Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (90)

Warum sind Privatfirmen besser als Staatsunternehmen?

Von Ulrich van Suntum

03. März 2008 Nur wenige Menschen in Deutschland werden sich in die Zeiten zurückwünschen, in denen die Deutsche Bundespost für die Briefzustellung und die Telefonleitungen allein zuständig war. Kaum jemand kann sich auch heute noch vorstellen, dass Lufthansa und Telekom einmal staatliche Unternehmen waren, obwohl das noch keine 25 Jahre her ist. Ganz zu schweigen von den volkseigenen Betrieben im ehemaligen Ostdeutschland, deren Ineffizienz eine ganze Generation um ihre Wohlstandschancen betrogen hat und letztlich zum wirtschaftlichen und politischen Ruin der DDR führte. Und die jetzt auch in privater Hand sind, wenn sie nicht geschlossen werden mussten.

Diese Privatisierungen fußen auf den Ideen des schottischen Nationalökonomen Adam Smith. In seinem 1776 erschienenen Werk „Der Wohlstand der Nationen“ machte er aus seiner Abneigung gegen öffentliche Unternehmen keinen Hehl: Diejenigen, die behaupteten, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln, hätten selten etwas Gutes hervorgebracht. „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen“, so lautet der wohl berühmteste Satz aus seinem Werk. Und zu diesen Interessen gehört: das Einkommen zu maximieren.

Der Staat hat es viel leichter, auch als Unternehmer

Daher muss der Unternehmer die Produkte anbieten, die seine Kunden wollen. Schafft er das nicht, ist er bald insolvent. Ein Staatsunternehmen bliebe hingegen erhalten. Privaten Firmen sitzen zudem die Kapitalgeber im Nacken. Sie wollen eine möglichst hohe Verzinsung erzielen. Das gilt vor allem für die Eigentümer, die schließlich das Verlustrisiko tragen. Stimmt die Rendite nicht, dann investieren sie nicht mehr oder ziehen ihr Kapital zurück. Das kann rasch das Ende für ein Unternehmen bedeuten. Man mag das als Turbokapitalismus verurteilen, aber auch dabei spielen wir fast alle mit: Wer gibt sich schon mit vier oder fünf Prozent Rendite für eine riskante Aktie zufrieden, wenn er die gleiche Verzinsung mit risikolosen Staatspapieren erzielen kann?

Der Staat hat es viel leichter, auch als Unternehmer. Stimmt die Kasse nicht, kann er sich leicht durch höhere Steuern und zusätzliche Verschuldung sanieren. Gründe dafür sind immer schnell gefunden, und im Gegensatz zum Kunden kann der Steuerzahler sich kaum gegen den Griff in seine Taschen wehren. Daher ist das Kostenbewusstsein in staatlichen Unternehmen viel weniger ausgeprägt als in der Privatwirtschaft. Kaschiert wird die Ineffizienz oft mit angeblicher Gemeinnützigkeit oder besonderen sozialen Leistungen. Aber das sind letztlich schwammige Begriffe, die sich beliebig dehnen lassen. Auch bei neuen Produkten und Ideen reißen sich staatliche Unternehmen meist kein Bein aus. So galt ein blaues Tastentelefon bei der deutschen Bundespost noch als der Gipfel des Komforts, als in anderen Ländern längst mobil telefoniert wurde.

Probleme hauptsächlich bei Großkonzernen

Trotzdem gibt es ein weitverbreitetes Gefühl in der Bevölkerung, dass private Unternehmen im Kern unsozial sind. Spektakuläre Betriebsschließungen wie etwa von Nokia in Bochum geben dieser Ansicht immer wieder neue Nahrung. Wenn dann noch erfolglose Manager mit Millionenabfindungen bedacht oder gar straffällig werden, ist der Ruf nach mehr staatlicher Regulierung der Privatwirtschaft schnell bei der Hand. Dabei spielt es auch kaum eine Rolle, dass teil- oder ganzstaatliche Unternehmen wie VW oder die West LB in dieser Hinsicht kaum besser agieren und obendrein Steuergelder anstelle von privatem Kapital verbrennen.

Allerdings treten Probleme dieser Art hauptsächlich bei Großkonzernen mit angestellten Managern auf. Die Aktionäre als eigentliche Eigentümer haben hier oft nicht mehr viel zu sagen. Sie haben meist auch kaum Kontakt zu „ihren“ Arbeitnehmern. Solche Strukturen haben wenig mit dem Unternehmerbild zu tun, wie es Adam Smith vor Augen hatte. Gott sei Dank sind sie, entgegen dem öffentlichen Eindruck, alles andere als typisch für die heutige Zeit. Gerade in Deutschland dominieren vielmehr mit mehr als zwei Dritteln aller Arbeitsplätze kleine und mittelständische Unternehmen. Dass in Ostdeutschland die Wirtschaft immer noch nicht auf eigenen Füßen steht, hängt auch damit zusammen, dass die Kultur des selbständigen Unternehmertums in der DDR weitgehend vernichtet wurde.

Nur auf den ersten Blick sozial

Der private Einzelunternehmer ist unmittelbar mit dem Schicksal seines Betriebes und seiner Arbeitnehmer verbunden. Das ist der wesentliche Unterschied zu einem Staatsunternehmen, aber auch zu vielen anonymen Kapitalgesellschaften. Im Mittelstand findet man noch den „dynamischen Unternehmer“ im Sinne des österreichischen Ökonomen Josef Schumpeter, der nicht nur verwaltet, sondern ständig nach besseren Lösungen sucht.

Freilich zahlen die Großkonzerne und Staatsunternehmen oft höhere Löhne und großzügigere Sozialleistungen. Das Geld der Steuerzahler und der machtlosen Kleinaktionäre sitzt den angestellten Unternehmensleitern meist locker in der Tasche, wenn sie damit ihre eigene Stellung sichern können. Das ist aber nur auf den ersten Blick sozial, denn eine verschleppte Sanierung muss später umso härter ausfallen. Oft fließen dann wieder neue Steuergelder - ein Teufelskreis.

Der „Prozess der schöpferischen Zerstörung“

Natürlich gibt es auch bei mittelständischen Privatunternehmen Pleiten und Entlassungen. Das gehört zum marktwirtschaftlichen „Prozess der schöpferischen Zerstörung“, wie ihn Schumpeter beschrieben hat. Aber das Entstehen und Ausscheiden von Betrieben spielt sich hier viel unspektakulärer ab, und unter dem Strich entstehen dabei mehr Arbeitsplätze als verlorengehen.

Auch das Verhältnis zwischen Unternehmensleitung und Belegschaft ist in überschaubaren Privatunternehmen meistens gut, schon aus eigenem Interesse. Denn anders als ein Staatsbetrieb kann ein selbständiger Unternehmer es sich gar nicht leisten, gute Mitarbeiter zu verlieren - sie sind sein wichtigstes Kapital.

Ulrich van Suntum ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Münster.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.03.2008, Nr. 9 / Seite 58
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

 
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