Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (51)

Warum ist zeitgenössische Kunst so teuer?

Von Catherine Hoffmann

02. Juni 2007 Der Hammer fällt. 65 Millionen Dollar. Plus Kommission macht das 72,8 Millionen Dollar für Katalognummer 31: „White Center“, ein Ölbild von Mark Rothko aus dem Besitz David Rockefellers. Es war der teuerste Rothko aller Zeiten und ein Weltrekord. Ein anonymer Telefonbieter zahlte den höchsten Preis, der jemals für ein zeitgenössisches Kunstwerk erzielt wurde. Rockefeller hatte das Gemälde 1960 für 8500 Dollar erworben.

Die Sammler sind im Rekordtaumel. Die Preise für Werke von Willem de Kooning, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Francis Bacon und anderen Künstlern der Nachkriegszeit werden in gigantische Höhen geschraubt. Sotheby's verkaufte im Mai in einer einzigen Nacht zeitgenössische Bilder für 254,9 Millionen Dollar, erzielte 15 neue Künstlerrekorde und schrieb damit Auktionsgeschichte - allerdings nur für kurze Zeit. 24 Stunden später überholte Christie's seinen Konkurrenten mit einer Spitzenbilanz von 384,7 Millionen Dollar und 26 Malern, die zum persönlichen Höchstpreis gehandelt wurden.

Der Kunstmarkt läuft heiß. Weltweit werden zeitgenössische Arbeiten zu ungeheuren Preisen gehandelt. Das Geschäft der Auktionshäuser und Galerien mit extrem teuren Werken wächst rasant. Und nichts scheint den Hype bremsen zu können. Die amerikanische Kunstpreisdatenbank Artprice verzeichnete allein in den vergangenen drei Jahren einen Preisauftrieb von 43 Prozent für Gegenwartskunst. Nur der Aktienmarkt läuft noch besser: Der Deutsche Aktienindex gewann in dieser Zeit gut 103 Prozent hinzu. Wo das viele Geld herkommt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Waren Amerikaner und Europäer auf den großen Auktionen früher weitgehend unter sich, mischen sich heute Sammler aus Asien, dem Mittleren Osten und Russland unter die illustre Käuferschar. Das spiegelt sich auch auf den elektronischen Tafeln in den Auktionssälen. Die Preise werden neuerdings in sechs Währungen gezeigt: Dollar, Euro, Pfund, Franken, Yen und Rubel.

Immobilientycoone und Internetmilliardäre

Immobilientycoon, Internetmilliardär, Hedge-Fonds-Manager, Ölscheich, Casinomogul, Großspekulant - die Liste der Millionäre wird immer länger. Damit wächst der Käuferkreis für teure Gemälde. Weltweit gab es Ende 2005 rund 8,7 Millionen Menschen mit einem Finanzvermögen von mehr als einer Million Dollar, heißt es im „World Wealth Report 2006“. Vor allem in Schwellenländern wie Südkorea, Indien und Russland wird Reichtum angehäuft. Noch schneller als die Zahl der Reichen wächst die Gruppe der Superreichen. Dazu zählen Privatleute mit mindestens 30 Millionen Dollar Anlagevermögen. Mehr als 85000 Menschen zählen zu den Glücklichen. Viele wollen zeigen, was sie haben. Da gehört zu Limousine, Segelyacht und Luxusvilla eben auch das passende Bild an der Wand. Warum soll das Werk nicht so teuer sein wie das Appartement, in dem es hängt? Um eine sinnvolle Geldanlage geht es dabei nicht.

Es ist so gut wie unmöglich, einen fairen und vernünftigen Preis für ein Kunstwerk auszumachen. Anleger ermitteln den Wert einer Aktie, indem sie die erwarteten Erträge der nächsten Jahre auf den heutigen Zeitpunkt abdiskontieren und aufaddieren. Ein solcher Ertragswert lässt sich für ein Kunstwerk nicht errechnen. Seine Zahlungsströme sind negativ, denn es kostet Geld, Bilder zu transportieren, zu lagern und zu versichern.

Kunst als Statussymbol

Der Sammler kauft seinen Rothko auch nicht, weil er hofft, damit viel Geld zu verdienen - das hat er ohnehin schon -, sondern weil er ihn schlicht haben will. Der Preis spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist nur, dass es ein Meisterwerk ist, etwas Einmaliges. Rothko ist wertvoll, weil es nur wenige seiner Bilder gibt, aber viele Sammler, die sie begehren. Zum Glück haben nicht alle den gleichen Geschmack, so dass sich Aufmerksamkeit und Geld ein wenig verteilen. Auch wenn nicht zu übersehen ist, dass Werke, die zwischen den späten vierziger und frühen siebziger Jahren entstanden sind, gerade besonders gefragt sind.

Ökonomen würden Kunst wahrscheinlich als ein „positional good“ bezeichnen, ein Positionsgut. Der Ökonom David Hirsch hat den Begriff in den siebziger Jahren geprägt. Er beschrieb damit Güter und Dienstleistungen, die sich von Natur aus nicht zur Massenproduktion eignen und deren Wert sich vor allem danach bemisst, welchen Platz sie auf der persönlichen Liste der begehrenswerten Dinge einnehmen. Eine Immobilie im exklusiven Londoner Stadtteil Mayfair, Roy Lichtensteins Bild „Sinking Sun“ oder ein reservierter Tisch in New Yorks Restaurant „Le Cirque“ eignen sich hervorragend zum „Distinktionsgewinn“: Damit lässt sich sozialer Status markieren.

Kein normaler Markt

Die Preisspirale dreht sich aber nicht nur, weil Kunst so viel Glamour verleiht, sondern auch, weil der internationale Kunstmarkt nach ganz eigenen Spielregeln funktioniert. Die beiden großen Auktionshäuser Christie's und Sotheby's kontrollieren drei Viertel des Weltmarkts. Der Wettbewerb zwischen ihnen treibt die Preise in schwindelerregende Höhen. Die Rivalen überbieten sich gegenseitig mit hohen Garantiesummen, um Highlights wie Rothko präsentieren zu können. Für sein bonbonfarbenes „White Center“ wurden dem Verkäufer angeblich 46 Millionen Dollar zugesichert. Das Prinzip treibt die Preise in immer schwindelerregendere Höhen.

Dass der Markt nicht ganz normal tickt, zeigt auch das Geschäftsgebaren der Galerien. Bei ihnen bekommen Interessenten die Werke der Stars zu einem deutlich niedrigeren Preis als auf einer Auktion. Bevor aber Topgaleristen etwas verkaufen, müssen sich die Kunden als treue Sammler bewähren, Spekulanten gehen leer aus. Und wer einen Andreas Gursky oder Neo Rauch ergattert, muss meist versprechen, ihn nicht so bald zu verkaufen. Der Galerist erhält ein Vorkaufsrecht. Transparent sind diese Geschäfte nicht.

Erste Hedge-Fonds-Manager haben deshalb schon die Witterung aufgenommen und Kunstfonds gegründet, um aus den Ineffizienzen des Marktes Profit zu schlagen. Vor wenigen Tagen wurde mit „The Art Trading Fund“ der zweite auf Kunst spezialisierte Hedge-Fonds gegründet - und der erste, der seine Investments gegen Verluste absichern will. Die klugen Geldvermehrer wissen: Der nächste Crash am Aktienmarkt könnte den Kunstmarkt mit sich reißen. Die Spekulation auf immer höhere Preise geht nur gut, solange der Reichtum wächst.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.06.2007, Nr. 22 / Seite 52
Bildmaterial: Dieter Rüchel, dpa/dpaweb, F.A.Z.

 
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