Von Winand von Petersdorff
21. Mai 2007 Reich sind Länder, deren Bürger fleißig Geschäfte machen. Sie verkaufen mit Gewinn etwas, das jemand anderes haben möchte. Wenn alle Gewinn machen, dann wird das Land reicher. In armen Ländern haben es die Bürger schwer, Gewinn mit ihren Geschäften zu erzielen. Deshalb verlieren sie die Lust daran.
Nehmen wir den zentralafrikanischen Bauern, der Getreide anbauen und verkaufen will. In reichen Ländern würde sich der Farmer einen Mähdrescher zulegen, um das Getreide schnell ernten zu können. Das Geld für die Erntemaschine käme von der Bank. Der Bauer des Nordens würde seine Äcker beleihen und aus den Erträgen des Feldes Zinsen und Tilgung für den Kredit leisten.
Die Eigentumsrechte sind nicht klar definiert
In armen Ländern fangen an diesem Punkt die Probleme an. Einen Kredit bekäme der Bauer des Südens in der Regel nicht, weil ihm die Eigentums- oder Verfügungsrechte für das Land fehlen. Viele Bauern wirtschaften auf Gemeindeland, schriftliche Pachtverträge sind die Ausnahme. Das Recht an einer Immobilie ist aber wichtig, um Geld von der Bank zu leihen.
Der Ökonom Hernan de Soto hat herausgefunden, dass genau daran die armen Länder kranken. Um das Recht an einer Immobilie zu erlangen, waren in Peru 207 Verwaltungsvorgänge bei 52 Behörden erforderlich, ermittelt de Soto. Die juristisch wasserdichte Registrierung eines Grundstücks dauert in Ägypten zwischen fünf und 15 Jahren.
Der Bankensektor bleibt unterentwickelt
Der Bauer kann den Banken deshalb keine Sicherheit geben außer dem Versprechen, dass er fleißig wirtschaften wird. Das reicht den Banken nicht, und die sind mangels guter Kunden ohnehin rar. Weil das Kreditgeschäft nicht zustande kommt, leidet nicht nur der Bauer, sondern auch der Landmaschinenverkäufer und die Bank. Landwirtschaft, Landmaschinenherstellung und Bankwesen: Drei Branchen sind entmutigt, weil ein Bauer sein Kapital, den Boden, nicht mobilisieren kann. Produktivitätsgewinne bleiben deshalb aus, obwohl sie möglich wären.
Afrikas armer Bauer lässt sich in unserem Beispiel nicht entmutigen und kratzt trotzdem Geld für eine Bewässerungsanlage zusammen. Eine Dieselpumpe drückt das Wasser durch die Leitungen, so sein Plan. Leider gibt es nicht immer Diesel. Unser Bauer erwägt stattdessen eine Elektropumpe. Diesmal weigert sich die staatliche Energiefirma, Strom zu liefern. Denn der Bauer hat - wie vier Milliarden Menschen auf der Welt - keine formale Adresse. Für die Stromgesellschaften ist das mühsam: Sie können nur mit hohen Kosten nachprüfen, wer ihr Kunde ist und wo er wohnt.
Hohe Korruption
Außerdem hat der Bauer vergessen, den Beamten der Stromgesellschaft zu bestechen. Beamte werden in armen Ländern so schlecht bezahlt, dass sie auf zusätzliche Einnahmen angewiesen sind. In armen Ländern ist die Korruption regelmäßig besonders hoch, wie Untersuchungen von Transparency International belegen.
Der Bauer lässt sich nicht entmutigen und erzielt eine gute Ernte. Am liebsten wäre es dem Farmer, er würde einen Händler finden, der das Getreide exportiert. Dann gäbe es eine größere Chance auf höhere Preise. Doch es gibt in der Nähe nur einen Abnehmer. Die anderen Händler liegen einige Tagesreisen entfernt. Die Straßen sind schlecht und unsicher. Der Ökonom Ricardo Hausmann weist auf den empirisch belegten Zusammenhang zwischen Unterentwicklung und Zugang zu wichtigen Märkten hin: ohne gute und sichere Straßen kein Handel. Es kostet 3000 Dollar, einen Standard-Container von der Westküste der Vereinigten Staaten zur Elfenbeinküste zu bringen. Es kostet aber 16 000 Dollar, denselben Container von der Küste in ein zentralafrikanisches Land zu verfrachten.
Auf Gerichte ist kein Verlass
Der amerikanische Starökonom Jeffrey Sachs hat zudem herausgefunden, dass mit Ausnahme von Europa die Küstenstaaten der Welt ein dreimal so hohes Volkseinkommen pro Kopf haben wie von Landmassen umgebene Staaten. Zugang zu Märkten ist der Weg zu Prosperität. Unser Farmer lebt aber in Zentralafrika.
Der Bauer gehört auch nicht zu den zwei Prozent glücklicher Bewohner der Subsahara-Länder, die über Telefon verfügen. Deswegen kann er auch niemanden anrufen, um Preisvergleiche anzustellen und seine Verhandlungsposition gegenüber dem Händler zu verbessern. Schließlich treibt den Farmer noch eine andere Sorge um. Der Händler könnte vergessen zu zahlen. Wie er das Geld eintreiben soll, ist ihm unklar. Denn auf Gerichte ist kein Verlass.
Schwache Institutionen
Als unser Farmer schließlich nach häufigem Mahnen Geld bekommt, besuchen ihn seine Verwandten und bitten um milde Gaben für Arztrechnungen und Schulgeld. Am Ende eines anstrengenden Jahres mit einer guten Ernte steht der Bauer mit fast leeren Händen da. An Investitionen ist kaum zu denken.
An diesem Beispiel lernt man, dass in reichen Ländern ein System von Institutionen aufgebaut ist, das das Wirtschaftsleben absichert. Den armen Ländern fehlen Institutionen. Es mangelt an den Gerichtsvollziehern, die zügig ausstehendes Geld aufgrund klarer vertraglicher Verhältnisse eintreiben, es fehlen Katasterämter, die Eigentumsverhältnisse in Grundbücher eintragen, die Bücher aufbewahren und sie nicht manipulieren. Es fehlt oft ein Eigentumsrecht, das auch durchgesetzt wird. Und es fehlen unbestechliche Beamte. Wie wertvoll eine funktionierende Verwaltung für den Wohlstand ist, merkt man, wenn sie fehlt.
Koloniale Repressionsapparate geerbt
Warum sind diese Institutionen nicht vorhanden? In Afrika hatten die Kolonialherren ein schwieriges Erbe hinterlassen. Die jungen Staaten waren oft Ergebnisse seltsamer Grenzziehungen und deshalb ethnisch zersplittert. Schnell entflammten Konflikte und Bürgerkriege um Land und Bodenschätze.
Die Franzosen, Engländer und Belgier hatten versäumt, funktionierende Institutionen zu bilden. Die afrikanischen Führer erbten von den Kolonialherren Repressionsapparate und autoritäre Herrschaftsstrukturen, aber keine Einrichtungen, die das Recht der Einzelnen schützten.
Keine Hungerkatastrophen in Demokratien
Die meisten Länder blieben Diktaturen, was Einfluss auf die Versorgungssituation der Bürger zu haben scheint. Denn in Demokratien gab es noch nie Hungerkatastrophen. Demokratisch gewählte Politiker müssen sich um das Wohl ihrer Bürger kümmern, wenn sie wiedergewählt werden wollen.
In den armen Diktaturen leben die Regierungen und Führungsschichten davon, die Wirtschaftszweige und Bodenschätze zu monopolisieren und abzuschöpfen. Die Staatshaushalte dieser Länder hängen überwiegend von Entwicklungshilfe ab. Das lindert die Not, die Verhältnisse so einzurichten, dass der arme Bauer gut wirtschaften und sogar Steuern bezahlen kann. Die unternehmerische Kreativität wird in armen Ländern darauf gerichtet, an staatliche Töpfe, staatliche Lizenzen, Bodenschätze oder an Entwicklungshilfe zu kommen. In Tansania ist in den letzten 20 Jahren die Zahl der Nichtregierungsorganisationen explodiert. Sie können ein Vehikel sein, Entwicklungsgeld einzusacken - ohne dass es bei denen ankommt, für die es gedacht ist. Dass Entwicklungshilfe hilft, ist noch nicht bewiesen.
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, F.A.Z.
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