Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (81)

Warum gibt es immer wieder Finanzkrisen?

Von Patrick Bernau

02. Januar 2008 In ihrer jüngsten Krise steckt die Finanzwelt noch mittendrin: „Subprime-Krise“ wird sie genannt. „Subprime“ heißt „weniger als erstklassig“ und bezeichnet Bauherren, die eigentlich nicht das Geld für ein Haus hatten, aber trotzdem einen Kredit bekamen. Diese Kredite wurden zu neuen Wertpapieren zusammengestellt und von Bank zu Bank weiterverkauft. Jetzt können viele Schuldner ihre Kredite nicht mehr zahlen, aber keiner weiß mehr, welche Bank die Verluste tragen muss - und ob noch eine daran pleite geht.

Solche Krisen gibt es oft. Vor acht Jahren brach die Internet-Euphorie zusammen. Ein paar Jahre zuvor hatten die Anleger eine Menge Geld in den asiatischen „Tigerstaaten“ verloren. Und nach jeder Krise steht in den Zeitungen: „Die Situation heute zeigt verblüffende Parallelen zu der Lage im Jahr . . .“ Das Jahr darf jeder selbst einsetzen: 1987, 1929, 1873. . . Die Geschichte der Finanzkrisen ist lang und abwechslungsreich, auch wenn die Krisen immer wieder nach dem gleichen Muster abliefen.

Zuerst kommt die Blüte

Dieses Muster hat der amerikanische Ökonom Hyman Minsky beschrieben: Am Anfang ändert sich die wirtschaftliche Situation. Ob das durch einen Krieg passiert, durch eine Rekordernte oder durch eine neue Erfindung wie das Internet - wichtig ist nur: Es gibt neue Dinge, mit denen sich mehr Geld verdienen lässt als mit anderen. In der Subprime-Krise war das der Handel mit Hypothekenkrediten. Eine Branche blüht auf.

Deren Kurse steigen noch zusätzlich, weil die Anleger viel Geld haben - zum Beispiel dadurch, dass die Zentralbanken die Zinsen niedrig halten. Bleiben Kredite billig, werden sie gern als Spekulationskapital genutzt. Eine lockere Geldpolitik werfen Kritiker auch jetzt der amerikanischen Notenbank vor: Die Fed habe die Wirtschaft mit billigem Geld gestützt.

Ein nichtiger Anlass kann ausreichen

Doch es komme gar nicht so sehr auf die Zentralbanken an, schreibt der Wirtschaftshistoriker Charles Kindleberger in seinem Buch „Manien, Paniken, Crashs“ - wenn sie kein neues Geld bereitstellten, schafften sich die Anleger das Geld eben selbst. So eine Masche erfanden zum Beispiel die Händler an der Börse von Kuweit Ende der siebziger Jahre: Sie datierten ihre Schecks einfach vor und hofften darauf, dass sie den Scheck bis zum neuen Fälligkeitsdatum decken konnten. Einigen gelang das nicht: 1982 platzte die Blase, Kuweits Börse brach zusammen.

Das ist in jeder Finanzkrise irgendwann passiert. Der Nadelstich, der die Blase zum Platzen bringt, kann dabei ein nichtiger Anlass sein: Irgendein unwichtiger Manager hat betrogen, ein Vorhaben liegt hinter dem Zeitplan, vielleicht hat auch nur ein angesehener Investor seine Meinung geändert. Plötzlich breitet sich eine Panik aus, und die Kurse fallen.

Wenn Gründe und Ablauf so klar sind, warum fallen die Anleger dann immer wieder darauf herein? Weil sie Menschen sind. Und Menschen spielen nicht nur gern mit hohen Einsätzen, sie machen auch immer wieder die gleichen Fehler.

Die antrainierte Suche nach dem Muster

Und das ist vor allem: Die Anleger sind sich ihres Wissens zu sicher. „Dieses Mal ist alles anders“, sagen sie. Viele Anleger setzen darauf, dass sie das richtige Unternehmen oder das richtige Wertpapier ausgewählt haben: die neue Amazon- oder Ebay-Aktie. Sie wird die Krise durchstehen. Oder Spekulanten pusten die Blase bewusst weiter auf, indem sie überteuerte Aktien kaufen und darauf vertrauen, dass sie einen Blöden finden, der ihnen die Aktien noch teurer abkauft.

Diese übertriebene Sicherheit haben wir auch in anderen Bereichen des Lebens. In Umfragen sind 60 bis 90 Prozent der Menschen davon überzeugt, dass sie besser Auto fahren als der Durchschnitt. Besonders gefährlich ist dabei: Unser Gehirn ist darauf getrimmt, Muster zu erkennen. Das tut es auch da, wo gar keine sind. Und es ist sehr schnell, wenn ein Anleger mit einigen Investitionen Geld verdient hat. Dann erwartet es, dass sich der Erfolg fortsetzt.

Selbst Newton fiel darauf herein

Zu Beginn einer Blase ist es ja auch sehr leicht, profitable Investitionen zu finden. Am Anfang gewinnt fast jedes Unternehmen und jedes Wertpapier. Und das zieht sogar die Leute in den Bann, die sich anfangs noch herausgehalten haben. Denn für die wird es immer schwieriger zuzusehen, wie ihre Freunde und Bekannte scheinbar mühelos reich werden.

Auf diesen Mechanismus sind auch schon große Denker hereingefallen, zum Beispiel der Entdecker der Gravitationskraft: Isaac Newton. Der investierte in der großen Blase des 18. Jahrhunderts, als viele Anleger auf hohe Gewinne in der Südsee hofften. Mit einer frühen Anlage gewann er 7000 Pfund, doch später verlor er 20.000. Es ist überliefert: Für den Rest seines Lebens wollte er das Wort „Südsee“ nicht mehr hören.

Wie ihm geht es vielen Anlegern. Wenn sie einmal eine Blase erlebt haben, halten sie sich in der nächsten zurück. Und tatsächlich stellten Ökonomen wie Vernon Smith in Experimenten fest: Wenn die Händler auf Märkten mehr Erfahrung hatten, wurden die Blasen deutlich kleiner.

Nur dumm, dass immer wieder neue Anleger an die Aktienmärkte kommen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.469,71 -1,02
TecDax 731,49 -2,04
DowJones 11.632,38 +0,26
Nasdaq 2.325,88 +0,95
STOXX 50 3.371,56 -0,47
Nikkei 225 13.603,31 +2,18
S&P 500 Zert. 12,75 -0,39
Euro/Dollar 1,57 -0,10
Bund Future 110,58 +0,43
Gold 922,90 +0,13
Öl 126,52 -4,27
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