Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (55)

Warum mögen wir den Kapitalismus nicht?

Von Gerald Braunberger

05. Juli 2007 Wer die typische Einstellung vieler Deutscher gegenüber dem Kapitalismus beschreiben will, kann noch heute auf Werner Sombarts Monumentalwerk "Der moderne Kapitalismus" zurückgreifen, das vor rund 100 Jahren erschienen ist. Darin brachte der berühmte Sozialwissenschaftler gegenüber seinem Beobachtungsobjekt eine ausgesprochen ambivalente Haltung zum Ausdruck.

Einerseits war Sombart von der Kraft der kapitalistischen Wirtschaftsdynamik schwer beeindruckt, und er wusste wohl, dass allein die industrielle Massenfertigung die Grundlage dafür bot, eine rasch wachsende Zahl von Menschen zu kleiden und zu ernähren. Die Funktion des Kapitalismus als materieller Reichtumsspender zog der Gelehrte nicht in Frage.

Reichtumspender oder kulturelles Unheil

Andererseits aber betrachtete Sombart den Kapitalismus als ein wahres Unheil in kultureller und zivilisatorischer Hinsicht. Nach seiner Ansicht riss der Kapitalismus die Menschen aus vertrauten, stabilen Lebenswelten (er sprach idealisierend von "umfriedeten Hütten") in eine Welt der Unsicherheit. Bitter beklagte er die Ökonomisierung des Lebens und die übermäßige Bedeutung, die das Geld im Leben der Menschen einnahm. Die Wall Street erschien ihm als ein Tempel der Dekadenz. Man mag das für falsch oder für richtig halten, eines bleibt unbestreitbar: Viele moderne Kapitalismuskritiker sind über Sombart nicht hinausgekommen.

Tempel der Dekadenz? Die Wall Street Fabrikarbeiter in Asien Martin Luther Die Deutschen versuchen, den Kapitalismus zu zähmen

Sombarts Antwort auf das Dilemma könnte jeder moderne Christ- und Sozialdemokrat unterschreiben: Aufhalten lässt sich der Kapitalismus nicht, wohl aber kann ein Staat seine Auswirkungen auf die Menschen beeinflussen - durch Finanz- und Sozialpolitik. Diese sehr deutsche Ambivalenz gegenüber dem Kapitalismus findet sich auch im Werk eines der führenden Ordoliberalen, eines Marktwirtschaftlers von Schrot und Korn: Wilhelm Röpke kannte in seinen Schriften außer dem Sozialismus nichts Schrecklicheres als die Großfabrik, die nun geradezu ein Symbol des Kapitalismus darstellt. Sie verwandele die Menschen in eine Masse kulturloser Amöben, die leicht von politischen Demagogen verführt werden können.

Werbeplakate statt Romantik

Dagegen schrieb Röpke verklärt von den überschaubaren und idyllischen Kleinstädten in seiner schweizerischen Wahlheimat, wo kernige Handwerker in Harmonie mit ihrer Umwelt und der Natur lebten und in ihrer Freizeit im Garten Tomaten züchteten. Folgerichtig vertrat der Ökonom eine Politik, die sich gegen die Macht von Großkonzernen wandte und den Mittelstand bewahrte. Er wütete gegen Reklameschilder an Straßen und gegen Skilifte auf den schweizerischen Bergen. An anderer Stelle trauerte Röpke der Zeit Goethes nach - die lag bekanntlich vor der Industrialisierung. Leicht spöttisch ließe sich behaupten, dass die deutsche Neigung zum Romantizismus auch die Besten nicht immer verschont.

Die Frage ist: Wo kommt das alles her? Die Antwort lautet: aus ferner Vergangenheit - jedenfalls, wenn man Röpke als Kronzeugen akzeptiert. Der sah die kritische Haltung der Deutschen gegenüber dem Kapitalismus und ihre Verklärung des Staates als ein verheerendes Resultat des "Luthertums", das über Jahrhunderte gewirkt habe.

