Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (74)

Warum ist Gold so teuer?

Von Winand von Petersdorff

16. November 2007 „Wir erreichten San Francisco am 20. Juni 1848 und stellten fest, dass alle oder fast alle Männer zu den Goldminen gezogen waren. Die Stadt, in der wenige Monate zuvor noch Geschäftigkeit und Emsigkeit blühten, war ausgestorben“, berichtet der Gesandte aus Washington, Colonel Richard Barnes Mason, seinen Vorgesetzten.

John (Johann) Sutter, ein Schweizer Siedler, hatte sich 80 Kilometer nördlich von San Francisco niedergelassen, sich 300 Quadratkilometer Land angeeignet und es Neu-Helvetien genannt. Alles lief bestens, bis sein Vorarbeiter, der Zimmermann John Marshall, bei Bauarbeiten für eine Sägemühle ein Goldklümpchen fand.

Selbst Rohstoffanalysten sprechen von Mystik

Die Nachricht verbreitete sich in der Geschwindigkeit eines Lauffeuers. Spätestens als Journalisten die Nachricht in die Welt posaunten, gab es kein Halten mehr. Schiffe strandeten in Häfen, weil die Mannschaften lieber Gold suchten. Soldaten desertierten, Handwerker ließen ihre Werkstätten im Stich und Arbeiter ihre Fabriken. Sutter wurde regelrecht überrannt - und bald suchten die Menschen in ganz Kalifornien nach Gold. Zwischen 1848 und 1852 wuchs San Francisco von 14.000 auf 230.000 Einwohner.

Alle waren auf das schnelle Glück aus und bestätigten einen fundamentalen Verdacht: Es steckt etwas im Gold, dass die Menschen zum Irrsinn treibt. Das Edelmetall weckt eine Begehrlichkeit, die schwer mit seiner Nützlichkeit zu erklären ist. Selbst handfeste Rohstoffanalysten sprechen plötzlich esoterisch von Mystik, Zauber und Tradition, wenn es um das Metall geht.

Die Hoffnung auf Reichtum ohne Mühsal

In Gold materialisiert sich die Hoffnung auf Reichtum ohne Mühsal - das zumindest galt für Goldgräber. Meistens trog die Hoffnung: Die wenigsten wurden reich. Wenn sie Gold fanden, wurden sie es schnell wieder los. Denn in den Goldgräberstädten erhöhten sich die Preise für die Güter des täglichen Bedarfs dramatisch. Die Möglichkeit des Reichtums wurde sozusagen für bare Münze genommen. Der Tischler baute nur dann einen Tisch, wenn er so viel Geld dafür bekam, dass es sich für ihn nicht lohnte, selbst Gold zu schürfen, der Hühnerhalter verlangte für ein Ei die unvorstellbare Summe von einem Dollar.

Eine wenig befriedigende Erklärung für die Sehnsucht nach dem Metall lautet: Gold ist so begehrt, weil es so begehrt ist. Im Wilden Westen, wo sich offizielle Münzen noch nicht durchgesetzt hatten, wurde es als Zahlungsmittel akzeptiert, obwohl die Münzen oft aus unregulierten privaten Münzereien stammten. Das Edelmetall stiftete ein fast grenzenloses Glauben in seine Werthaltigkeit und damit das Vertrauen, ohne das Geschäfte gar nicht möglich sind.

Währungen direkt an Gold gekoppelt

Etwa von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg koppelten die Vereinigten Staaten und einige andere Länder ihre Währung direkt an Gold. Ein Gramm entsprach einer festen Summe in der Währung des Landes. Damit war der Goldpreis mehr oder weniger fixiert. Inflation und zwei Weltkriege brachten das System durcheinander. Die Länder finanzierten ihre Militärausgaben mit frisch gedrucktem Geld, das nicht mehr mit Gold gedeckt war. Gleichzeitig wurde Gold zur beliebten Währung in Kriegsgebieten - der Preis schwankte wild. Dann herrschte wieder Langeweile. Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich im Abkommen von Bretton Woods, für 35 Dollar eine Feinunze aus ihren Goldreserven herauszugeben. Die 43 anderen Unterzeichnerländer setzten ihre eigene Währung in ein festes Umtauschverhältnis zum Dollar. Damit gab es in den wichtigsten Ländern der Welt einen festen Preis für Gold.

Das System brach zusammen, als Frankreich 1969 gegenüber der amerikanischen Zentralbank darauf bestand, seine Dollarreserven in Gold zu tauschen. 1971 erklärte der amerikanische Präsident Richard Nixon das Ende der Einlösungspflicht.

