
Der erste Sieg gegen Rot: Deutschland (hier Podolski, l., gegen Saganowski) räumte die roten Polen im ersten Turnierspiel mit 2:0 aus dem Weg
29. Juni 2008 Jürgen Klinsmann hatte einst vor der Weltmeisterschaft 2006 eine großartige Idee: Im Vorherbst des Sommermärchens packte der Bundestrainer rote Trikots aus, mit denen seine vermeintlichen Elite-Kicker künftig die Welt erobern oder doch zumindest die Weltmeisterschaft gewinnen sollten. Die Mannschaft, so ähnlich hat es der schwäbelnde Kalifornier gesagt, ist die, die wo lieber in Rot spielt.
Zudem deute die Farbe mit den langen Wellen jene Aggressivität an, mit der seine Kicker bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land auflaufen wollten. Klinsmann sorgte mal wieder für einen Aufschrei unter den Traditionsbewahrern an der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, nur der DFB-Ausrüster jubelte - das schicke Rot versprach einen deutlich besseren Umsatz als die trotz aller politischen Grenzverschiebungen Deutschlands seit dem ersten Länderspiel im Jahr 1908 bewährte preußische Farbkombination Schwarz-Weiß.
Die Wissenschaft liefert Beweise
Niemand weiß nun so genau, wie viel Theorie-Arbeit Klinsmann leistete, bevor er seine Präferenz kundtat, vom einst grünen, dann grauen Auswärtstrikot zum roten wechseln zu wollen - letztlich spielten die Deutschen übrigens vor allem auch deshalb in Weiß, weil sie in Rot katastrophale Testspielniederlagen gegen Italien und die Slowakei kassiert hatten.
Die Wissenschaft hätte dem Rot-Fetischisten Klinsmann dennoch gute Argumente geliefert: In einer im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichten Studie haben die Wissenschaftler Robert Barton und Russell Hill vor geraumer Zeit herausgefunden, dass während der Olympischen Spiele 2004 in den olympischen Kampfsportarten wie Ringen und Boxen eine signifikant hohe Quote an Siegern in roten Anzügen angetreten ist. Da in diesen Sportarten vor dem Kampf ausgelost wird, wer in rot und wer in blau anzutreten hat, ist das verblüffende Ergebnis ernst zu nehmen als Hinweis auf Vorteile der roten Sportkleidung.
Ist Rot Furcht einflößend oder wird der Schiedsrichter manipuliert?
Es könnte, so folgern schlaue Wissenschaftler, zwei Gründe geben für die empirisch nachgewiesene Überlegenheit der Roten: Zum einen könnte Rot - wie es die Farbpsychologie nahe legt - eine Furcht einflößende Wirkung auf den Gegner und eine positive, stimulierende auf die eigene Leistungsfähigkeit haben.
Zum anderen ist denkbar, dass sich der Schiedsrichter zum Rot hingezogen fühlen könnte bei seinen Entscheidungen. Zu diesem Ergebnis kamen jüngst die Wissenschaftler Norbert Hagemann, Jan Leißing und Bernd Strauß von der Universität Münster. Unsere Ergebnisse geben Anlass zu der Vermutung, dass die Ursache des statistischen Vorteils von Rot bei den Schiedsrichtern liegt, die Rot als Signalfarbe wahrnehmen, sagt der Sportpsychologe Strauß.
Erklärung fürs Wembley-Tor?
Dies wiederum würde erklären, weshalb 1966 England dank Schieds- und Linienrichters Gnaden bei der fälschlichen Anerkennung des Wembley-Tors Weltmeister wurde. England spielte - übrigens als bislang einziger Weltmeister - in roten Jerseys, weil die Deutschen in der ebenfalls von den Engländern bevorzugten Stammfarbe Weiß antreten durften. Hätten Seeler, Beckenbauer und Co. doch nur verzichtet!
