Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (95)

Warum ist Geiz keine Sünde?

Von Hans D. Barbier

05. April 2008 Dass Geiz geil sei, hat gewiss nicht zum Sprachschatz des Niederrheiners am Ausgang des 19. Jahrhunderts gehört. Aber Geiz als selbstauferlegte Askese des reichen Mannes konnte den Bürgern von Viersen durchaus imponieren. Josef Kaiser und die abgezählten Rosinen in der Milchreissuppe: Die Geschichte wird heute noch gerne und nicht ohne Hochachtung erzählt.

Der Gründer der „Kaisers Kaffee Geschäft AG“ schätzte Milchreissuppe mit Rosinen. Und er hätte sich von den damals teuren Trockenfrüchtchen wahrlich viele leisten können. Doch er gab seinem Hauspersonal strikte Anweisung, die Rosinen sorgsam zu zählen und sparsam mit ihnen umzugehen. Für diese besondere Erscheinungsform des Geizes eines reichen Mannes haben ihn seine Hausangestellten geachtet. Zunächst mögen sie sich über die Sparmarotte des vermögenden Patrons gewundert haben. Dann aber haben sie wohl begriffen: Das Kapital ist für die Firma, der persönliche Aufwand wird gering gehalten. Das war dem Empfinden der damaligen Zeit durchaus geläufig. Der „Geizige“ hatte in bürgerlichen Kreisen das höhere Ansehen als der „Verschwender“. Der Geizige bekam den Bankkredit für die Kapitalbildung, der Hallodri nicht.

Kein Verstoß gegen den Geist der Bibel

Geiz um der Sicherung der Zukunft willen verstößt nicht gegen den Geist der Bibel. In der Lehre der katholischen Kirche gehört die Avaritia als zweite zu den sieben Hauptsünden, die als Wurzeln der Todsünden gelten. Aber die Avaritia meint eben nicht die Verweigerung des Gebens aus im Einzelfall wohlerwogenem Grund, sondern die zur Charaktereigenschaft gewordene Verhärtung des Herzens. In der Verweigerung des Gebens kann sich der Respekt vor der Knappheit der irdischen Güter zeigen. Und sie kann durchaus dem Auftrag des Schöpfers entsprechen, der Mensch solle sich die Erde untertan machen. Das Paradigma der klassischen Ökonomie muss sich da nicht bibelfern sehen. Das ökonomische Prinzip fordert, den angestrebten Ertrag jeweils mit möglichst geringen Mitteln zu erreichen.

Der Erfüllungsgehilfe des Sparsamkeitsgebotes taucht auf den Märkten in den unterschiedlichsten Rollen auf: als Gründer, der nichts anders sein will als asketisch. Als Innovator, der neue Verfahren anwendet und dadurch Material spart, aber die Qualität und Sicherheit seiner Produkte nicht vernachlässigt. Als Investor, der auf Produktionsanlagen besteht, die aus den eingesetzten Materialien das meiste herausholen - und als Kreditnehmer, der einen wachen Sinn für knappe Kalkulationen hat.

Günstig für den Unternehmer - und für die Erde

Der Unternehmer handelt nach einem ebenso einfachen wie universalen Günstigkeitsprinzip: günstig für ihn und - im gelingenden Wettbewerb - für die Erde, die der Mensch sich mit der Erlaubnis der Bibel untertan machen darf. In der normativen Ökonomie des klassischen angelsächsischen Liberalismus - dort, wo es so häufig um die Gebote des Wirtschaftens mit möglichst sparsam eingesetzten Mitteln geht - hat die Figur des „spendthrift“, der leichthändig Ausgaben tätigt und Kredite nimmt, keinen guten Klang.

Das änderte sich unter der Fragestellung des Keynesianismus in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das Investieren auf Kredit wurde zur wirtschaftlichen Tugend und - was den Staat angeht - zur wirtschaftspolitischen Pflichtübung erhoben. In dem aus jenen Tagen überlieferten Theorem „Die Arbeiter geben aus, was sie verdienen; die Unternehmer verdienen, was sie ausgeben“ geht es nicht nur um die strategische Rolle der Investitionen für Beschäftigung und Wachstum.

In der Reihenfolge des wirtschaftlichen Kalküls hat sich die Ausgabe vor die Einnahme geschoben. Kredite gewinnen ihre Dignität durch das hinter ihnen stehende Beschäftigungsversprechen einer Investition. Das gilt nicht zuletzt für den Staat, der zum Schuldenmachen nicht nur legitimiert, sondern verpflichtet ist, wenn die Investitionen der Unternehmen nicht ausreichen, um Vollbeschäftigung zu sichern.

Der geizende Rechner wird vielleicht zum Helfer in der Not

In der Makroökonomik der dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts liegen die Quellen wirtschaftlicher Prosperität nicht beim Sparen für eine Investition, sondern beim Ausgeben eines Kredites für eine Investition. Das ist - wenn man Geben und Nehmen erst einmal gedanklich in einen geschlossenen Kreislauf eingesperrt hat - die weltliche Interpretation der Bibelstelle bei Lukas Kapitel 6, Vers 38: „Gebt und es wird euch gegeben werden: ein gutes, gedrücktes und gerütteltes und überlaufendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn mit demselben Maße, in welchem ihr messet, wird euch wieder gegeben werden.“ Die Unternehmer verdienen, was sie ausgeben.

Die ökonomische Belohnung des aller Kleinlichkeit fernen, geradezu unbesorgten Ausgebens hat Keynes - in Anlehnung an eine Begebenheit im ersten Buch der Könige des Alten Testamentes - das „Witwenkrug-Theorem“ genannt: der Ölkrug der armen Witwe wurde nie mehr leer, weil sie einem hungernden Wanderer mit ihrem letzten Öl und von ihrem letzten Mehl einen Kuchen gebacken hatte.

Bei aller Dignität des Zeugnisses der Bibel für den ökonomischen und moralischen Wert hoffnungsfrohen Ausgebens ohne die Kleinheiten des vorsorglichen Nachrechnens: Unter den eingeschränkten Haftungsbedingungen moderner Demokratien bleibt Geiz eine schätzenswerte Eigenschaft von Regierungen und Parlamenten. Mit dem „spendthrift“ feiert man einen lustigen Abend. Der geizende Rechner wird vielleicht zum Helfer in der Not.

Hans D. Barbier ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Dieter Rüchel - F.A.Z.

 
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