Von Patrick Bernau
31. Oktober 2007 Die Sprüche der Oma schienen ein Naturgesetz zu sein: Konkurrenz belebt das Geschäft und Je mehr Konkurrenz, desto billiger. Doch im Internet läuft das nur selten so. Ebay, Google und Co. - es gibt viele Firmen, die mehr Zulauf haben als all ihre Konkurrenten zusammen. Den Preisen scheint das nicht zu schaden. Im Gegenteil: Viele dieser Unternehmen bieten ihre Dienste kostenlos an. Irgendwas läuft da anders als in anderen Branchen.
Normal ist: Wo es ein Monopol gibt, sind die Produkte teurer und schlechter. Zum Beispiel beim Bäcker und den Brezeln: Wenn in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein nur ein Bäcker weiß, wie man Brezeln backt, dann kann er seine Brezeln teuer verkaufen - teurer jedenfalls als der Bäcker in Schwaben, wo der Konkurrent nebenan möglicherweise billigere Brezeln anbietet und so die Kunden zu sich zieht. Der Monopolist in Schleswig-Holstein kann seine Preise so hoch halten, wie er will. Beschränkt wird er nur dadurch, dass sich die Kunden irgendwann keine Brezeln mehr leisten können oder wollen.
Wenn Konkurrenz das Produkt verteuert
Anders ist das aber schon beim Leitungswasser. Dort belebt Konkurrenz zwar auch das Geschäft, verteuert aber gleichzeitig das Produkt. Denn Wasserleitungen müssen verlegt, kontrolliert und repariert werden. Das kostet viel Geld. Das Wasser, das durch die Leitungen fließt, ist dagegen ziemlich billig. Die hohen Kosten für die Leitungen sind kein Problem, solange eine Firma alle Haushalte einer Stadt mit Wasser versorgt. Dann kann sie die Kosten auf alle Haushalte verteilen.
Wenn jetzt aber eine zweite Firma kommt, muss sie ebenfalls ein Netz an Wasserleitungen durch die Stadt ziehen. Sogar dann, wenn die zweite Firma fast die Hälfte der Kunden gewinnt, zahlt jeder für das Netz immer noch mehr als beim alten Anbieter. Darum bringt das zweite Wassernetz überhaupt nichts. Ökonomen sprechen in solchen Fällen von einem natürlichen Monopol. Das gibt es zum Beispiel auch im Schienen- und im Stromnetz.
Natürliche Monopole im Internet
Solche natürlichen Monopole entwickeln sich auch im Internet. Die Internet-Suchmaschine Google ist ein gutes Beispiel: Sie treibt erst mal einen großen Aufwand, um herauszufinden, welche Internet-Seiten besonders gut sind. Wenn sie das gemacht hat, ist es ein Klacks, die einzelne Suchanfrage von den Computern beantworten zu lassen. Die Kosten dafür lassen sich locker durch die Werbeeinnahmen finanzieren. Und je mehr Suchanfragen kommen, desto eher kann Google die Kosten für den Anfangsaufwand wieder einspielen. Inzwischen macht Google mit diesem Geschäft sogar Milliardengewinne.
Nun ist es einem Nutzer von Google im Prinzip egal, wie oft andere mit Google suchen und ob sie das überhaupt tun, solange nur seine Suchergebnisse gut und gratis sind. Es gibt aber auch andere Angebote, bei denen der Nutzen ganz entscheidend davon abhängt, wie viele andere auch mitmachen. Das gilt etwa für die SMS. Die kann noch so schnell und zuverlässig verschickt sein - das hilft gar nichts, wenn die Freunde kein Handy haben und deshalb keine SMS empfangen können.
Profitieren von Netzwerken
Das Handy ist den Kunden also relativ wenig wert, wenn es wenig andere Handybesitzer gibt - und relativ viel, wenn es viele Handybesitzer gibt. Das Mobiltelefon wird mit jedem zusätzlichen Nutzer wertvoller. Auch dafür haben die Gelehrten ein schönes Wort gefunden: Sie nennen dieses Phänomen Netzwerk-Effekt.
Klar, dass es in solchen Fällen eine Tendenz zum Monopol gibt. Das Handy hat so ein Monopol. Es hat sämtliche anderen Arten mobiler Kommunikation verdrängt, zum Beispiel die Telefonzellen und die kleinen Pieper, die in den 90er Jahren bei Jugendlichen beliebt waren. Und dem Festnetztelefon geht es auch nicht gut.
Es gibt zwar Konkurrenz unter den Handyherstellern und den Netzbetreibern. Aber das funktioniert nur, weil sich alle auf einen Mechanismus geeinigt haben, der Handys unterschiedlicher Hersteller und Netzbetreiber miteinander in Verbindung bringt. Norm oder Standard heißen solche Vereinbarungen normalerweise. Sie entscheiden über Marktchancen, darum sind sie hart umkämpft.
Je mehr dabei sind desto besser
Im Internet gibt es solche Normen nicht immer. Zum Beispiel gibt es keine Norm, die verschiedene Auktionsplattformen miteinander verbindet. Darum hat sich hier ein Anbieter klar durchgesetzt, nämlich Ebay. Das Prinzip ist auch hier klar: Je mehr Verkäufer ihre Waren auf dieser Seite anbieten, desto mehr Käufer kommen. Und je mehr Käufer es gibt, desto interessanter wird Ebay wiederum für die Verkäufer.
Ähnlich ist es bei den neuen Mitmach-Netzwerken wie Xing, StudiVZ und Co.: Je mehr von den Freunden dabei sind, umso besser. Zwar sind Hunderte solcher Netzwerke gegründet worden, trotzdem wird sich vermutlich nur eines durchsetzen - es sei denn, der Inhalt der Netzwerke unterscheidet sich so deutlich wie zum Beispiel zwischen Xing (Geschäftskontakte) und dem StudiVZ (Spaß mit Kommilitonen).
Ums Internet kümmert sich keiner
Nun besteht in sämtlichen Branchen mit natürlichen Monopolen und Netzwerk-Effekten die alte Gefahr aus dem Monopol: dass die Firmen ihre Preise erhöhen, sobald sie einmal das Monopol haben. Deshalb haben die Staaten solche Monopole früher in ihrer Hand gehalten. Heute werden zwar einige privatisiert, zum Beispiel das Stromnetz, sie bleiben aber trotzdem scharf reguliert.
Ums Internet aber kümmert sich keiner. Die Monopole sind weder verstaatlicht noch reguliert, und trotzdem gibt es so gut wie keine Klagen über zu hohe Preise. Das liegt daran, dass die Monopole im Internet besonders vergänglich sind. Erstens kann jederzeit eine neue, bessere Technologie auf den Markt kommen. Und zweitens ist Konkurrenz nicht allzu schwer zu entwickeln - zu Ebay zum Beispiel. Das Auktionssystem nachzuprogrammieren ist nicht sonderlich schwierig. Es ist jedenfalls deutlich einfacher als der Aufbau eines neuen Netzes an Wasserleitungen. Wenn Ebay seinen Nutzern zu teuer wird, können die Kunden schnell auf andere Marktplätze abwandern. Möglicherweise geht ein Gründer das Wagnis ein und programmiert einen neuen. Es ist also im Internet oft gar nicht so wichtig, ob es auf einem Markt einen Monopolisten gibt. Entscheidend ist, dass neue Konkurrenz jederzeit möglich ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.10.2007, Nr. 43 / Seite 62
Bildmaterial: Dieter Rüchel - F.A.Z.
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