaft ihr seit zwei Jahren erfolgreiches System überzeugend umgesetzt, gegen Kroatien war dann erstmals unter Löw ein kompletter Systemausfall zu beklagen. Beim 1:0 gegen Österreich wurde das System Löw vom Bundestrainer teilweise ganz bewusst außer Kraft gesetzt.

Die Veränderungsbereitschaft ist weiter gewachsen

Die Not - das sportliche Überleben in der Vorrunde und des Systems Löw überhaupt - hatte in Wien Regie geführt. Hohe Bälle waren wieder gefragt, nicht mehr ein anspruchsvoller Spielaufbau. Ganz altmodisch sollte vor allem die Null stehen. „Die Ansage war“, so Thomas Hitzlsperger in der „Zeit“, „erst mal Kampf und dann, im Erfolgsfall, über den Kampf zum Spiel. Wir sollten, so die Vorgaben, unser zuletzt bewährtes Flachpass-Spiel zunächst durch hohe Flanken ersetzen.“

Vom deutschen Underdog gegen die Fußball-Großmacht Portugal werden aber nun wieder andere Qualitäten gefragt sein. Löw, Flick und die Spieler sind überzeugt, dass ihnen ein offensiv ausgerichteter Gegner dabei grundsätzlich entgegenkommt. Das kann man bei Ronaldo und Co. wörtlich nehmen.

Aber wie darauf reagieren, nicht zuletzt angesichts der schwachen Auftritte von Stürmer Mario Gomez? Die Veränderungsbereitschaft ist jedenfalls weiter gewachsen. Diskutiert wird die Möglichkeit, mit nur einem Stürmer (Klose) und einer hängenden Spitze (Podolski) anzutreten, auf der linken Seite wieder mit Schweinsteiger, und Ballack könnte seine Rolle im Mittelfeld wieder etwas offensiver auffassen. „Der Trainer wird sich taktisch einiges überlegen“, hatte Bierhoff angekündigt. Jetzt muss es Underdog Flick umsetzen.

Kapitän Ballack hat die Nationalmannschaft mit seinem Siegtor gegen Österreich ins EM-Viertelfinale gegen Portugal geschossen. Wie geht es nun weiter für die deutsche Elf? Was ist möglich? Stimmen Sie ab!



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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