Erklär mir die Welt

Alle Beiträge Aktuellster Beitrag Beitragsdatum bis

Erklär mir die Welt (77)

Warum müssen wir Elefanten töten, um sie zu retten?

Von Winand von Petersdorf

14. Dezember 2007 Lewis heißt ein afrikanischer Elefant, dessen Weg die Welt verfolgen kann - dank Google Earth. Er trägt um den Hals eine Manschette mit einem Sender, der stündlich Positionssignale an einen GPS-Satelliten sendet. Die Daten können über das Internet heruntergeladen werden (www. savetheelephants.org). Wir wissen, wo unser Lewis steckt: in Kenia und damit in einem nicht ganz ungefährlichen Terrain.

Vor allem Jagd und Landwirtschaft dezimieren die Bestände. In Westafrika sind Elefanten akut bedroht, in Zentralafrika schrumpfen die Gruppen in alarmierender Geschwindigkeit. Im östlichen Afrika erholen sich die Bestände langsam. Im südlichen Afrika liegen die Dinge anders: Dort waren Elefanten fast ausgestorben, bevor sie besondere Schutzgebiete bekamen. So haben sich die Bestände nicht nur erholt, sondern sie haben sich so stark vergrößert, dass die Wildhüter der Nationalparks neue Sorgen bekommen.

Ökonomische Analyse hilft auch in diesem Fall

Bei der Wahl der Mittel zur Bewahrung der Elefanten hilft die ökonomische Analyse. Elefanten sterben, wenn sie den Todesschützen tot mehr wert sind als lebend. Menschen töten Elefanten aus drei Gründen: Um an das Elfenbein heranzukommen, das sich trotz Handelsbann gut verkaufen lässt, um den eigenen Acker zu schützen und wegen des besonderen Jagderlebnisses beim Niederstrecken des stolzen Tieres.

Hinter dem Töten stecken ökonomische Kalküle, die sich in Zahlen ausdrücken lassen. Eine Jagdsafari auf Elefanten kostet knapp 10.000 Euro inklusive Anflug nach Harare (Zimbabwe), Guide, Unterkunft und Verpflegung. Ein Wilderer bekommt, so wird geschätzt, 100 Euro für einen toten Elefanten mit Stoßzähnen von einem Elfenbeinschnitzer. Der Ackerbauer kalkuliert die Kosten einer zertrampelten Ernte gegen den Aufwand, einem Elefanten aufzulauern und abzuschießen.

Es gibt auch ein gesellschaftliches Nutzenkalkül

Neben den individuellen Nutzenkalkülen stehen gesellschaftliche. Alle, selbst Wilderer und Trophäenjäger, wollen eigentlich, dass der Elefant überlebt. Damit zeichnet sich ein Dilemma ab, das schon Ende der 60er Jahre unter dem Terminus „Tragedy of the commons“ (die Tragödie gemeiner Güter) in der Wissenschaft diskutiert wurde, und zwar am Beispiel einer Gemeinde-Viehweide.

Jeder Viehhalter, der die Weide nutzt, hat ein individuelles Interesse, seine Herde zu vergrößern, was zu Lasten des Gemeindelandes geht. Doch der Schaden wird vergesellschaftet, der Nutzen bleibt individuell. Deshalb wird die Wiese im schlimmsten Fall so abgegrast, dass sie sich nicht mehr erholt. Übertragen auf den Elefanten heißt das: Der Nutzen eines toten Elefanten ist individuell, der Schaden aber allgemein.

Elefanten locken viele Touristen an

Seine Überlebenschance liegt allerdings in seinem Nutzen. Elefanten sind wichtige Touristenattraktionen, und sie sind vital für die Pflanzen- und Tierwelt. Manche Pflanzen verbreiten ihre Samen über Elefantendung. In Asien dienen sie bei der Waldarbeit und als Lastenträger. Und sie haben einen hohen emotionalen Wert besonders für die Menschen der nördlichen Hemisphäre, die sie aus Zoos, Tierfilmen und Zeichentrickproduktionen kennen.

