Von Rainer Hermann
24. Juni 2008 Der Fußball setzt in diesem Sommer unter den Türken neue Kräfte frei, und vor dem Spiel gegen Deutschland verstärken sie Emotionen. In der Vergangenheit hatten die Türken immer zu Deutschland aufgeblickt, ob zur Fußballnation oder zum Wirtschaftswunderland. Im Halbfinale der Europameisterschaft angekommen, sehen sie sich nun auf Augenhöhe. Ein Spiel gegen Deutschland weckt ohnehin andere Emotionen als es gegen Frankreich oder Spanien der Fall wäre. Denn aus keinem anderen Land wirkt die türkische Gemeinde so stark in die Heimat zurück wie aus Deutschland. Auf der Titelseite von Hürriyet fällt daher am Dienstag der Blick auf eine junge Türkin aus Deutschland, die sich das türkische Nationaltrikot übergestreift hat, aber die Flaggen beider Länder hoch hält. Solche Bilder kennt die Türkei aus anderen Ländern nicht.
Mit dem sportlichen Erfolg legt sich der aggressive, verletzende Ton des Verlierers. Die Sportbeilage von Hürriyet titelte am Dienstag Die Freundschaft wird gewinnen und zitierte dazu ausgiebig deutsche Sportjournalisten. Der Fußball als Chance zur Völkerverständigung, zu ihrem Leitmotiv wird die deutsch-türkische Freundschaft. Nur die nationalistische Gazette Türkiye findet ein Haar in der Suppe und nörgelt daran, dass ein Schweizer Schiedsrichter das Spiel leiten wird.
Die Aufnahme in den Kreis der Großmächte
Die deutsche Integrationsdebatte ist am Bosporus weit weg, und dennoch will der Fußballkolumnist Alp Ulagay von Hürriyet wissen, weshalb denn bei den Nationalmannschaften der Schweiz und Österreichs jeweils mehrere Leistungsträger türkischer Abstammung seien, sie in der deutschen Mannschaft aber nicht vorkämen. Denn stattdessen wurden die Altintops und andere in der Auswahl des Landes ihrer Eltern Leistungsträger.
Den Einzug ins Halbfinale feierten die Türken wie die Aufnahme in den Kreis der Großmächte des Fußballs. Vorsicht ist geboten. Denn immer ist in der Türkei die Stimmung besser (oder aber schlechter) als es die Wirklichkeit ist. Nachdem wir drei Spiele in den letzten Minuten oder Sekunden gewonnen haben, weshalb sollten wir denn trotz der vielen Verletzungen nicht auch gegen Deutschland gewinnen?, fragt euphorisch Ulagay. Zwar fallen fünf Stammspieler verletzungsbedingt aus. Dennoch glaubt die Türkei an ihre Auswahl, und zwar mehr als vor dem Anpfiff zur Europameisterschaft. Ulagay ist nicht allein, wenn er für möglich hält, dass nach Griechenland vor vier Jahren nun mit der Türkei wieder ein Außenseiter triumphieren könnte.
Das Wundermittel Fußball heilt politische Wunden
Bei der Weltmeisterschaft vor sechs Jahren war die Türkei aus dem Nichts kommend Dritter geworden. Der Erfolg bei dieser Europameisterschaft bedeutet dem Land sportlich aber mehr. Denn die Türkei setzte sich gegen höher gesetzte Mannschaften durch. Nach dem politischen Stress der letzten Monate und den heftigen innenpolitischen Konflikten ist der Erfolg auch das Wundermittel, das zumindest vorübergehend Wunden heilt. Die Erfolge der Nationalmannschaft haben eine Teppichfunktion, vergleicht Tanil Bora, Sportkommentator bei der Zeitung Radikal. Zumindest für die Dauer des Turniers könnten alle brennenden Probleme des Landes unter den Teppich gekehrt werden. Und so feiert ein Land sein Sommermärchen, und die Titelseiten aller Zeitungen feiern die jubelnden Spieler und die jauchzenden Fans.
Froh sind die Türken aber, dass im Halbfinale der Gegner nicht Portugal heißt, sondern Deutschland. Denn sie glauben, dass sie gegen das leichtfüßige und schnelle Spiel der Portugiesen, das ohne physische Stärke auszukommen scheint, weniger leicht ankommen würden als gegen die Deutschen. Auf der einen Seite beschwören die Medien die Freundschaft zwischen den beiden Völkern, aber auch fußballerisch nähern sich ihre Stile an.
