23. Juni 2008 Es ist wesentlich lebhafter geworden im Trainingsquartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Mit Beginn der finalen EM-Woche haben zahlreiche neue Berichterstatter ihr besonderes Augenmerk auf die Beobachtung der Elf von Bundestrainer Joachim Löw in Tenero gelegt. Zwei Tage vor dem Halbfinale in Basel verfolgten auch eine Handvoll Kamerateams und Dutzende Fotografen aus der Türkei die Übungseinheit des dreimaligen Weltmeisters, zu der in den ersten fünfzehn Minuten mal wieder Zuschauer zugelassen waren. Zwei Sportillustrierte erscheinen in Istanbul, die allmorgendlich auf zehn Seiten über das Neuste von der Euro informieren.
Hinzu kommen allein in der größten Stadt des Landes fünfzehn Tageszeitungen, unter anderem die liberale Zeitung Radikal, die auch in Deutschland bekannten Hürriyet und Milliyet und die auflagenstärkste türkische Zeitung, die liberal-islamische Zaman. Für sie alle gibt seit dem Viertelfinale-Coup gegen die Kroaten nur noch ein Titelthema: wie die Last-Minute-Männer von Trainer Fatih Terim an diesem Mittwoch ihre Erfolgsgeschichte auch gegen die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) fortschreiben können.
So positive Schlagzeilen gab es lange nicht
Wir produzieren Wunder. Wir haben den Deutschen eine Botschaft geschickt: Die Türken kommen', schrieb Sabah pathetisch. Für die türkischen Medien ist diese Euro und der Siegeszug der türkischen Mannschaft Gelegenheit, endlich wieder positive Schlagzeilen über die eigene Nationalmannschaft schreiben zu können. Dazu war seit Beginn des Jahrtausends, als Galatasaray, trainiert vom heutigen Nationalcoach Fatih Terim, den Uefa-Cup gewann und zwei Jahre später die Nationalelf Dritte der WM 2002 wurde, allzu selten Gelegenheit.
Stattdessen standen, wenn es um das große Ganze des türkischen Fußballs und nicht um Partikularinteressen der Istanbuler Spitzenklubs Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas ging, die Schmach der gegen Lettland verpassten EM-Qualifikation 2004 und natürlich die Vorgänge rund um die WM-Qualifikations-Playoffs gegen die Schweiz im Herbst 2005 im Mittelpunkt der stets mit Leidenschaft geführten Diskussionen in den Medien.
Diskussion um Marco, den Nicht-Türken
Ein anderes Thema war in den letzten Jahren die Einbürgerung des gebürtigen Brasilianers Marco Aurelio, der im Frühjahr 2006 den türkischen Pass bekam und im Halbfinale gegen Deutschland nach abgesessener Gelbsperre als Mehmet Aurelio seine Serie von überzeugenden Leistungen bei der EM fortsetzen will. Seine fußballerischen Qualitäten waren dabei nie umstritten, doch nationalistische Kreise in der Türkei versuchten lange zu verhindern, dass ein Nicht-Türke in der eigenen Mannschaft steht, wenn der Freiheitsmarsch, die türkische Nationalhymne gespielt wird. Doch die Namensänderung, vor allem aber Aurelios starke Leistungen haben die Skepsis besänftigt.
Seit aber die Nationalmannschaft mit ihrem Siegeswillen und den Toren in den letzten Minuten Spiel um Spiel dreht, ist auch bei den Medien der Glaube an den Titelgewinn sprunghaft gestiegen - und damit auch das Interesse an der DFB-Elf, dem nächsten Gegner auf dem Weg dorthin. Der deutsche Verband bändigte deshalb das geballte Interesse der temperamentvollen und rund um die Rasenplätze im Centro Sportivo weithin vernehmbaren Besucher mit einer eigenen Pressekonferenz für die türkischen Journalisten.
