Von Thomas Straubhaar
09. Juni 2007 Sind die Folgen der Globalisierung positiv oder negativ? Wer gerade seinen Job verloren hat oder seit Jahren von Sozialhilfe lebt, ist mit seinem Urteil rasch zur Hand: Die Globalisierung sei schuld an dem persönlichen Unglück. Sie vernichte Arbeitsplätze und zerstöre den Wohlfahrtsstaat. Sie mache es möglich, dass Firmen Standorte in Billiglohnländer verlagern und vermögende Steuerzahler ins Ausland flüchten. Sie führe zu einem weltweiten Kampf um Wohlstand, bei dem die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.
Das negative Urteil ist verständlich. Denn aller gesellschaftlicher Solidarität zum Trotz ist der Mensch vor allem ein Egoist. Was kümmert es den Einzelnen, der sich schlecht behandelt fühlt, dass es der Welt insgesamt bessergeht? Ja, vielen bedeutet das Wohlergehen der eigenen Haustiere alles, das Massenelend der Menschen in fernen Welten jedoch nichts. Die Angst, den eigenen Arbeitsplatz an einen Konkurrenten im Ausland zu verlieren, überlagert alle anderen Effekte. Zwischen negativer persönlicher Betroffenheit und positiver gesamtwirtschaftlicher Wirkung der Globalisierung können riesige Lücken klaffen. Das macht es für eine Gesellschaft so schwierig, das tragische Schicksal Einzelner nicht zu verallgemeinern.
Die Globalisierung hat nicht alle Probleme gelöst
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die Globalisierung hat nicht alle Probleme der Welt gelöst. Sie hat im einen oder anderen Fall zu wirtschaftlichem Abstieg, zu mehr Unsicherheit, zu mehr Stress und zu Unzufriedenheit geführt. Sie hat aber in den letzten fünfzig Jahren den Lebensstandard der Massen insgesamt verbessert. Die meisten Menschen leben länger und gesünder als jemals zuvor in der Weltgeschichte. Der großen Mehrheit geht es materiell wesentlich besser als ihren Vorfahren. Das gilt ganz besonders für Deutschland. Trotzdem glauben viele, dass es ihnen schlechtergeht als in früheren Jahren - sie haben zwar nicht in absoluten Größen weniger, aber ihr Abstand zur Spitze ist gewachsen, ihre Besitzstände sind in Gefahr, und sie ziehen den bekannten Status quo der unbekannten Zukunft vor.
Globalisierung ist kein Nullsummenspiel, bei dem der eine nur das gewinnen kann, was der andere verliert. Sie hebt die Boote insgesamt, aber eben nicht alle mit derselben Welle. Deshalb ist die Feststellung richtig, dass sich in den letzten Jahren die Schere zwischen Reich und Arm weiter geöffnet hat. Aber in Asien und Lateinamerika haben gerade die Länder aufgeholt, die sich globalisiert haben. Afrika ist zurückgefallen, denn der Kontinent ist in weiten Teilen von der Globalisierung abgeschnitten.
Was ist Ursache - und was Wirkung?
Innerhalb der Länder sind die Wirkungen ähnlich. Profitiert haben jene Menschen, die sich rasch und erfolgreich angepasst haben. Verloren haben jene, die nicht reagieren wollten oder konnten.
Es besteht kein Zweifel daran, dass auf der Welt zu große Unterschiede im Wachstum bestehen. Es ist unbestritten, dass es noch immer viel zu viel Hunger und Unterdrückung gibt, auch in Deutschland gibt es zu viel Armut und Not. Dafür aber die Globalisierung verantwortlich zu machen heißt jedoch, Ursache und Wirkung durcheinanderzubringen. Die Globalisierung hat Armut und Not nicht verursacht. Sie hilft vielmehr, die ökonomischen Geißeln der Menschheit zu überwinden. Jede Alternative brächte zusätzliche Opfer mit sich, es gäbe weniger Gewinner. Den größten Schaden hätten diejenigen, die heute scheinbar wegen der Globalisierung verlieren.
Das Tempo der Veränderungen beschleunigt
Stellenverluste sind nämlich nicht deren Folge, sondern die eines stetigen Strukturwandels, den keine Macht der Welt aufhalten kann. Auch die Globalisierung verhindert nicht, dass Menschen ihre Jobs verlieren. Sie hilft jedoch nachhaltiger als jede Alternative, neue Jobs zu schaffen. Richtig ist, dass sie das Tempo der Veränderungen beschleunigt hat. Das ist aber nicht neu. Der Strukturwandel war schon immer eine feste Konstante der Menschheitsgeschichte. Mal läuft er schneller, mal langsamer, immer aber vernichtet er alte Arbeitsplätze und schafft neue.
