Erklär mir die Welt

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Warum macht die Wirtschaft die Umwelt kaputt?

Von Ulrich van Suntum

10. August 2007 Der globale Klimawandel wird zwischen fünf und 20 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts kosten. Mit diesen drastischen Zahlen machte eine britische Studie im Oktober 2006 Schlagzeilen. Ohne wirkungsvolle Gegenmaßnahmen würden demnach weitere Kosten in der gigantischen Höhe von 5,5 Billionen Euro auf die Menschheit zukommen.

Diese Zahlen wurden nicht etwa von einer Umweltschutzorganisation vorgelegt, sondern von Nicholas Stern, dem ehemaligen Chefökonomen der Weltbank. Seinen Berechnungen zufolge müsste jährlich etwa ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts ausgegeben werden, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Angesichts der ansonsten drohenden Katastrophen wäre dies offenbar eine sehr lohnende Investition.

„Grenzen des Wachstums“

Es ist zwar nicht sicher, in welchem Ausmaß menschliche Einflüsse für den Klimawandel verantwortlich sind. Dass wir aber in vielerlei Hinsicht Raubbau an unserer Umwelt betreiben, ist unbestritten. Das ist übrigens kein neues Phänomen: Schon 1867 machte sich der liberale Ökonom Stanley Jevons Sorgen, dass die immer knapper und teurer werdende Kohle das englische Wirtschaftswachstum zum Erliegen bringen könnte. Ganz ähnlich argumentierte in Bezug auf das Erdöl und andere Rohstoffe knapp 100 Jahre später der Bericht "Grenzen des Wachstums" von Dennis Meadows an den Club of Rome.

Steigende Rohstoffpreise machen alternative Energien wie Windkraft rentabel Umweltbewusst: Solaranlage auf einem Carport Herkömmliche Glühbirnen haben ausgedient, sie brauchen zu viel Strom Kohlekraftwerk: schlanken Schlote stoßen Kohlendioxid aus, runde nur Wasserdampf Chinesisches Elektroauto

Zwar sind diese düsteren Vorhersagen bisher nicht eingetroffen. Der technische Fortschritt - und nicht zuletzt die steigenden Rohstoffpreise selbst - haben vielmehr immer wieder neue Energiequellen und Rohstoffe rentabel gemacht. Trotzdem haben wir in der Tat massive Probleme, etwa was die Überfischung der Meere betrifft und auch in Bezug auf die Luftverschmutzung.

Vielfach wird in der öffentlichen Diskussion die Gewinnorientierung und Rücksichtslosigkeit der Wirtschaft dafür verantwortlich gemacht. Tatsächlich hat ein im Wettbewerb stehendes Unternehmen von sich aus zunächst wenig Anreize, die Umwelt zu schonen. Das kostet ja im Zweifel Geld und würde das betreffende Unternehmen daher im Konkurrenzkampf tendenziell zurückwerfen.

Im Ostblock war es nicht anders

Trotzdem greift es aber zu kurz, die Ursache der Umweltbelastungen im marktwirtschaftlichen Wettbewerbsprinzip an sich zu sehen. Denn in den staatlich gelenkten Volkswirtschaften des früheren Ostblocks trat das Problem in gleicher Weise auf. Auch hier hatten die Betriebsleiter in erster Linie Interesse an der Planerfüllung, denn daran wurden sie gemessen. Die ökonomische Planerfüllung war aber umso schwieriger, je mehr Rücksicht sie dabei auf andere Belange nahmen - also wurde sie genauso grob vernachlässigt wie lange Zeit im Westen.

Da die sozialistischen Volkswirtschaften zudem ökonomisch viel weniger effizient arbeiteten, war die Umweltverschmutzung dort deutlich größer als im Kapitalismus. Für Umweltschutz war einfach nicht genügend Geld da, ähnlich wie im heutigen China oder in anderen wirtschaftlich aufstrebenden Ländern. Die Umweltbelastung ist also ein ökonomisches Problem, aber sie ist kein spezifisches Problem der Marktwirtschaften.

Die Gemeinschaftsküche will auch keiner putzen

Man kann sogar noch weiter gehen: Umweltverschmutzung resultiert letzten Endes nicht aus zu viel, sondern aus zu wenig Wettbewerb. Anders als bei anderen Gütern muss ja niemand etwas dafür zahlen, wenn er das knappe Gut "saubere Luft" in Anspruch nimmt oder seltene Fischbestände ausbeutet. Daher werden diese sogenannten Kollektivgüter zu stark in Anspruch genommen und im Extremfall ganz vernichtet, obwohl das eigentlich niemand will. Es ist ähnlich wie bei der Gemeinschaftsküche, die auch gern jeder sauber hätte, die aber niemand freiwillig putzen will. Die Ökonomen nennen das eine Rationalitätenfalle.

