Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (65)

Warum lohnt sich die Raumfahrt nicht?

Von Gerald Braunberger

10. September 2007 Der Weltraum - unendliche Weiten. Die Erkundung des Weltraums besitzt zweifellos eine emotionale Komponente, auch wenn ihr Ursprung im unerbittlichen Systemwettbewerb zwischen Ost und West zu suchen ist. Und so lassen sich allerlei Gründe dafür finden, Raumfahrt zu betreiben. Aber ein Grund zieht nicht: Raumfahrt ist, insgesamt betrachtet, kein Geschäft - hohen Kosten stehen zu geringe Erlöse entgegen.

Einzelne Zweige der unbemannten Raumfahrt lassen sich zwar kommerziell erfolgreich betreiben, aber besonders die bemannte Raumfahrt ist, rein materiell betrachtet, eine Verschleuderung von Steuergeldern. Denn die bemannte Weltraumfahrt ist ganz überwiegend staatsfinanziert. Alleine das amerikanische Mondprogramm verschlang mindestens 50 Milliarden Dollar (gerechnet in Dollar aus dem Jahre 1970, als die amerikanische Währung noch deutlich mehr wert war als heute). Deutschland stellt viel weniger Geld für die Raumfahrt zur Verfügung, zieht aber auch keinen besonderen Nutzen. In Deutschland gibt es immer noch mehr Museen als unmittelbar in der Raumfahrt beschäftigte Personen.

Erfolgreiches „spin off“ ist übrigens eine Mär: Teflon

Die exorbitanten Kosten der bemannten Raumfahrt erklären auch, warum seit dem Ende des amerikanischen Mondprogramms Mitte der siebziger Jahre kein Mensch mehr die Erdumlaufbahn verlassen hat und die in einem Orbit befindliche Internationale Weltraumstation als aktuelle Krönung der Raumfahrt gilt. Ihre Kosten werden allerdings auf den außerordentlich hohen Betrag von rund 100 Milliarden Dollar geschätzt, dem kein adäquater materieller Nutzen gegenübersteht. Die von den Vereinigten Staaten erwogene bemannte Marsmission, die eine Rückkehr zum Mond beinhalten würde, wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen - wenn sie überhaupt zustande kommt.

Als wirtschaftliche Rechtfertigung der bemannten Raumfahrt werden gelegentlich nützliche Produkte und Verfahren genannt, die als Nebenprodukt der Forschung für das tägliche Leben abfallen. Diese sogenannten „spin offs“ existieren tatsächlich, aber sie können kaum als Rendite der Raumfahrt bezeichnet werden, denn erstens bilden sie nicht den Zweck der Raumfahrt, zweitens ist ihre Zahl begrenzt, und drittens fallen die Erlöse aus ihrem Verkauf meist in die Taschen von Privatunternehmen und nicht in die Kassen des Staates, der die Raumfahrtforschung finanziert.

Das berühmteste der häufig genannten Beispiele für einen erfolgreichen „spin off“ ist übrigens eine Mär: Teflon wurde schon vor Beginn des Raumfahrtzeitalters patentiert und ist keineswegs ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt des amerikanischen Mondprogramms!

Welche Erfindungen hat die Raumfahrt uns nun gebracht?

Der Münchener Professor und ehemalige Astronaut Ulrich Walter nennt eine Reihe von Beispielen: So entstand aus einem medizinischen Experiment, das Ursachen und Verlauf des Augenüberdrucks im Weltraum messen sollte, ein handliches Gerät zur Prüfung des Augendrucks, das heute von jedermann erworben werden kann.

Der Taschenrechner habe seine Wurzeln in der Weltraumforschung, sagt Walter, ebenso die Radialreifen, die Gefriertrocknung von Lebensmitteln, Klettverschlüsse von Schuhen, der Strichcode auf Warenverpackungen, das Prinzip der Brennstoffzelle, der Nierensteinzertrümmerer, spezielle Baby-Anzüge gegen plötzlichen Kindstod und manches mehr.

Satelliten rechnen sich

Während die bemannte Raumfahrt bislang keine Rendite abwirft (und deshalb auch nicht privat betrieben wird), sieht es mit der unbemannten Raumfahrt besser aus. Sicher, die spektakulärsten, alleine der Forschung verschriebenen Projekte wie das Hubble-Weltraumteleskop oder Sonden wie Pioneer, Voyager oder Mariner werfen kein Geld ab. Aber bestimmte Bereiche der unbemannten Raumfahrt werden privatwirtschaftlich betrieben, weil sie angemessene Renditen versprechen.

Dies gilt vor allem für den Bau, Transport und Betrieb von Satelliten, zur Beispiel für die Telekommunikation oder die Übertragung von Medieninhalten. Es gibt in der Welt etwa eine Handvoll bedeutender Hersteller von Satelliten, darunter die Europäer Alcatel und EADS-Astrium. Vor allem in Amerika leben allerdings einige auch vom Bau militärischer Satelliten.

Keine wirtschaftlichen Selbstläufer

Für den Transport der Satelliten in die Erdumlaufbahn bieten mehrere Hersteller Trägerraketen an. Zu ihnen zählt das europäische Unternehmen Arianespace, das Raketen des Typs Ariane vom Weltraumbahnhof in Kourou (Französisch-Guayana) ins All schießt. Daneben sind spezialisierte Unternehmen entstanden, die Satelliten betreiben. In Europa sind hier die Firmen Eutelsat und Astra zu nennen.

Allerdings sind auch diese Satellitenprojekte keine wirtschaftlichen Selbstläufer. Dies zeigt das europäische Satellitennavigationssystem Galileo, das einmal aus 30 Satelliten bestehen und nach Berechnungen der Europäischen Kommission auf lange Sicht wirtschaftlich vorteilhaft sein soll. Doch die Unternehmen, die bisher an der Entwicklung beteiligt waren, haben Zweifel an dem Geschäftsmodell bekommen und sich deshalb zurückgezogen. Nun müssen die Staaten (und damit die Steuerzahler) die Finanzierung sichern. Es bleibt dabei: Geld kann man besser anlegen als im Weltraum.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.09.2007, Nr. 36 / Seite 56
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL

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