Die zentrale ökonomische Frage lautet: Wie verleidet man den Jägern und Bauern das Töten? Die Varianten lauten grob: über Anreize oder über Verbote. Der Verbot von Elfenbeinhandel hat nie die erhoffte Wirkung gezeigt, wie jüngst Untersuchungen bestätigten. Vor allem in Asien wächst die Nachfrage nach Elfenbein, das überwiegend aus Zentralafrika kommt.

Scharfe Kontrollen bringen nichts

Die Kontrolle greift nicht gut, in zentralafrikanischen Ländern toben militärische Konflikte. Der Elefantenschutz ist die geringste Sorge dort. Ohnehin funktionieren die Institutionen in Afrika oft schlecht. Zudem fehlt es schlicht an Geld, Schutz zu bezahlen.

Der Tierschutz funktioniert dort am besten, wo die Beteiligten und Betroffenen einen unmittelbaren Nutzen am lebenden Tier haben. Bei der Organisation der südafrikanischen Nationalparks wird das Wildmanagement aber besonders effektiv, weil Elefanten den Parks nützen.

Die Bevölkerung will von Elefanten profitieren

Die Parkverwaltung ist zur Hälfte Naturschutzinstitution und zur Hälfte Tourismusgesellschaft. Sie vermarktet den Parktourismus. Einen Teil der Einnahmen setzt sie für den Tierschutz ein, einen anderen für den Ausbau der Parks. Die Bestände gedeihen prächtig.

Eine Untersuchung der amerikanischen Wissenschaftler McPherson und Nieswiadomy aus den neunziger Jahren kam zu dem Ergebnis: In allen Ländern, in denen Elefanten-Populationen wuchsen, hatten die Gemeinden, Stämme und unmittelbar betroffenen Farmer Mitspracherechte, wie mit den Elefanten umzugehen ist, und gleichzeitig besaßen sie Nutzungsrechte.

Die Regierung teilt mit den Betroffenen

Sie bekamen einen Anteil der Einnahmen aus Foto- und Jagdsafaris. Wenn Regierungen Elefanten abschießen ließen, um Überpopulationen zu vermeiden, bekamen die betroffenen Menschen etwas von den Verkaufserlösen des Fleisches und des Elfenbeins. „Plötzlich können kleine Gruppen von Leuten davon profitieren, dass die Elefanten überleben. Wilderer, die früher auf Unterstützung Einheimischer rechnen konnten, werden heute den Behörden gemeldet“, sagt Umweltökonom Nieswiadomy. Der kontrollierte Abschuss nützt den Dorfbewohnern und dämmt die Gefahr der Ausrottung durch Wilderer ein.

Ein weiterer triftiger Grund spricht inzwischen in einigen Ländern dafür, gezielten Abschuss zu erlauben. Manche Parks platzen aus allen Nähten. Das Elefanten- Management in den südafrikanischen Nationalparks war so erfolgreich, dass es dort mehr als genug gibt. Die Parkfläche wurde schon vergrößert, und Umsiedlungsprogramme sind kaum noch möglich. Die meisten möglichen Regionen sind schon besetzt. Versuche mit Antibabypillen für Elefantenkühe verändern die Bestände nur langfristig.

Zurzeit aber trampeln die Elefanten die Parks nieder, sie zerstören den Lebensraum für sich selbst und andere Arten. Als letztes Mittel sieht selbst der WWF das Keulen der Bestände als akzeptabel an. Manchmal muss man Elefanten eben töten, um sie zu bewahren.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.12.2007, Nr. 48 / Seite 62
Bildmaterial: AFP, ddp

 
Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.364,80 -1,18
TecDax 716,65 -0,68
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.319,30 -1,05
Nikkei 225 13.334,76 -1,97
S&P 500 Zert. 12,50 -2,34
Euro/Dollar 1,57 +0,34
Bund Future 111,30 +0,32
Gold 930,30 +0,28
Öl 124,98 -1,22
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche