Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (92)

Warum haben die Preise nichts mit den Kosten zu tun?

Von Thomas Straubhaar

20. März 2008 Im Kommunismus bestimmen die Kosten die Preise. Im Kapitalismus bestimmen die Preise die Kosten. Kürzer und knapper kann man die völlig entgegengesetzten Standpunkte plan- und marktwirtschaftlicher Perspektiven nicht charakterisieren. In funktionierenden Marktwirtschaften bewegen Angebot und Nachfrage die Preise, nicht die Höhe der Kosten. Die Preise spiegeln Knappheiten wider. So kann Wasser vor der Regenzeit rar und damit teuer und nach der Regenzeit reichlich und damit billig sein.

Wo nicht Märkte, sondern Behörden die Wirtschaft lenken, müssen die Preise hingegen durch Beschlüsse festgesetzt werden. Das gilt nicht nur für Planwirtschaften oder Staatsbetriebe. Es gilt auch für die internen Verrechnungspreise innerhalb privater Firmen. In beiden Fällen stehen die Wirtschaftslenker vor der heroischen Aufgabe, den richtigen Preis zu finden, weil es keinen Markt und damit keine Marktpreise als Maßstab gibt. Auch deshalb sind die Privatisierung, der Verkauf von Betriebsteilen oder das Schaffen von eigenständigen Profit-Zentren so wichtig. Durch die Loslösung vom Staat oder vom Mutterunternehmen sollen die Tochtergesellschaften in eine Wettbewerbssituation gebracht werden. Externe Märkte treten an Stelle interner Hierarchien, Preise ersetzen Befehle.

Seniorentarife und einheitliches Briefporto

Oft werden in Staatsbetrieben als Behelfsgrößen für fehlende Wettbewerbspreise so gut wie möglich die Kosten abgeschätzt, die mit einer Leistungserbringung entstehen. Mit komplexen Analysen versuchen Regulierungsbehörden den Preis der letzten Meile in der Festnetztelefonie, die Rundfunkgebühren oder die Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr festzulegen. Bei allem guten Willen bleibt dabei vieles unberücksichtigt, und einiges ist schlicht willkürlich.

Manchmal bestimmen auch ganz andere Gründe die Preisfestsetzung. Dazu gehören sozial- oder regionalpolitische Befindlichkeiten, wie das etwa bei Seniorentarifen für Bus und Bahn oder bei der Forderung eines bundesweit einheitlichen Portos für Briefe der Fall ist. Zahllos sind die Anekdoten über die Preisfestlegungsverfahren der Staatlichen Plankommission (SPK) der DDR. Berichtet wird, wie der Staatsratsvorsitzende Honecker nach stundenlangen Debatten im Politbüro der SED in präsidialer Attitüde im Alleingang den Preis für Schwarzweißfernseher oder für den Trabant festlegte. Hier spielten weder Knappheit noch Kosten eine Rolle, sondern alleine die Stimmungslage des Staatsratsvorsitzenden und sein Gefühl, welche Preise der ostdeutschen Bevölkerung zugemutet werden durften. So fern die Zeiten der DDR heute scheinen, so nah sind ähnliche politische Entscheidungsprozesse bei der Festlegung von Gebühren und Tarifen für öffentlich-rechtliche Leistungen.

Die Peitsche der Wettbewerbspreise

Preise, die an den Kosten orientiert sind, haben einen fundamentalen Mangel. Wer weiß, dass er die Kosten auf die Kunden überwälzen kann, muss sich nicht ständig anstrengen, effizienter zu produzieren. Diese Kostenpreise führen zu fehlendem Kostenbewusstsein, Verschwendung, Missachtung von Kundenwünschen und geringer Innovationsdynamik. Wer als Staatsbetrieb seine Kosten auf die Bevölkerung in Form von Gebühren überwälzen darf, wird wenig tun, um besser oder billiger zu werden. Der Bürger zahlt sowieso immer. Die alte staatliche Bundespost ist ein schlagendes Beispiel dafür.

In funktionierenden Marktwirtschaften werden die Preise durch den Wettbewerb bestimmt und nicht durch eine Behörde amtlich festgelegt. Es ist die Peitsche der Wettbewerbspreise, die Firmen zu Höchstleistungen anspornt. Wer mit seinen Kosten nicht unter dem vom Wettbewerber gesetzten Preis liegt, hat auf dem Markt keine Überlebenschance. Verkauft Discounter A im Ostergeschäft die Schokohasen zum Preis X, setzt er damit für alle Konkurrenten den Maßstab. Ist Discounter B teurer, wird er auf seinen Beständen sitzenbleiben. Ist er billiger, wird er sich über leere Regale, Warteschlangen und hohe Umsätze freuen können.

An der Zapfsäule spielt der Wettbewerb im Stundentakt

Der Preis des Marktes entscheidet, ob Firmen mit geringeren Kosten Gewinne und Betriebe mit höheren Kosten Verluste machen. Das gilt für nahezu alle standardisierten Konsumgüter, also für Nahrungsmittel, Textilien, elektronische Geräte, Möbel oder Urlaubsreisen. Wer noch mehr empirische Beispiele benötigt, schaue sich die Preisbildung an den Zapfsäulen an. Senkt der Konkurrent in der Nähe die Preise, müssen alle anderen nachziehen. Hier spielt der Preiswettbewerb im Stundentakt. Hat eine Tankstelle ein lokales Monopol, weil weit und breit kein Konkurrent zu finden ist, kann sie zu Lasten der Kunden den Benzinpreis ihren Kosten gemäß zuzüglich eines Gewinnzuschlags festsetzen.

Im Konkurrenzkampf auf Wettbewerbsmärkten werden Unternehmen versuchen, ihre Kosten zu senken. Das erlaubt ihnen, bei gleichbleibenden Preisen so lange Gewinne einzustreichen, bis die Konkurrenz nachgezogen hat. Der Preiswettbewerb steigert die Kaufkraft der Verbraucher. Es zeigt sich: Wettbewerbspreise sind zum Wohle der Verbraucher. Kostenpreise sind zum Wohle der Unternehmen.

Die Gewinner dürfen sich ihres Erfolgs nie sicher sein

Der Preiswettbewerb verhindert, dass Firmen über längere Zeit Gewinne zu Lasten ihrer Kunden erzielen. Die wirtschaftspolitische Konsequenz lautet demzufolge: Es muss alles getan werden, dass Märkte offen sind, ein intensiver Wettbewerb zustande kommt und Gewinne rasch erodieren. Die Gewinner dürfen sich ihres Erfolgs nie sicher sein. Die betriebswirtschaftliche Konsequenz weist gerade in die umgekehrte Richtung. Firmen sollten danach streben, dem Preiswettbewerb zu entkommen. Das gelingt dann, wenn die eigenen Leistungen anders oder besser sind als jene der Konkurrenz und die Kunden bereit sind, hierfür höhere Preise zu bezahlen.

Wie das in der Praxis geht, zeigen mit viel Erfolg zahlreiche deutsche Firmen. Sie haben sich in den vergangenen Jahren in weltweit einzigartiger Weise vom Produkthersteller zu sehr erfolgreichen Systemanbietern gewandelt. Die Technologieführerschaft erlaubt es den deutschen Firmen, hohe, an den Kosten orientierte Preise mit satten Margen durchzusetzen. Wer Technologieführer ist, steht nicht so sehr im harten internationalen Preiswettbewerb und ist nicht einseitig kostenabhängig. Er bestimmt selbst die Preise. Deshalb kann er höhere Kosten auf die Kunden überwälzen.

Das gilt zum Beispiel auch für den Hersteller eines Luxuswagens, dessen Design und Ausstattung eine Besonderheit darstellt (siehe Grafik). In diesen Fahrzeugsegmenten sind die Preisunterschiede groß, weil die Hersteller ihre Kosten überwälzen können. Im umkämpften Kleinwagensegment geht das nicht, die Preise liegen daher eng beieinander. Das zeigt, warum Unternehmen nach einer Monopolstellung streben. Nur in dieser Position haben sie die Chance, Kostenpreise durchzusetzen.

Thomas Straubhaar ist Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI).



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 58
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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