Traumvilla ist Luft-Schloss
Löw ist diese schier grenzenlose Begeisterung bestens bekannt. Er pflegt seit seiner Zeit als Cheftrainer bei Fenerbahce Istanbul (1. Juli 1998 bis 29. Mai 1999) und Adanaspor (20. Dezember 2000 bis 4. März 2001) eine besondere Verbindung zur Türkei. Im keinen anderen Land sind die Fans mit mehr Herzblut bei der Sache, sagte der Badener, ich habe von meinen Engagements dort unglaublich viel fürs Leben, aber auch meine weitere Karriere als Trainer gelernt.
Beeindruckt haben ihn die sprichwörtliche Gastfreundschaft, die er als Ausländer mehr als einmal beim Bummel durch die Städte bei spontanen Einladungen zum Essen genoss, und die positive Identifikation mit der eigenen Nation. Dass der Patriotismus und der Enthusiasmus für den Fußball manchmal skurrile Züge annehmen, ist Löw ebenso nicht neu.
So schmunzelte er über das von einigen Blättern am Wochenende verbreitete Gerücht, im vornehmen Istanbuler Villenviertel Kandilli Hasbahce werde schon ein Traumhaus für ihn eingerichtet. Nach der EM solle er dort einziehen und das Amt des zurückgetretenen Fenerbahce-Trainers Zico übernehmen. Die erfundene Meldung sei so abwegig, ließ der DFB am Nachmittag ausrichten, dass es nicht einmal lohne, sie zu dementieren.
Von einer Favoritenrolle will Löw nichts hören
In seiner Konzentration und akribischen Vorbereitung auf die nächste EM-Prüfung störten die Gerüchte nicht, ich weiß aus Erfahrung, wie das richtig einzuordnen ist, sagte Löw, der einen Vertrag bis 2010 beim DFB besitzt. Er wird an diesem Dienstag mit einigen seiner Führungsspieler Einzelgespräche führen, um ihnen die Schwere der kommenden Aufgabe vor Augen zu führen.
Ich will von niemandem hören, dass wir in der Favoritenrolle sind, meinte Löw. Er bezifferte die Chancen aufs Erreichen des Endspiels lediglich auf fifty-fifty. Er mahnte Besonnenheit und Konzentration an. Wir haben gegen die Portugiesen ein sehr gutes Spiel gemacht. Jetzt geht es darum, wieder neuen Schwung reinzubringen, sagte Löw, in einem Halbfinale ist man aber nicht überheblich.
Bodenhaftung sei deswegen in den vergangenen Tagen ein bedeutendes Thema gewesen, mögliche Gedankenspiele über Siegesfeier in einer Woche am Brandenburger Tor seien völlig unpassend. Im Vergleich zu den Portugiesen spielten die Türken noch beweglicher, noch kreativer, nicht so sehr positionsbezogen. Angesichts der bisher spät gefallenen türkischen Tore gelte es zudem, die Konzentration hochzuhalten, bis das Spiel abgepfiffen ist.
Appell an die Fairness
Die zahlreichen Sperren und verletzungsbedingten Ausfälle im Team des Gegners machten die Sache entgegen so mancher Vermutung des eigenen Anhangs jedenfalls nicht einfacher. Mit den Türken ist immer zu rechnen, auch mit ihren Ersatzleuten sind sie unberechenbar. Sie schlagen stets dann zurück, wenn niemand damit rechnet, fasste er seine Eindrücke ihrer bisherigen EM-Vorstellungen zusammen.
Nichtsdestotrotz will Löw, der am Montag mit einem Mountainguide-Shirt das Training leitete, die mit einigen Tücken begonnene Bergtour auf den Gipfel führen: Unser Ziel ist und bleibt der Titel. Er appellierte an die Fans beider Mannschaften in der Heimat, das prestigeträchtige Duell unter allen Umständen fair zu verfolgen. Ich wünsche mir, dass es beim Public Viewing und hinterher keine Provokationen gibt, egal von welcher Seite, sagte der Bundestrainer, es handelt sich um ein Fußballspiel und das darf die deutsch-türkische Freundschaft nicht belasten.
Text: FAZ.NET
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