Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (54)

Warum lohnt es sich, fair zu sein?

Von Winand von Petersdorff

28. Juni 2007 Der Akteur des Wirtschaftslebens ist ein materialistischer Eigennutzmaximierer. Oder anders ausgedrückt: eine Ratte. Das war die stillschweigende Übereinkunft der Ökonomen. Die Wahrheit ist komplizierter. So verhalten sich Menschen, selbst wenn sie ganz oben in der Hierarchie stehen, fair. Eine Schweizer Untersuchung aus den frühen neunziger Jahren zeigte, dass viele Arbeitgeber höhere Löhne zahlten als aufgrund der Angebotslage auf dem Arbeitsmarkt nötig. Die Arbeitgeber begründeten ihre Politik damit, dass niedrigere Löhne ungerecht seien und die Arbeitsmoral zerstören könnten.

Über Fairness lernt man eine Menge auf Fußballplätzen: In den untersten Fußballklassen übernimmt gelegentlich der Trainer der Auswärtsmannschaft die Rolle des Schiedsrichters. Er hätte alle Möglichkeiten, das Ergebnis im Sinne seiner Mannschaft zu beeinflussen. Er könnte gegnerische Spieler für harmlose Fouls vom Platz stellen, ungerechtfertigte Elfmeter geben und reguläre Tore aberkennen. Als rationaler Eigennutzmaximierer, der mit dem Ziel angetreten ist, mit seinem Team den Platz als Sieger zu verlassen, müsste er manipulieren. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Trainer-Schiedsrichter in der Regel fair pfeifen.

Nutzen der Fairness

Welcher Nutzen könnte dabei für sie herausspringen? Fußballclubs sind in gewissen Situationen auf die Kooperation mit anderen Fußballclubs angewiesen. So hätte der Trainer, der eine gegnerische Mannschaft zur Niederlage pfeift, Schwierigkeiten, andere Mannschaften zu Freundschaftsspielen zu bewegen. Das lässt sich aufs Wirtschaftsleben übertragen. Es gibt einen Anreiz, sich fair gegenüber Geschäftspartnern zu verhalten, auf deren Kooperation man später angewiesen sein könnte. Abgesehen davon müsste der Trainer erst einmal kurz nach dem Spiel die Anfeindungen aufgebrachter Soccer-Mums und Anhänger überstehen. Schließlich geht es dem Trainer vermutlich nicht nur um den Sieg, sondern auch um den Ruf als Sportsmann. Fairness kann als eine Investition in Reputation gesehen werden. Allerdings ist diese Fairness einem Nutzenkalkül entsprungen und wirkt deshalb wie eine verfeinerte Form des Egoismus.

Interessanter ist die Frage, ob Menschen auch dann noch fair handeln, wenn damit gar kein unmittelbarer Nutzen verbunden ist. Erkenntnisse liefert dazu das sogenannte Ultimatum-Spiel: Spieler A bekommt 100 Euro. Von dem Geld muss er Spieler B etwas abgeben. Wenn B zufrieden ist mit seinem Anteil, dürfen beide das Geld behalten. Andernfalls geht die Summe komplett verloren. Rational wäre es, wenn A dem Kollegen B einen Euro abträte und selbst 99 behielte. Zahlreiche Studien belegen aber, dass A fairer teilt, oft gibt er 50 Prozent ab. Auch für diese Fairness gibt es einen Grund. Wenn B sich abgespeist vorkommt, zerstört er zornig den gesamten Deal. Beide bekämen nichts. Das wäre zwar irrational von B, weil ein Euro besser als nichts ist, aber gleichwohl wahrscheinlich.

Unfair erst nach Enttäuschungen

Eine Rolle spielen Gerechtigkeitsvorstellungen. Die Menschen wollen eine faire Verteilung und gehen erst dann davon ab, wenn sie häufig enttäuscht wurden, sprich mit Minisummen abgespeist wurden. Sie handeln fair in der Erwartung, fair behandelt zu werden (siehe Sonderfall Betteln). A rechnet mit Bs Veto und bietet deshalb mehr als einen Euro an. Bei 30 bis 40 Euro Abfindung würde sich B ein Veto vermutlich überlegen, wie Ergebnisse zeigen. Trotzdem tritt in vielen dieser Ultimatum-Spiele Spieler A die Hälfte des Geldes ab.

Besonders klar wird die As Neigung zur Fairness aber bei einer Variante des Ultimatum-Spiels, bei der B nicht die Macht bekommt, den Deal zu zerstören. Selbst in diesen Fällen geben einige Spieler 50 Prozent und die meisten deutlich mehr als einen Euro. Wie kalkuliert A in diesem Fall? Auf den ersten Blick müsste er nicht teilen und tut es trotzdem. Eine mögliche Erklärung: A investiert in seine Reputation. Vieles deutet darauf hin, dass Menschen neben materiellem Erfolg auch andere Ziele anstreben, etwa ein akzeptiertes Mitglied einer Gemeinschaft zu sein. Fairness lohnt sich für Egoisten, denen daran gelegen ist, anständig dazustehen.

Dazu kommt noch ein Phänomen: In sozialen Gruppen agieren regelmäßig einige Leute als Tugendwächter. Sie lesen Egoisten die Leviten, wenn diese Fairness-Normen verletzen. Damit man von solchen Leuten nicht aufs Korn genommen wird, macht sich Fairness bezahlt. Möglich wäre aber auch eine andere Erklärung: dass man sich mit fairem Verhalten gegen schlechte Zeiten absichert, in denen man Freunde braucht. Fairness wird somit zu einem Instrument der Risikominimierung.

Fairness als soziales Investment

Solche sozialen Investments sind aus ethnologischen Studien bekannt. Darin wurde gezeigt, dass arme Menschen, die kaum Geld zum Überleben haben, einen überproportionalen Anteil ihrer Minieinkünfte in Familien- und Nachbarschaftsfeste investieren und dafür sogar Schulden in Kauf nehmen. Eine Erklärung: Die Armen eröffnen damit bei den Eingeladenen ein persönliches Guthaben, das sie wieder abrufen können, wenn es hart auf hart kommt.

Bemerkenswert ist, dass bei der Fairness Unterschiede gemacht werden. Personen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören, können Opfer von Unfairness werden, ohne dass die Tugendwächter einschreiten. Der Teppichhändler zieht eher Touristen, die Prototypen des Außenseiters, über den Tisch als eigenen Nachbarn. Das 5. Buch Mose adelt diese Diskriminierung: „Du sollst deinem Bruder keinen Zins auferlegen, Zins für Geld, Zins für Speise, Zins für irgendeine Sache, die man gegen Zins ausleiht. Dem Fremden magst du Zins auferlegen, aber deinem Bruder darfst du nicht Zins auferlegen“, heißt es dort.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.06.2007, Nr. 25 / Seite 56
Bildmaterial: dpa, F.A.Z., picture-alliance/dpa

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