Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (99)

Warum schmeckt das erste Bier besser als das fünfte?

Von Ulrich van Suntum

08. Mai 2008 Lange Zeit haben Ökonomen gerätselt, warum ein Kilo Diamanten mehr wert ist als ein Liter Wasser. Schließlich ist Wasser ein lebensnotwendiges Gut, während man mit Diamanten im Grunde nicht viel anfangen kann. Trotzdem erzielen Diamanten am Markt einen weit höheren Preis. Der Tauschwert der Güter entspricht also scheinbar keineswegs ihrem Gebrauchswert.

Dieses klassische Wertparadoxon konnte selbst Adam Smith, der Begründer der klassischen Volkswirtschaftslehre, nicht auflösen. Es sorgt auch heute noch für manche Verwirrung, wenn es um die Rechtfertigung von Marktpreisen geht. Dabei liegt die Lösung eigentlich auf der Hand.

Der Wert eines Gutes ist eben keine absolute, ein für allemal gegebene Größe. Er hängt vielmehr davon ab, wie viel von dem betreffenden Gut vorhanden ist. Das weiß im Prinzip jedes Kind, das mal Fußballbilder gesammelt hat. Ein seltener Bundesligastar wie Asamoah hat eben einen höheren Sammelwert als irgendein Zweitligaspieler, von dem dutzendweise Bildkärtchen im Umlauf sind. Und selbst Asamoah verliert für den Besitzer an Wert, wenn der schon ein zweites oder gar ein drittes Sammelkärtchen von ihm hat. Dann tauscht er ihn vielleicht doch gegen irgendeine Lusche ein, die gerade noch zur Komplettierung des Albums fehlt.

Die "Gossensche Gesetze"

Bei den meisten anderen Gütern ist es nicht anders: Derselbe Liter Wasser hat in der Wüste, wo er uns vor dem Verdursten retten kann, einen höheren Wert als im normalen Leben. Und so schön das erste Bier auch schmecken mag, nach einer gewissen Menge haben wir meist genug davon - jedenfalls fürs Erste.

Das optimale Quantum ist dabei von Mensch zu Mensch verschieden. Darum sind bisher auch alle Versuche gescheitert, den Güternutzen an objektiven Merkmalen festzumachen. Qualität, Umweltfreundlichkeit, Langlebigkeit und andere Eigenschaften mögen durchaus Anhaltspunkte liefern. Den Marktpreis wirklich erklären oder ersetzen können sie aber nicht.

Wie kommt es aber überhaupt zu einem einheitlichen Marktpreis, wenn die Wertschätzung der Güter individuell so unterschiedlich ist? Diese Frage hat als Erster der deutsche Ökonom Hermann Heinrich Gossen beantwortet. Gemäß den nach ihm benannten "Gossenschen Gesetzen" tauschen die Menschen die Güter ja gerade deswegen am Markt aus, weil sie deren Nutzen unterschiedlich einschätzen. Wie in einem System kommunizierender Röhren gleichen sich Nutzen und Preise dadurch immer mehr aneinander an. Dieser Marktprozess wiederholt sich ständig. Denn die Geschmäcker und Bedürfnisse der Menschen ändern sich ebenso wie das Güterangebot und seine Kosten.

Abnehmender Grenznutzen auch bei Sicherheit und Gesundheit

Gossen selbst verglich seine Entdeckung selbstbewusst mit den kopernikanischen Himmelsgesetzen, die er nun für das menschliche Handeln abgeleitet habe. In der Tat lässt sich sein Gesetz des sinkenden Grenznutzens beinahe universell anwenden. Es gilt sogar für so hohe Güter wie Sicherheit und Gesundheit. Eigentlich sollte man meinen, davon könne man nie genug haben. In Wirklichkeit verzichten aber viele darauf: Gegen Einbruch und Feuer sind etwa längst nicht so viele Wohnungen geschützt, wie man meinen könnte. Den meisten reicht es offenbar, wenn die Haustüre vernünftig schließt und die Feuerwehr irgendwann kommt. Auch beim Fahrradfahren wird die Sicherheit nur von wenigen so hoch geschätzt, dass sie einen Helm kaufen und diesen dann auch tragen.