Die laufende Europameisterschaft und vor allem die Erfolge der deutschen Nationalmannschaft freilich hat die Empiriker kräftig widerlegt: die DFB-Auswahl hat ihre bislang vier Siege gegen die roten Teams aus Polen, Österreich, Portugal und der Türkei erzielt, lediglich gegen die blauen Kroaten haben die Deutschen verloren - ein gutes Omen für das Spiel gegen die am Sonntag wieder in ihren traditionellen roten Trikots spielenden Spanier. Die wiederum haben den Finaleinzug übrigens in ihren goldenen Ausweichtrikots gegen die rotgekleideten Russen geschafft...
Es gab erst einen roten Weltmeister
Auch über diese Momentaufnahmen hinaus dient die Geschichte großer Fußballturniere nicht so gut als Beleg für die Theorie der Überlegenheit roter Hemden. England ist der bislang einzige rote Weltmeister, sonst verlor bei Weltmeisterschaftsturnieren beispielsweise das rote Ungarn 1954 gegen ein weißes deutsches Team, die Tschechen nutzten ihren Vorteil 1962 im Finale gegen Brasilien ebenso wenig wie die Holländer die zumindest wellenlängenmäßig ähnlich wertvolle Hilfe durch ihr Oranje in den Endspielen von 1974 und 1978.
Bei Europameisterschaften haben die Rothemden trotz erdrückenden Übergewichts rotgekleideter Teams - bei diesem Turnier trugen elf von 16 Teams zumindest teilweise Trikots mit großen roten oder orangenen Farbanteilen - nur wenige Erfolge vorzuweisen. Das ist aber kein Widerspruch und erklärbar, sagt Psychologe Strauß. In Europa spielen zufälligerweise alle großen Fußballnationen nicht in Weiß (außer Deutschland). Rote Hemden können aber natürlich nur den entscheidenden Vorteil bringen, wenn die Teams ungefähr gleich stark sind.
Der Vereinsfußball liefert verblüffende Vorteile für Rot
Überzeugender als die Analyse der Weltmeisterschafts- und Europameisterschafts-Ergebnisse ist deshalb der Blick auf den europäischen Vereinsfußball. In Städten mit zwei traditionsreichen, erstklassigen Clubs, also unter vergleichbaren Ausgangsbedingungen, hat fast immer die roten Mannschaft die Nase vorne.
Bayern München hat 1860 schon lange abgehängt. Die Roten vom VfB haben die Blauen der Stuttgarter Kickers sportlich stets in die Schranken gewiesen, der lange Jahre vornehmlich in rot gekleidete HSV ist seinem braun-weiß-gewandeten Rivalen FC St. Pauli weit enteilt.
Auch international ist Rot im Vorteil
In England sind die roten Liverpooler den Blues vom Goodison Park im Stadtteil Everton immer ein Stück voraus gewesen. Manchester United hat seinen Rivalen Manchester City - ebenfalls in Rot - fast immer auf den zweiten Platz in der Stadtmeisterschaft verwiesen, während das rot-schwarze Milan eine zumindest um Nuancen erfolgreichere Vergangenheit aufweist als Inter.
Die Roma ist historisch gesehen eindeutig erfolgreicher als das himmelblaue Lazio, bei Barça und Espanyol Barcelona gibt es ebenso wenige Zweifel über die Machtverteilung in der Stadt wie in Lissabon zwischen den roten Benfica-Kickern und denen von Sporting.
Armin Veh lieferte in Stuttgart den endgültigen Beweis
In Athen gewinnt das rote Olympiakos Piräus mehr als der Hauptrivale Panathinaikos, in Belgrad ist der Rote Stern seit jeher Partizan mindestens eine Erdumlaufbahn voraus. Die Ausnahme von der offensichtlich gültigen Regel schafft nur Real Madrid im direkten Vergleich mit den rot-weiß gestreiften Rivalen von Atletico. Aber hier handelt es sich ja auch um die Galaktischen, um das weiße Ballett.
In der Bundesliga belegte übrigens zuletzt der VfB Stuttgart in der Saison 2006/07 eindrucksvoll die Rot-Theorie: Zu Saisonbeginn noch in weiße Hemden gewandet, kassierten die Stuttgarter zwei Heimniederlagen. Als Armin Veh seine Schützlinge anschließend in rote Jerseys hat schlüpfen lassen, begann die Siegesserie der Schwaben. Wenn das mal kein Beweis für die Rot-Theorie ist.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa