Von Thomas Straubhaar
14. Januar 2008 Schneller, höher, weiter. Seit der Vertreibung aus dem Paradies suchen Menschen immer und überall nach klügeren Lösungen, um die Herausforderungen des Alltags besser meistern zu können. Nicht jede neue Idee erweist sich in der Praxis als brauchbar.
Die allermeisten überleben nicht einmal den schnellen Gedankenblitz oder ein erstes Nachdenken. Viele andere bleiben auf dem langen und mühseligen Weg der Konkretisierung, der Verfeinerung und der Umsetzung auf der Strecke. Ganz wenige schaffen es bis in die Werkstätten kreativer Bastler. Selten genug entstehen daraus brauchbare Erfindungen.
Innovationen vergrößern die Handlungsspielräume
Und selbst wenn etwas Neues gefunden wurde, ist die neue Idee noch lange nicht am Ziel. Es braucht den festen Willen, aus einer kreativen Idee Werkzeuge, Geräte, Fahrzeuge, Maschinen oder ertragreichere Agrarprodukte, bessere Schuhe, wärmere Kleider oder energiesparende Materialien zu entwickeln, die Kunden begeistern. Es braucht Investoren und Unternehmer, die mit Geschäftssinn das Risiko eingehen, neue Angebote auf den Markt zu bringen. Erst wenn sich eine Neuerung am Markt gegen bisherige Lösungen durchsetzt und zahlungswillige Käufer findet, kann man von einer wirklichen Innovation reden.
Innovationen haben einen für die Menschheit wunderbaren Vorteil: Sie vergrößern die Handlungsspielräume. Nicht alle Menschen profitieren von ihnen gleichermaßen. Wer etwas Neues und Besseres gefunden hat, kann früher als alle anderen daraus Nutzen ziehen.
Hohe Preise, satte Gewinne
Mit innovativen Problemlösungen lässt sich viel Geld verdienen. Die Hoffnung auf Gewinne hat vielen Erfindungen Pate gestanden. Das war so zu Zeiten der Griechen und Römer, bei den mittelalterlichen Seefahrern oder den Vätern der Industrialisierung. Das ist so in der Gegenwart bei der Suche nach weiteren Energiequellen, noch kleineren Schaltkreisen, schnelleren Kommunikationsformen oder wirksameren Medikamenten.
Knappheit, hohe Zahlungsbereitschaft der Nutznießer und demzufolge hohe Preise und satte Gewinne sind für kreative Tüftler und risikofreudige Geldgeber die klarsten Signale, um in die Suche nach neuen Ideen zu investieren. Ob neuartige Produkte, kluge Dienstleistungen, verbesserte Verfahren oder fortschrittlichere Organisationsabläufe: Bei Erfolg winkt die Chance, so reich zu werden wie Rockefeller oder Bill Gates.
Die positive Kettenreaktion
Von Innovationen profitiert jedoch nicht nur der erfolgreiche Investor. Innovationen lösen eine Kettenreaktion aus, an deren Ende mehr Menschen besser als vorher dastehen. Der gesamtwirtschaftliche Vorteil einer Innovation liegt darin, dass niemand vom Erkenntnisfortschritt ausgeschlossen werden kann. Einmal vorhandenes Wissen kann durch Imitation und Reproduktion relativ billig weitergegeben und vervielfacht werden. Ein aerodynamisches Flugzeug zu konstruieren, eine neue Software zu entwerfen oder einen leistungsfähigen Impfstoff zu finden verschlingt Millionen an Forschungs- und Entwicklungskosten. Die Pläne, das Programm oder das Medikament zu kopieren kostet oft wenig mehr als das Papier, der CD-Rohling oder die Chemikalien.
Vielfältige Geheimhaltungsmanöver oder Patente sollen dem Erfinder und damit auch dem Innovator eine Alleinverwertung sichern. Das kann aber nicht verhindern, dass besseres Wissen zum Beispiel über die Bewältigung existentieller Lebensrisiken, über die Beschaffung von Nahrungsmitteln, über die Behandlung von Krankheiten und über die Behebung von Versorgungslücken früher oder später allen zugutekommt.
Mehr Wohlstand für alle
Der Weg zu mehr Wohlstand für alle führt somit über den Umweg des größeren Reichtums für Einzelne. Deshalb ist es richtig, mit Patenten Innovationen zu schützen, um so die unternehmerische Innovationsbereitschaft zu stimulieren. Allerdings haben Patente einen Januskopf. Sie fördern Innovationen, schaffen aber künstliche Monopole. Werden Innovationen zu stark geschützt, kommt es zu hohen Monopolgewinnen und schwachen Wohlstandseffekten für alle.
Werden Innovationen zu wenig geschützt, gibt es nur schwache Anreize für Investoren, das geschäftliche Risiko auf sich zu nehmen und Neuerungen oder Erfindungen zur Marktreife zu bringen. Als Folge verringert sich das Tempo des technischen Fortschritts. Damit aber wird eine Gesellschaft langsamer auf die Herausforderungen des Alltags reagieren können.
Wer hat wann und wo die zündende Idee?
Wenn mehr Innovation mehr Wohlstand und bessere Lebensbedingungen für alle bedeutet, stellt sich die Frage, wie denn eine Gesellschaft die Innovationsgeschwindigkeit erhöhen könnte. Vieles spricht für eine Politik der staatlichen Zurückhaltung. Weil niemand weiß, wann, wo, wer die zündende Idee hat, lassen sich Innovationen nicht befehlen.
Natürlich kann der Staat im Einzelfall innovativ sein. Eine nüchterne Analyse des real existierenden Sozialismus macht jedoch deutlich, dass die Sowjetunion zwar in der Lage war, als erste Nation einen Sputnik ins All zu schießen. Sie war aber unfähig, mit dem Tempo Schritt zu halten, mit dem in den demokratischen Gesellschaften flächendeckend eine Neuerung zur nächsten Idee in einem anderen Bereich führte. Es sind die Dynamik und die Breite, die eine Innovationslawine auslösen, die zum Motor für mehr Wachstum wird.
Verzicht auf aktive Innovationspolitik ist am besten
Staatlichen Planwirtschaften fehlt schlicht das Informationsnetzwerk, das sich in Marktwirtschaften aus dem freien Zusammenspiel von Menschen ergibt, die ständig Güter, Dienstleistungen und vor allem Ideen austauschen. Diese unglaubliche Informationsfülle zu Innovationen zu verdichten muss jede planwirtschaftliche Behörde überfordern.
Angesichts der Komplexität von Innovationsprozessen ist der Verzicht auf eine aktive Innovationspolitik die beste Innovationspolitik. Damit Neues entstehen kann, muss Altes wegfallen. Wer also Konkurse und Entlassungen nicht verhindert, träges Verhalten nicht belohnt und erfolgreiche Eigeninitiative nicht bestraft, hat die wichtigsten Voraussetzungen für Innovationen bereits erfüllt.
Die Politik muss stattdessen Anreize schaffen, damit es sich für Menschen aus Eigeninteresse lohnt, nach Neuerungen zu suchen. Sie muss Markteintritts- und -austrittsschranken abbauen - auch für (ausländische) Arbeitskräfte. Sie muss für ein soziales Milieu sorgen, in dem sich Erfinder und Gründer wohl fühlen. Eine gute Wirtschaftspolitik stimuliert technologische und organisatorische Fortschritte, beschleunigt das wirtschaftliche Wachstum und schafft so die fundamentale Voraussetzung für den Wohlstand für alle.
Thomas Straubhaar ist Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI).
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.01.2008, Nr. 2 / Seite 48
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
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