Angebot und Nachfrage

Schon im Januar 1980 wurde das Allzeithoch von 840 Dollar erklommen. Danach fiel der Preis allerdings ähnlich entschlossen bis auf unter 300 Dollar herab. Aller Irrsinn um das Gold suspendiert nicht die klassischen Gesetze für Preisbildung, die sich nach Angebot und Nachfrage richtet.

Heute steigt die Nachfrage. Das tut sie immer dann, wenn Krisen nahen und wenn Inflation droht. Das behaupten zumindest die professionellen Beobachter. Gold gilt als Fluchtwährung und sicherer Hafen, referiert Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank.

Gold im Mund

Das Nachfrageplus könnte aber auch profanere Ursachen haben. Immer mehr Inder kommen zu Geld. Und Inder lieben Goldschmuck. Im ersten Halbjahr kaufte die globale Schmuckindustrie rund 20 Prozent mehr Gold als im Vorjahr. Die Hälfte der Weltproduktion ging nach Indien. Auch Chinas Nachfrage nach Gold stieg um ein Drittel. Das Land feiert das Jahr des goldenen Schweines. Die Bürger schenkten sich zum Jahresauftakt kleine Edelmetall-Borstenviecher als Amulett.

Noch kräftiger (plus 47 Prozent im ersten Halbjahr 2007) gewachsen, allerdings auf deutlich niedrigerem Niveau, sind die Bestellungen der Dentallabore und Zahnärzte. Diese Entwicklung reflektiert wachsenden Wohlstand, mehr Menschen leisten sich Goldzähne.

In der Summe sinkt das Angebot

In Zahlen lässt sich die Nachfrage nach Gold ungefähr so aufteilen: 75 Prozent gehen in die Schmuckindustrie, 13 Prozent an Dentallabore und Industriebetriebe. Aus dem Rest werden Barren und Münzen, oder es geht an Goldfonds.

Das Angebot stammt nur zu 60 Prozent aus der Förderung. 25 Prozent steuert eingeschmolzenes recyceltes Gold bei. Und ein kleiner Teil des global angebotenen Goldes stammt aus offiziellen Verkäufen etwa von Zentralbanken. In der Summe sinkt das Angebot zurzeit. Das hat mehrere Gründe.

So muss der weltgrößte Förderer Südafrika immer tiefer gehen in seinen Minen, inzwischen 3800 Meter an den tiefsten Stellen. Das verteuert die Produktion auf bis zu 600 Dollar je Unze, berichtet Weinberg.

Zentralbanken trennen sich zögerlich von Reserven

Dazu kommt, dass immer mehr Minengesellschaften in das Visier von Umweltschutzgruppen geraten, die die belastende Förderung anprangern: Für eine Unze Gold müssen 30 Tonnen Fels bewegt werden und mit dem hochgiftigen Cyanid besprenkelt werden, um das Gold vom Stein abzusondern. BHP Billiton, der größte Rohstoffproduzent der Welt, verkaufte eine profitable Mine auf Papua-Neuguinea, nachdem im Zuge der Förderung ein Fluss vergiftet und 1000 Hektar Regenwald vernichtet worden waren. Die Weltbank stoppte 2001 für zwei Jahre die Förderung von Goldminenprojekten in Entwicklungsländern.

Knapp ist das Angebot auch, weil die Zentralbanken sich nur zögerlich von ihren Goldreserven trennen. 1999 hatten sie verabredet, den Markt jährlich mit 500 Tonnen zu bestücken. „Diese Mengen haben wir nie auf dem Markt gesehen“, sagt Weinberg. Es waren immer deutlich weniger. Goldverkäufe sind umstritten, wie Politiker in der Schweiz und in Deutschland erfahren mussten. Aber auch eine andere Deutung hält sich hartnäckig. Demnach haben sich die Zentralbanken immer ein bisschen wichtig gemacht: Ihre Goldreserven sind in Wahrheit kleiner als vermutet.

Die Hoffnung fahren lassen müssen die potentiellen Kunden nicht. Es schlummert viel totes Kapital in den Schmuckschatullen der Welt. Das muss nur eingeschmolzen werden. Das ist eines der Phänomene dieses Werk- und Wertstoffes: Fast jedes Gramm Gold, das je gefördert wurde, ist immer noch da, sagt Weinberg. Gold kann fast beliebig oft recycelt werden.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.11.2007, Nr. 45 / Seite 60
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS

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