Für die privaten Haushalte, also für jeden Einzelnen von uns, gilt im Prinzip genau das Gleiche: Wer die Umwelt schont, nimmt damit Kosten und Verzicht in Kauf, die sich für ihn selbst erst einmal nicht auszahlen. Ein Elektroauto zum Beispiel ist viel weniger geräumig, weniger leistungsfähig und obendrein noch teurer als ein herkömmlicher Pkw. Darum ist es kein Wunder, dass es von niemandem gekauft wird, abgesehen vielleicht von ein paar Enthusiasten. Erst wenn es sich auch in der persönlichen Rechnung auszahlt, zum Beispiel beim Zahlen an der Tankstelle, entsteht spürbare Nachfrage nach umweltfreundlichen und verbrauchsgünstigen Produkten. Beim Hybrid-Antrieb etwa ist das mittlerweile der Fall.

Die Lösung: ein künstlicher Markt

Die oft gehörte Behauptung, solche Produkte würden von der Industrie bewusst zurückgehalten, ist nichts als eine lahme Ausrede: Wenn man nämlich ein preisgünstiges Ein-Liter-Auto erfolgreich auf den Markt bringen könnte, würde es auch jemand tun. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde es aber eben ein Flop werden, weil wir alle nicht - oder noch nicht - bereit sind, die damit verbundenen Leistungs- und Komforteinbußen in Kauf zu nehmen.

Wie kann man das ändern? Der beste Weg, der Rationalitätenfalle zu entkommen, ist interessanterweise die Schaffung eines künstlichen Marktes. So geschehen etwa beim Kohlendioxid, für dessen Emission man in der EU seit 2005 ein Zertifikat erwerben muss. Die Zertifikate können gehandelt werden, sind aber in der Gesamtmenge begrenzt. Daher werden sie mit zunehmendem Wirtschaftswachstum tendenziell immer teurer. Damit steigt aber automatisch auch der Anreiz für alle Beteiligten, nach alternativen Energiequellen, Produkten und Verfahren zu suchen, die weniger CO2 ausstoßen.

Der Staat braucht sich darum nicht mehr zu kümmern. Er muss auch keine bestimmten Vermeidungstechnologien mehr vorschreiben, die ohnehin bald wieder veralten. Und wenn er den CO2-Ausstoß weiter senken will, muss er nur entsprechend viele Zertifikate wieder einziehen oder zurückkaufen. Alles andere erledigt im Prinzip der Wettbewerb, genau wie bei jedem anderen knappen Gut.

Die Pigou-Steuern

In ähnlicher Weise kann man Emissionen anderer Schadstoffe oder Fangquoten für bedrohte Tierarten festlegen. Wo Zertifikate zu umständlich sind, wie auf dem Benzinmarkt, kann man auch mit Pigou-Steuern arbeiten. Das sind indirekte Steuern wie etwa die Ökosteuer auf Benzin, die von dem Ökonomen Arthur C. Pigou schon 1912 vorgeschlagen wurden. Die steigenden Preise der betreffenden Güter veranlassen automatisch auch die Endverbraucher, sich nach Alternativen umzusehen. Statt Walfleisch essen die Japaner vielleicht mehr Thunfisch, die Amerikaner ersetzen ihre spritfressenden Geländewagen zunehmend durch verbrauchsgünstigere Modelle, und wir verwenden mehr Energiesparlampen anstelle herkömmlicher Glühbirnen.

All das passiert ganz ohne staatlichen Zwang, was schon alleine ein wesentlicher Vorzug solcher Marktlösungen ist. Vor allem aber ist dieses Vorgehen ökologisch und ökonomisch äußerst effizient. Denn alle sind jetzt ständig auf der Suche nach umweltfreundlicheren Lösungen, weil das eben bares Geld spart. Wer das Umweltproblem lösen will, sollte daher auf möglichst viel und nicht etwa auf weniger Markt und Wettbewerb setzen.

Der Autor lehrt Volkswirtschaft an der Universität Münster.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.08.2007, Nr. 31 / Seite 46
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, ddp, dpa, F.A.Z., REUTERS

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