Von Catherine Hoffmann
25. Juli 2007 Die Bezüge der Spitzenmanager explodieren. 1,8 Millionen Euro verdiente ein deutscher Vorstand im Jahr 2005, achtmal so viel wie 1976. Die Durchschnittslöhne haben sich dagegen in diesen 30 Jahren kaum mehr als verdreifacht. Das geht aus einer Studie der Beratungsgesellschaft Kienbaum hervor, die die Vorstandsgehälter der hundert größten deutschen Unternehmen untersucht hat.
Jahrzehntelang haben die Gehälter der Topmanager nur unwesentlich schneller zugenommen als das Bruttoinlandsprodukt und die Einkommen der Deutschen. Doch seit Ende der neunziger Jahre zog ihre Vergütung kräftig an.
13 Millionen für Ackermann
Firmenlenker wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank verdienten im vergangenen Jahr mit gut 13 Millionen Euro noch viel üppiger als der Durchschnitt der Dax-Chefs. Über eine solche Summe können viele Investmentbanker, Private-Equity-Manager und Trader in den Handelssälen der Banken nur lachen: Sie kassieren heute nicht selten dreistellige Millionengehälter im Jahr.
Die Managerbezüge sind längst zu einem Reizthema geworden. Auch in der Wissenschaft wird intensiv über die krassen Gehaltsschübe nachgedacht. Den Ökonomen geht es dabei nicht um Ausreißer und Abkassierer, die nur die eigene Bezahlung in luftige Höhen treiben, während die Mitarbeiter ihrer AG um ihren Job fürchten und die Aktionäre unter schwachen Kursen leiden. Es geht darum, herauszufinden, warum die Gehälter der Spitzenmanager im Durchschnitt in den vergangenen Jahren so gewaltige Schübe erlebt haben.
Die Allzweck-Erklärung
Theorien gibt es in Hülle und Fülle. Viele Forscher sehen den steilen Anstieg der Managerlöhne schlicht als Ergebnis eines gut funktionierenden Marktmechanismus. Es ist die Allzweck-Erklärung der Wirtschaftswissenschaftler für beinahe jedes Phänomen: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Auf dem Managermarkt werden die Löhne frei ausgehandelt.
Die Firmeneigentümer oder der Aufsichtsrat suchen einen Chef, der dem Unternehmen und seinen Aktionären den größten Nutzen stiftet; das tut er nur, wenn das Gehalt stimmt und Leistungsanreize gesetzt werden. Und der Manager versucht, sein Gehalt zu optimieren. Am Ende entspricht der Lohn der Grenzproduktivität seiner Leistung. Die spiegelt sich in einem hohen individuellen Beitrag zum Unternehmenswert wider.
70 bis 80 Prozent leistungsabhängig
Die amerikanischen Wissenschaftler Xavier Gabaix und Augustin Landier sorgten vor einem Jahr mit einer Studie für Aufsehen, die die These vom effizienten Managermarkt stützt: Es sei logisch, dass die größten Unternehmen die besten Manager anzögen und dass ein Manager umso mehr verdiene, je größer die Firma sei. Nun rechnete das Duo nach: Wie stark sind die großen amerikanischen Unternehmen in den vergangenen 25 Jahren gewachsen, in denen sich die Managergehälter versechsfachten? Genau: Ihr Börsenwert hat sich versechsfacht. Wenn der Marktwert aller Firmen wächst, sagt Landier, sind die Leute bereit, mehr für das gleiche Talent zu zahlen. So einfach ist das.
Ins Bild passt, dass Anreizlöhne heute gang und gäbe sind. Vor dreißig Jahren spielten flexible Bezüge praktisch keine Rolle in der Managervergütung; es gab ein festes Gehalt. Weder wurde überdurchschnittliche Leistung belohnt, noch mussten Manager, die versagt hatten, mit finanziellen Einbußen rechnen. Heute beträgt der Anteil der fixen Bezüge nur noch 20 bis 30 Prozent, der Rest ist leistungsabhängig. Und so liegt die Vermutung nahe, dass die zunehmende Orientierung der Managergehälter an Unternehmensgewinnen und Aktienkursen zum Auseinanderdriften von Vorstandssalären und Durchschnittslöhnen geführt hat.