In der Landwirtschaft erzeugt eine kleine Zahl Beschäftigter heute viel mehr Nahrungsmittel als ganze Agrargesellschaften in früheren Zeiten. In der Industrie ersetzen Maschinen die einfache Massenarbeit an den Fließbändern. Dafür finden Millionen von Menschen eine Beschäftigung in der Informations- und Kommunikationsbranche, im Gesundheits- und im Bildungswesen oder bei haushaltsnahen Dienstleistungen.
Zu den Gewinnern gehören die Verbraucher
Von dem höheren Tempo profitieren aber nicht alle Menschen gleichermaßen. Zu den Gewinnern gehören die Verbraucher. Sie freuen sich über billige Importe aus aller Welt: Textilien aus China, Fernsehgeräte aus Korea und Schuhe aus Lateinamerika. Dank des internationalen Handels müssen die Länder nicht alles selbst herstellen. Die globale Arbeitsteilung nutzt die Vorteile der Spezialisierung und der Massenproduktion aus. Die weltweite Konkurrenz sorgt dafür, dass geringere Kosten in Form tieferer Preise an die Kunden weitergegeben werden. Die Folge: Wir müssen immer kürzer arbeiten, um uns Waren, Dienstleistungen, Urlaub und Freizeitangebote leisten zu können. Ist das nicht wunderbar?
Für Arbeiter, vor allem wenn sie weniger gut qualifiziert sind, zeigt die Globalisierung ein dunkleres Gesicht. Asien und Lateinamerika haben in den vergangenen Jahren Milliarden von Arbeitskräften neu ins Spiel gebracht. Die machen den Beschäftigten in Europa das Leben schwer, und zwar in Form von Waren, die sie in Billiglohnländern herstellen und dann im Westen günstig zum Kauf anbieten.
Häuptling-Indianer-Modell
Die Globalisierung macht vielen Deutschen Angst, weil in Asien und Lateinamerika fast immer billiger, gelegentlich besser und immer öfter schon besser und billiger als in Europa produziert wird. Das hat zur Folge, dass in Europa immer mehr Arbeitnehmer unter Wettbewerbsdruck kommen. Das gilt vor allem für jene, die einfache und standardisierte Tätigkeiten ausüben. Es gilt weniger für spezielle Fach- und Führungskräfte.
Was auf dem Arbeitsmarkt zwischen Gewinnern und Verlierern genau passiert, lässt sich mit dem Häuptling-Indianer-Modell veranschaulichen, Volkswirte kennen das als Stolper-Samuelson-Theorem. Fach- und Führungskräfte sind die Häuptlinge, aber auch Firmen und deren Maschinen. Aber die Globalisierung hat viel mehr Indianer mit sich gebracht: wenig qualifizierte Arbeitskräfte für einfache, standardisierte Tätigkeiten.
Indianerarbeit im Überfluss
Indianerarbeit wird nun im Überfluss angeboten und ist dadurch billig geworden. Hingegen fehlt es an Häuptlingen, um die Masse der Indianer zu führen. Als Folge hat sich das Machtgleichgewicht weg von den Indianern hin zu den Häuptlingen verschoben. Die westeuropäischen Arbeitnehmer haben in wenigen Jahren verloren, was sie über viele Jahrzehnte von den Arbeitgebern an Rechten und Zusagen erstritten und erkämpft hatten. Manager, Fach- und Führungskräfte hingegen konnten ihre Ansprüche gewaltig nach oben schrauben und in der Regel auch durchsetzen, zum Beispiel beim Lohn.
Die Globalisierung beschleunigt wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen. Die Anpassungskosten können nicht vermieden, sondern nur verringert werden. Sie sind besonders hoch, wenn die nationale Wirtschaftspolitik zu lange an alten Strukturen festhält und nicht rasch und effizient auf geänderte Rahmenbedingungen reagiert. Dieses Staats- und Politikversagen lässt sich nicht dadurch korrigieren, dass man die Globalisierung zu verhindern sucht. Sich von der Welle mittragen zu lassen verspricht mehr Erfolg, als dagegen anzuschwimmen. Deshalb ist es sinnvoller, an die eigentlichen Wurzeln der Globalisierungskosten zu gehen: an verkrustete nationale Strukturen. Das gilt übrigens gleichermaßen für höher und weniger entwickelte Volkswirtschaften.
Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI)
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.06.2007, Nr. 23 / Seite 58
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, F.A.Z.
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