Von Ulrich van Suntum
23. Mai 2008 In dem berühmten Roman Utopia von Thomas Morus gibt es weder Geld noch Privateigentum. Alle Einwohner wohnen in baugleichen Häusern, die sie sogar regelmäßig tauschen, damit gar nicht erst Besitzansprüche aufkommen. Gold ist zwar vorhanden, aber so wertlos, dass es nur für die Ketten der Gefangenen und für das Nachtgeschirr verwendet wird.
Auch in dieser idealtypischen sozialistischen Gesellschaft mussten die Menschen allerdings arbeiten. Irgendwo mussten ja schließlich die Güter des täglichen Lebens herkommen. Besondere Belohnungen waren für die Arbeit gleichwohl nicht vorgesehen. Wer seinen Beitrag dazu nicht leistete, musste vielmehr mit harten Sanktionen bis hin zu Gefängnisstrafen rechnen. Im Übrigen sah Thomas Morus ganz unromantisch vor, dass Kriegsgefangene in Utopia als Sklaven gehalten und für die unangenehmsten Arbeiten eingesetzt werden sollten.
Ganz ohne materielle Anreize ging es doch nicht
Noch utopischer waren die Vorstellungen des französischen Gesellschaftstheoretikers Charles Fourier. Demnach sollten sich die Menschen in Produktionsgemeinschaften von je 1800 Personen zusammentun, in denen jeder entsprechend seiner speziellen Fähigkeiten und Interessen freiwillig arbeitet. Insgesamt glaubte Fourier 810 Grundcharaktere unterscheiden zu können, so dass auf diese Weise für alle notwendigen Tätigkeiten gesorgt sei. Die Kinder könnten beispielsweise die Müllabfuhr übernehmen, da sie ja ohnehin gerne im Schmutz spielten.
Während solche Gesellschaftsentwürfe nur Phantasiegebilde blieben, haben andere Sozialreformer ähnliche Ideen auch in die Praxis umzusetzen versucht. Einer der berühmtesten von ihnen war Robert Owen, ein englischer Fabrikant, der auch als Begründer des Genossenschaftswesens gilt. Er führte in seiner Baumwollfabrik im schottischen New Lanark freiwillig höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten ein. Neben weiteren Sozialleistungen verschaffte er den Kindern regelmäßigen Schulunterricht auf Firmenkosten. Und er war mit diesen Maßnahmen zum größten Erstaunen seiner Konkurrenten sogar wirtschaftlich erfolgreich. Als er jedoch sein Projekt nach Amerika exportierte und es dort ins Extreme trieb, musste er schließlich einsehen, dass es ganz ohne materielle Anreize eben doch nicht ging. Denn er schaffte es nicht, dort andere Menschen zu formen. Stattdessen faulenzten und schmarotzten die Menschen so, dass sie ihn schließlich zum Abbruch des Experiments trieben.
Entweder Müßiggang oder Knute
Damit bestätigte sich die Einschätzung des deutschen Ökonomen Johann Heinrich von Thünen, wonach in einem sozialistischen Wirtschaftssystem entweder Müßiggang oder Knute herrschen müsse. Der Gutsbesitzer Thünen war zwar selbst ein Sozialreformer, der für seine Arbeiter sogar ein betriebliches Alterssicherungssystem einführte. Aber im Gegensatz zu den utopischen Sozialisten blieb er dabei auf dem Boden der Tatsachen und gab sich keinen Illusionen hin. Ebenso wie Adam Smith ging er davon aus, dass der Mensch zwar keineswegs ein purer Egoist sei, sondern durchaus altruistische und idealistische Motive kenne. Aber um sich dauerhaft für eine Sache anzustrengen, brauche er eben doch eine Belohnung.
Diese Belohnung muss nicht unbedingt rein materieller Natur sein. Ein Mönch arbeitet hauptsächlich für Gottes Lohn, ein Umweltaktivist für die Erfüllung seiner Ideale. Ein lokaler Parteipolitiker vielleicht für Anerkennung und Einfluss. Auch der Lohn eines Professors besteht nach Adam Smith zum großen Teil in der öffentlichen Anerkennung, die er genießt. Aber auch wenn die Besoldungsordnungen für Professoren das bis heute zu bestätigen scheinen: Ganz ohne den schnöden Mammon erlahmt meistens auch die intrinsische Motivation. Schließlich erhält selbst der Mönch lebenslangen Unterhalt. Auch in Hilfsorganisationen, Sportvereinen und Parteien werden mehr oder weniger hohe Geldzahlungen fällig, spätestens dann, wenn das Engagement über eine reine Feierabendbeschäftigung hinausgeht.
Die relativen Einkommensunterschiede sind wichtig
Erst recht gilt das für die normale Arbeitswelt, in der niemand ohne entsprechende Bezahlung auch nur einen Finger krumm macht. Das war im Übrigen im Sozialismus kaum anders als in marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnungen. Wer in der DDR besondere Leistungen erbrachte, sei es als Sportler, Wissenschaftler oder Künstler, wurde auch materiell privilegiert.
Die neuere ökonomische Forschung hat herausgefunden, dass die relativen Einkommensunterschiede kaum weniger wichtig sind als der absolute Lebensstandard. Vor die Wahl gestellt, entweder als Einziger 500 Euro zusätzlich zu bekommen oder aber 1000 Euro, während alle anderen das Doppelte erhalten, entscheiden sich die meisten Menschen für die erste Alternative.
Es geht vielen also weniger darum, ob sie einen Porsche oder einen Wartburg fahren - Hauptsache, man ist besser motorisiert als seine Nachbarn.
Soziale Triebfeder oder zerstörerische Kraft?
Für die Wirtschaftspolitik ist diese Erkenntnis eine echte Herausforderung. Bedeutet sie doch, dass man den Lebensstandard aller Menschen in Deutschland verdoppeln könnte, und trotzdem wären viele kaum zufriedener als zuvor. Umgekehrt würde uns offenbar auch das sozialistische Ideal eines vollkommen gleichen Einkommens für alle nicht wirklich glücklich machen.
Einkommensunterschiede sind eben mehr als nur eine wichtige Triebfeder, sich anzustrengen. Wir leiten aus ihnen zu einem guten Teil unseren Stellenwert in der Gesellschaft und damit auch unser Selbstwertgefühl ab.
Wenn die sozialen Unterschiede allerdings zu groß werden, wird der Neid von einer sozialen Triebfeder zur zerstörerischen Kraft. Darum liegt es durchaus im Interesse der Erfolgreichen in einer Gesellschaft, auch den weniger Erfolgreichen soziale Absicherung und Aufstiegsperspektiven zu geben. Umgekehrt würde eine zu weit gehende Nivellierung wiederum die Leistungsträger demotivieren. Hier das richtige Maß zu finden ist die ewige Auseinandersetzung im Wettbewerb der Staaten und Gesellschaftssysteme.
Ulrich van Suntum ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Münster
Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.
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