Aktienoptionen spielen entscheidende Rolle
Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Aktienoptionen, die Ende der neunziger Jahre auch in Europa im großen Stil eingeführt wurden. Programme, die 2001 und 2002 aufgelegt wurden, führen jetzt erst zu großen Gehaltszuwächsen, sagt Alexander von Preen, Geschäftsführer der Managementberatung Kienbaum.
In jüngster Zeit nehme die Bedeutung der umstrittenen Prämien aus Aktienoptionsprogrammen allerdings ab - aus gutem Grund: Die Optionen wurden auf das Gehalt draufgesattelt. Sie konnten an Wert gewinnen oder sich in Luft auflösen. Waren die Optionen nichts wert, hatten sie aber keine nachhaltigen negativen Auswirkungen auf das Vermögen des Managers. Deshalb hatten Wissenschaftler auch Mühe, positive Anreizwirkungen von Aktienoptionsplänen nachzuweisen.
Hohe Bezahlung - außerordentliches Talent?
Vielleicht erklären sich die stattlichen Gehälter der Wirtschaftselite ja auch weniger durch die Einführung wirkungsvoller Anreizlöhne. Vielleicht handelt es sich ja einfach um Lohnerhöhungen. Überdurchschnittliche Gehaltssteigerungen sind auch auf einem effizienten Managermarkt möglich. Etwa wenn sich das Angebot an geeigneten Führungskräften verknappt. Vorstandschefs bekommen so viel bezahlt, wie sie dem Unternehmen wert sind. Und ihre hohe Bezahlung spiegelt ihr außerordentliches Talent, sagt etwa der Harvard-Ökonom Gregory Mankiw. Aber das Angebot an Talenten ist unelastisch. Das heißt: Nur weil man mehr zahlt, gibt es nicht mehr Jack Welches auf der Welt.
Personalberater jedenfalls erzählen gern vom War of Talents, dem Kampf um die Talente. Der sei härter geworden, weil Führungsaufgaben in Zeiten der Globalisierung komplexer seien als früher. Und weil Unternehmen aus aller Welt um Führungskräfte buhlen.
Vorstandskarussell dreht sich immer schneller
Hinzu kommt: Das Vorstandskarussell dreht sich bei den großen AGs immer schneller, die Verweildauer auf dem Chefsessel sinkt. Das rechtfertige höhere Risikoprämien. Und schließlich sei auch die Verantwortung jedes einzelnen Vorstandsmitglieds gewachsen, weil sich deren Zahl in jüngster Zeit deutlich verringert hat.
Eine Reihe von Wissenschaftlern bezweifelt allerdings, dass der Markt für Managerleistungen perfekt funktioniert. Ihr prominentester Vertreter ist Lucian Bebchuk, der gemeinsam mit Jesse Fried ein Buch zum Thema geschrieben hat (Pay without Performance). Er wirft die Frage auf, ob der außerordentlich hohe Zuwachs der Managereinkommen wirklich auf entsprechende Leistungen zurückzuführen sei oder nicht eher auf die Selbstbedienungsmentalität von Unternehmensführern und ihren Aufsichtsräten.
Beträchtlicher Einfluss auf die eigene Bezahlung
Die Explosion der Managergehälter lasse sich keineswegs allein durch höhere Unternehmensgewinne erklären, an denen die Konzernlenker partizipiert hätten. Im Gegenteil: Die fürstlichen Gehälter flössen nicht selten auch dort, wo die Manager die ihnen anvertrauten Unternehmen schlecht geführt hätten. Bebchuk nennt eine Reihe von Gründen, warum weniger die unsichtbare Hand des Marktes als die Macht des Managers sein Gehalt bestimmt.
Das gehe schon damit los, dass Aufsichtsräte, die Gehälter absegnen, gegenüber dem Vorstandschef oft schwach seien und weniger von den Interessen der Aktionäre geleitet würden als von den eigenen. Studien belegen, dass Irrsinnsgehälter dort seltener sind, wo ein großer Aktionär sein wachsames Auge auf das Treiben im Unternehmen wirft. Fehle diese Kontrolle, glaubt Bebchuk, hätten Manager beträchtlichen Einfluss auf ihre eigene Bezahlung.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.07.2007, Nr. 29 / Seite 44
Bildmaterial: AP, DIETER RÜCHEL, F.A.Z.
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