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Obelix in der Kreisliga B

Von Dirk Schümer

Der Übersteiger: die FAZ.NET-Kolumne

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27. Juni 2008 Spätestens seit dem minutiös geplanten Einzug der deutschen Mannschaft ins Finale dürfte es auch dem letzten Fußballdeppen klargeworden sein: Dieses Turnier wird vor allem von der Taktik geprägt. Der Star ist längst nicht mehr der Star und schon gar nicht die Mannschaft. Der Star ist der Trainer.

Wie ein General vor der Schlacht oder wie ein Schachgroßmeister macht er die Flügel stark, lässt von hinten Verstärkung nachrücken, hat die Reserve im Blick und plant von der Eröffnung bis zum Endspiel sämtliche erfolgbringenden Varianten durch. Ein kleiner Fehler bei der Aufstellung, ein missglücktes Verschieben im Mittelfeld, ein falscher Figurentausch - und schon ist die Europameisterschaft vorbei.

Die Hasenfußtaktik musste der des heillosen Durcheinanders weichen

Entscheidend im modernen Fußball: Das Spiel lesen können. Zur besseren Übersicht darf der Co-Trainer zur Hand gehen, um seinem Chef einen besseren Überblick zu verschaffen. Hier hilft Herr Flick Herrn Löw zur besseren Übersicht auf die Hasenfußtaktik

Entscheidend im modernen Fußball: Das Spiel lesen können. Zur besseren Übersicht darf der Co-Trainer zur Hand gehen, um seinem Chef einen besseren Überblick zu verschaffen. Hier hilft Herr Flick Herrn Löw zur besseren Übersicht auf die Hasenfußtaktik

Das deutsche Kompetenzteam um Joachim Löw ist bei der taktischen Ausrichtung vorbildlich. Für Außenstehende mag die Frage nach einem 4-4-2-System nach der Ziehung der Lottozahlen klingen. Aber ohne die Superzahl Doppelsechs, ohne den Wechsel zum ebenso mysteriösen wie siegbringenden 4-2-3-1 hätte dieses Turnier für die Deutschen sehr früh sehr übel ausgehen können. Im taktisch etwas unübersichtlichen Halbfinale gegen die Türken war es dann der oberste Spielbeobachter Urs Siegenthaler, der noch vor der Pause zu Trainer Löw eilte, um den notwendigen strategischen Feinschliff vorzunehmen.

Was mögen die beiden Taktikfüchse da wohl ausgeheckt haben? Fest steht: Der Spielbeginn war geprägt von der bei Asterix' Legionären abgeschauten Hasenfußtaktik; sie besteht im Wegwerfen der Waffen und schnellen Fortrennen, damit man nicht von Obelix verprügelt wird. Das funktionierte nicht einmal schlecht. Zuweilen variierte die deutsche Abwehr dieses System und schwenkte um zur Taktik des heillosen Durcheinanders, die man bestens aus jeder Kreisliga B kennt.

Dieselben Spieler, dasselbe System, ein ganz anderer Gegner und trotzdem der Hauptgewinn

Erst in der Not erinnerte man sich dann an den alten Fußballweisen Horst Hrubesch, aus dessen Werkzeugkasten die unschlagbarste Taktik von allen stammt: "Hinten dicht und vorne volle Pulle!" Dieses bewährte deutsche Rezept klappte gegen die taktisch teuflisch taktlosen Türken zwar nur bedingt, aber das Mittwochslotto hielt dann bei der Abschlussziehung in Basel noch eine Riesenportion Dusel für die Deutschen bereit.

Joachim Löw zog nach dem Triumph über Portugal tatsächlich noch mal den Hauptgewinn, indem er dieselben Spieler dasselbe System gegen einen völlig anderen Gegner spielen ließ. Heraus kam ein komplett anderes Spiel mit genau demselben Ergebnis: 3:2. Dieses numerische Supersystem trotz taktischen Totalschadens muss ihm beim russischen Roulette dieses Turniers erst einmal einer nachmachen.

Man muss ein Spiel lesen können

Während Sie diesen Artikel lesen, wird in der Schweiz von genialen Analytikern bereits wieder an der maßgeschneiderten deutschen Taktik für das Finale gebastelt. Wir Außenstehenden - vom weisen Jürgen Klopp einmal abgesehen - können den abstrakten Wirbel von Linien und Kreisen und Laufwegen auf dem virtuellen Spielfeld natürlich nur schwer deuten. Oder wie man neuerdings sagt: Man muss ein Spiel eben lesen können.

Und welcher deutsche Spieler, das wissen wir seit Mittwoch, besaß dafür schon die erforderlichen Türkischkenntnisse? Ganz am Ende, als alles schon verloren schien, beherzigten die Deutschen dann wie so oft die Taktik des großen chinesischen Generals Lun Tsu: Strategie ist die Kunst, so zu schießen, als hätte man noch Patronen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Ulrike Frey

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