Protestantismus als Bremser des Kapitalismus

Und da wir bei der Religion sind, darf natürlich Max Weber ("Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus") nicht fehlen. Er sah im Protestantismus eine Quelle der kapitalistischen Entwicklung, aber eben weniger im Luthertum, sondern vor allem im asketischen Calvinismus. Webers These ist umstritten, aber Tatsache ist, dass die calvinistisch geprägten Amerikaner dem Kapitalismus weit vorurteilsloser gegenüberstehen als die Deutschen und andere Kontinentaleuropäer.

Kapitalismuskritik bedeutet aber nicht zwangsweise Unfähigkeit zum Kapitalismus. So kritisch die Deutschen dem Kapitalismus gegenüber eingestellt sein mögen, so haben sie ihn doch akzeptiert, ihren materiellen Wohlstand auf ihm gegründet und von ihm profitiert. Freilich auf eine deutsche Weise: durch eine starke Einbindung des Staates in das Wirtschaftsleben, und das über die einschneidendsten historischen Brüche hinweg. So hat der Berliner Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl beschrieben, wie eine beachtliche Zahl von Regulierungen, die im Dritten Reich beschlossen wurden, von der jungen Bundesrepublik übernommen wurden. Kein Wunder auch, dass in Deutschland und in Nachbarländern wie Frankreich mehrere Konzeptionen des Kapitalismus erdacht oder ausprobiert wurden, die vom britischen und amerikanischen Modell weit entfernt sind.

Lernen, mit dem Kapitalismus zu leben

Man kann die Neigung der Deutschen, den Kapitalismus mittels Staatseingriffen zu zähmen, als Versuch sehen, ihrer ambivalenten Einstellung gegenüber dem Kapitalismus eine politische Form zu geben. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen indes: Die Deutschen müssen lernen, mit einem Kapitalismus zu leben, in dem der Staat eine kleinere Rolle spielt. Mögen werden sie ihn nicht.

Modelle des Kapitalismus

Der dritte Weg

Das Schlagwort „organisierter Kapitalismus“ geht auf den marxistischen Wirtschaftstheoretiker und SPD-Finanzminister Rudolf Hilferding (1877 bis 1941) zurück. Es ist rund 90 Jahre alt. Hilferding beschrieb damit ein Modell einer vermachteten Wirtschaft, die überwiegend aus Kartellen, starken Gewerkschaften und einem die Wirtschaft dominierenden Staat besteht. Sie sollte als eine der vielen Spielarten eines „dritten Wegs“ eine Synthese aus Markt- und Planwirtschaft darstellen. Der politische Zweck von Hilferdings Konstruktion bestand darin, der damals immer noch dem Marxismus verhafteten SPD ein Programm zu geben, mit dem sie in einer kapitalistischen Gesellschaft erfolgreich auf Wählerfang gehen konnte. Hilferding hat den „organisierten Kapitalismus“ nie präzise ausgearbeitet; ähnliche Gedanken haben später Ökonomen wie Joseph A. Schumpeter, Alfred Eichner und John Kenneth Galbraith erörtert.

Der französische Weg

„Kapitalismus ohne Kapital“ ist ein leicht spöttisch gemeinter Begriff, der in Frankreich Verwendung findet. Er beschreibt eine Wirtschaft, deren führende Firmen sich lange vor allem im Besitz von Familien und Staat befanden, wogegen sich Aktiengesellschaften mit einer breiten Streuung des Kapitals schwertaten. Dieses Phänomen ließ sich nicht nur in Frankreich, sondern auch in anderen romanischen Ländern beobachten. Nach Ansicht des amerikanischen Historikers Francis Fukuyama fehlt es in diesen Gesellschaften an Vertrauen gegenüber fremden Menschen. Das erschwerte sowohl die Herausbildung von Märkten wie die Etablierung großer Aktiengesellschaften, deren Anteilseigner sich meist nicht kennen. Damit konnte der Aufbau bedeutender Firmen meist nur Familien oder dem Staat gelingen. Da aber die finanziellen Möglichkeiten von Familien und Staat begrenzt sind, entstand das Bild eines „Kapitalismus ohne Kapital“.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.07.2007, Nr. 26 / Seite 54
Bildmaterial: picture-alliance/dpa

 
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