Der englische Ökonom Stanley Jevons hat das Gossensche Prinzip auch auf die Arbeit angewendet. Nach seiner Theorie der Lust- und Unlustgefühle vermittelt uns die Arbeit am Anfang durchaus Freude, selbst wenn wir dabei nicht ans Geld denken. Aber mit zunehmender Dauer wird sie dann eben doch immer mehr zur Last - wer könnte das nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht bestätigen? Auch hier gilt also: Arbeitsleid ist eine variable Größe - und muss auch variabel mit dem Lohnsatz ausgeglichen werden. Darum werden Überstunden höher bezahlt, während umgekehrt manche ehrenamtliche Tätigkeit sogar umsonst erbracht wird. Ein Zeichen dafür, dass sie nicht als Last empfunden wird.

Eine ganz andere Frage ist allerdings, ob man das menschliche Verhalten am Markt auch immer moralisch rechtfertigen kann. Immerhin bedeutet es ja, dass billige und im Übermaß vorhandene Güter möglicherweise verschwendet werden, obwohl sie vielleicht an anderer Stelle der Welt dringend gebraucht würden. Wasser zum Beispiel. Während es bei uns in Autowaschanlagen und Spaßbädern verschwendet wird, könnte es in den Dürrezonen Afrikas zum Überleben vieler Menschen viel segensreicher eingesetzt werden. Der Gossensche Marktausgleich funktioniert hier also nicht richtig. Denn erstens stehen dem Transport hohe Kosten entgegen, und zweitens haben diejenigen, die das Wasser am dringendsten benötigen, oft nicht genug Kaufkraft und Einkommen.

Glücklich ist, wer mehr hat als sein Nachbar

Das Problem einer gerechten Einkommensverteilung können und wollen die Tauschgesetze allerdings auch gar nicht lösen. Sie beschreiben nur den Prozess, wie die Menschen durch Tausch das Beste aus ihren jeweiligen Möglichkeiten machen. Die Korrektur der Einkommensverteilung ist daher eine Aufgabe der Politik, nicht des Marktes. Dabei kann man sich durchaus wieder auf Gossens Gesetz vom sinkenden Nutzen bei steigender Menge berufen, indem man es nämlich auf das Einkommen selbst anwendet.

Ein nach dem amerikanischen Ökonomen Richard Easterlin benanntes Paradoxon geht sogar noch weiter. Demnach ist das Glücksempfinden der Menschen in Regionen mit hohem Wohlstandsniveau kaum größer als in armen Ländern. Auch im Zeitverlauf sind nach Easterlin die Menschen trotz steigenden Wohlstands im Durchschnitt nicht wirklich glücklicher geworden. Entscheidend scheint vielmehr, auch späteren Umfragen und Experimenten zufolge, die relative Einkommenshöhe im Vergleich zu den Mitbürgern zu sein: Glücklich ist demnach vor allem, wer mehr hat als seine Nachbarn, und zwar weitgehend unabhängig vom absolut erreichten Wohlstandniveau.

Diese Ergebnisse sind allerdings umstritten. Neueste Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass auch das absolute Wohlstandsniveau sehr wohl einen positiven Einfluss auf die menschliche Zufriedenheit hat. Allerdings gilt das - ganz in Übereinstimmung mit Gossens Gesetz - immer weniger, je höher das bereits erreichte Wohlstandsniveau ist. Mehr als zwei- oder dreimal am Tag gut essen und trinken kann man eben nicht. Insoweit lässt sich ein gewisses Maß an staatlicher Umverteilung durchaus auch rein ökonomisch rechtfertigen. Man muss allerdings aufpassen, dass dabei nicht wiederum die Arbeitsanreize verlorengehen. Auch hier gilt: Der erste umverteilte Euro nutzt mehr und schadet weniger als der letzte.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z., ZB

 
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