Deutsch-türkische Stilkunde
So diagnostiziert Bora eine Erosion des Mythos der zwei konträren Spielkonzepte. Früher habe Deutschland für Disziplin gestanden, für ein kalkuliertes und durchgeplantes Spiel. Dann hätten Klinsmann und Löw die deutschen Tugenden um einen modernen Fußball ergänzt. Andererseits sei das türkische Fußballspiel nicht mehr unberechen- und unkalkulierbar. Wohl kämpften die Türken noch mit ihrem Herzen. Das Chaos, das sie auf dem Rasen schaffen, weiche aber einer disziplinierten Organisation.
Das war so gewollt, und daraus lassen sich zwei Eigenschaften des modernen Türken ableiten. Zum einen arbeiten sie nun härter als je zuvor an sich und greifen dabei auf Erfahrung aus dem Ausland zurück. Zwei amerikanische Konditionstrainer verschafften der Auswahl von Fatih Terim in den letzten zwei Monaten die physische Stärke, mit der sie ihre Gegner jeweils in den letzten Minuten oder gar Sekunden in die Knie zwingen konnten. Zum anderen ist ihr Direktor Terim keiner, der je aufgeben würde, und das hat er auf seine Mannschaft übertragen. Legende wurde, wie viele vor zehn Jahren, als er Galatasaray Istanbul trainierte, abgeschlagen hinter dem Rivalen Fenerbahce und alle seinen Rücktritt forderten, auf dem letzten Zentimeter der Zielgeraden doch noch Meister wurde.
Michael Ballack als Prototyp der Deutschen
Früher hatten die Türken an den Deutschen bewundert, dass sie bis zur 90. Minute durchspielen und damit häufig siegen. Ihr Herz hatte aber stets für Brasilien geschlagen. Spieler wie Briegel, den die Türken dann auch als Trainer holten, waren in der Wahrnehmung der Türken Prototypen der Deutschen. Briegel, die Walz von der Pfalz, und seine Fähigkeiten, 180 Minuten durchzurennen, sind aber vergessen. Ballack ist bei uns der neue Prototyp des Deutschen, sagt der Sportkolumnist Ulagay. Denn der kombiniere physische Kraft mit Technik und vor allem Führungsstärke.
Zur Erklärung des jüngsten Erfolges reichen bei den Türken die neue physische Stärke und der unbedingte mentale Willen aber nicht. Zur Arbeit an sich selbst und der Eigenschaft, nicht aufzugeben, kommt ein weiterer Faktor. Der frühere Fußballstar Sergen Yalcin konzedierte selbstkritisch, ohne das süße Glück des Honignektars hätte die türkische Auswahl nie und nimmer das Halbfinale erreicht. Wer an diesem Nektar aber einmal geschlürft habe, der könne doch auch Europameister werden.
Deutsche in Istanbul
In Istanbul leben zwar mehrere Zehntausend Deutsche. Unter den mehr als 16 Millionen Einwohnern der Metropole am Bosporus fallen sie aber kaum auf. Zu Szenen wie in Berlin und in anderen deutschen Städten mit einem hohen Anteil türkischstämmiger Bürger kommt es daher nicht. Die meisten Deutschen sehen sich die Spiele der Europameisterschaft zu Hause oder im Freundeskreis an. Nicht wenige lassen sich danach auf den großen Plätzen und Straßen von der Fähigkeit der Türken mitreißen, Erfolge bis in den frühen Morgen zu feiern. Am Mittwochabend lädt aber das deutsche Generalkonsulat in Istanbul Deutsche und Türken zu einem Fußballabend ein. Im Kaisersaal sollen sie das Spiel auf einer Großleinwand verfolgen. Keinen wird dann mehr seine Blicke auf die herrlichen Decken in Schablonierungsmalerei richten oder auf das Intarsienparkett aus fünf Edelhölzern. Auch an einem zweiten Ort wird die Rissfestigkeit der deutsch-türkischen Freundschaft gestestet. Denn das deutsche Gymnasium hat die Absolventen seiner fünf Abitursklassen und ihre Eltern zur Abschlussfeier in den historischen Ciraganpalast eingeladen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, EPA