26. Juni 2008 Der Donnerstag im Hotel Il Giardino begann wie ein perfekter Wellness-Aufenthalt: Ausschlafen, auf der sonnigen Terrasse frühstücken, anschließend ein bisschen bewegen oder in der Saunalandschaft die Füße hochlegen. Joachim Löw hatte die Trainingseinheit großzügig auf die frühen Abendstunden verschoben und nur einige wenige Spieler, vor allem die Ersatzkräfte, erst für 18 Uhr zur Regeneration auf den Platz bestellt.
Die Stimmung war gut. Und sie soll noch besser werden. Die Spieler konnten sich am Nachmittag mit ihren Frauen treffen, am Seeufer in Ascona spazieren gehen, Golf spielen, Rad fahren oder Kaffee trinken. Egal was, Hauptsache sie dachten für ein paar Stunden nicht an Fußball. Die Jungs müssen jetzt erst einmal wieder runterkommen und den Kopf nach diesem außergewöhnlichen Abend frei bekommen, sagte Löw.
Wir können viel gewinnen - und das streben wir an
Verordnete Erholung von den extremen Emotionen am Mittwochabend beim Europameisterschafts-Halbfinale in Basel, das die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes durch ein Tor kurz vor Ultimo von Philipp Lahm (Siehe auch: Deutschland steht im EM-Finale: Wir waren die besseren Türken) glücklich und knapp 3:2 gewann. Die Erleichterung unmittelbar nach dem Zittersieg war groß, die Zuversicht mit ein wenig Abstand zum Geschehen fast noch ein bisschen größer. Sie überlagerte die durchaus berechtigten Bedenken jedenfalls um Längen.
Auf zum Gipfelkreuz! Nach dem Wahnsinns-Fight gegen die Türken zeigte sich Löw am Mittag überzeugt, dass auch der letzte Schritt bei der deutschen Titel-Expedition in den Alpen gelingt. Wir können viel gewinnen - und das streben wir an. Wir haben jetzt diese Siegermentalität, um dieses Finale zu gewinnen, sagte der Coach nach den aufwühlenden Minuten von Basel, die einer rasanten Achterbahnfahrt der Gefühle gleichkamen: Freude, Verzweiflung und doch noch der unerwartet Jubel nach dem Last-Minute-Tor von Lahm.
Ende gut, alles gut - mehr kann man nicht sagen
Der Höhepunkt der schwarz-rot-goldenen Fußball-Party soll am Sonntag in Wien folgen, mit dem finalen Glücksmoment des vierten EM-Triumphes nach 1972, 1980 und 1996. Jetzt ist klar, was das Ziel ist - wir wollen den Titel nach Deutschland holen, sagte Matchwinner Lahm, der mit seinem erlösenden Treffer nach dem besten deutschen Spielzug die Begegnung entschied und dem Gegner den entscheidenden Genickschlag versetzte.
Es war mit Sicherheit mein wichtigstes Tor, sagte der kleine Mann, der in der deutschen Jubeltraube aus Spielern, Trainern und Betreuern kaum zu erkennen war. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte auf der Ehrentribüne des St.-Jakob-Parks die Luft angehalten und war mitgenommen von der nervlichen Berg-und-Tal-Fahrt: Ende gut, alles gut - mehr kann man nicht sagen.
Wir gehen das Finale mit unglaublich viel Freude an
Nach einem Empfang mit kleinem Feuerwerk im Teamquartier im Tessin leerten die erschöpften Kicker nach ihrer Rückkehr aus Basel in der lauen Sommernacht am Lago Maggiore noch ein paar Gläschen und stärkten sich bei Pizza, Schnitzel und Pasta, ehe sie in die Federn fielen. Am Donnerstag stand dann aktives Ausspannen für die Mehrzahl der Kicker an. Einige Stammspieler gingen freiwillig in den Fitnessraum des Hotels.
Jetzt ist kein Druck mehr vorhanden. Wir gehen das Finale mit unglaublich viel Freude und Spaß an, sagte der Bundestrainer. Löw und seine Mannen stehen in Wien vor der Krönung, an der auch ein besonderer Ehrengast teilhaben soll: Ich würde mich riesig freuen, wenn Jürgen Klinsmann kommt. Es ist irgendwie auch sein Finale, sagte Zwanziger, der den künftigen Bayern-Coach persönlich einlud.
Wir waren die besseren Türken

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Es war wirklich nicht meisterlich, wie sich die deutsche Elf in ihrem fünften Spiel präsentierte. Es war unsere schlechteste Turnierleistung, monierte Abwehrspieler Per Mertesacker zu Recht, aber wer solche Spiele gewinnt, ist zu Großem fähig. Er war sicher, dass auch der kommende Finalgegner beeindruckt gewesen sein wird, dass eine deutsche Mannschaft selbst die Moral der immer zurückschlagenden Türken noch toppen konnte: Wir waren vielleicht die besseren Türken, die selber nicht damit gerechnet haben, dass wir diesmal zurückkommen, sagte auch Torhüter Jens Lehmann.
Es war viel Kampf und noch mehr Krampf von Anfang im deutschen Spiel an. Eine konfuse Abwehr, ein nicht wie gegen Portugal aufgehendes 4-2-3-1-System, bei dem Löw zwar die Mängel erkannte, aber Angst vor der eigenen Courage zeigte: Ein zweiter Stürmer hätte uns gut getan, um vorne eine zweite Anspielstation zu haben, räumte der Coach ein. Er fürchtete aber um die defensive Stabilität, die ohnehin nicht existierte und es gar erforderlich machte, das große Risiko einzugehen mit Torsten Frings, dessen Rippenanbruch viel schlimmer ist, als erzählt worden war. Eigentlich war ausgemacht, dass ich nur im absoluten Notfall reinkomme, weil ich voll Probleme hatte, berichtete der 31 Jahre alte Bremer: Der Notfall war dann da - und es ging Gott sei dank ganz gut.
Macht es Löw nun wie einst Jupp Derwall?
Löw konnte neben der Willenskraft, unter keinen Umständen einen Halbfinal-Albtraum wie 2006 zu erleben, allein die Effizienz seines Teams loben: Wir hatten nicht so viele Angriffe und Torchancen wie gegen die Portugiesen, aber wir haben drei Tore erzielt. Das war das Entscheidende. Schweinsteiger, Klose, Lahm - drei Mal schlugen seine Leute unbarmherzig zu. Löw, der im 27. Länderspiel den 20. Sieg erzielte und damit bereits gleichzog mit Vorgänger Klinsmann (20 Siege in 34 Partien), steht nun auch vor einem persönlichen Höhepunkt.
Nur Jupp Derwall gelang es bisher als Bundestrainer, gleich beim ersten großen Turnier den Titel zu holen - bei der EM 1980. Ein letztes Mal werden in Wien bei dem mit dem Slogan Bergtour 2008 überschriebenen Arbeitsausflug des DFB-Teams die Steigeisen angelegt. Der Tross ist unterhalb des Gipfels angekommen. Ob es für den Aufstieg nach ganz oben reicht, wird sich am Sonntagabend zeigen. An nötigen Selbstvertrauen mangelt es zumindest nicht.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, obs, REUTERS