Von Karen Horn
14. Mai 2008 Warum reden eigentlich Politiker und Ökonomen immer von Wirtschaftswachstum? Haben wir nicht schon genug Wohlstand, muss es denn immer mehr sein? Wäre Nullwachstum - also die Wiederholung des schon Erreichten - für Deutschland nicht ausreichend, und wäre nicht sogar eine leichte Schrumpfung hinnehmbar, angesichts des üppigen Reichtums, den wir schon haben?
Hier gilt es innezuhalten. Denn die These dahinter lautet: Wir haben die Sättigung erreicht. Keiner braucht wirklich mehr, als er schon hat. Aber stimmt das? Sind unsere Bedürfnisse erfüllt?
Wenn man dem Nachbarn nicht moralisierend vorgeben will, welche seiner Wünsche legitim sind und welche nicht, dann kann die Antwort nur heißen: wohl kaum. Zwar haben wir in Deutschland ein Bruttoinlandsprodukt je Einwohner von gut 28 000 Euro, gemessen im Jahr 2006, und dieser Wert nimmt stetig zu. Auf diese Pro-Kopf-Größe kommt es eigentlich an, nicht etwa auf die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts an sich. Denn wenn die Bevölkerung schrumpft, dann ist es statistisch gesehen so, dass auch bei stagnierender Gesamt-Wirtschaftsleistung noch immer der Anteil jedes einzelnen Bürgers steigen kann.
Wachstumsverzicht ist keine Lösung
Aber auch wenn unsere Lage gut ist und tatsächlich immer besser wird: Erfüllt sind unsere Bedürfnisse noch längst nicht. Wir alle wünschen uns mehr, streben nach mehr. Mehr Arbeitsplatzsicherheit, einen höheren Lebensstandard, mehr Geld. Oder zumindest mehr Zeit - was bei Lichte betrachtet auch nichts anderes bedeutet als mehr Geld. Schließlich wollen wir ja weiterhin, auch bei weniger Arbeit, unser Auskommen haben. Was genau wir mit dem zusätzlichen Wohlstand anfangen wollen, ist jeweils nicht in Stein gemeißelt. Unsere Bedürfnisse unterscheiden sich, und sie sind ständig im Fluss. Die Menschheit ist kreativ im Erfinden von neuen Dingen - und die wollen wir als Konsumenten dann auch haben.
Und wenn schon wir, in unserem entwickelten, wohlhabenden Land, diesen Wunsch nach mehr verspüren, dann ist auch klar, dass es mit Blick auf die ärmeren Regionen der Welt geradezu zynisch wäre, von Sättigung zu sprechen. In China beispielsweise, wo die Wirtschaft nun schon seit Jahren boomt wie verrückt, liegt das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner immer noch bei nur knapp 5000 Euro.
Die Wachstumskritiker reden freilich meist auch gar nicht von Sättigung. Sie fordern vielmehr einen Wachstumsverzicht in der reichen, industrialisierten Welt zugunsten der bedürftigen Entwicklungsländer. Sie wollen gleichsam eine geographische Umverteilung des wirtschaftlichen Fortschritts von denen, die bisher beispielsweise etwa vier Fünftel der Wirtschaftsleistung auf sich vereinten, hin zu denjenigen, die nur ein Fünftel davon haben.
Irgendwas ist immer knapp
Nur funktioniert so etwas gar nicht: Wenn die Wirtschaft der entwickelten Länder weniger stark wächst, haben automatisch auch die Entwicklungsländer keine wachsenden Absatzmärkte und können auch keine neuen Produktivitätsfortschritte importieren. Und so leiden sie zwangsläufig mit. Die Weltwirtschaft ist ein Netz des Austausches, des ständigen Miteinanders. Insofern muss es schon Sorge bereiten, wenn das Wachstum der Weltwirtschaft infolge der Turbulenzen an den Finanzmärkten für das laufende Jahr nur noch auf 4,1 Prozent geschätzt wird, nach 4,9 Prozent im vergangenen Jahr.
Man mag das immer noch üppig finden vor dem historischen Hintergrund, dass das globale Wirtschaftswachstum bis zur industriellen Revolution 1820 auf nicht mehr als 0,05 Prozent geschätzt wird. Das stimmt. Doch eine Verlangsamung von 0,8 Prozentpunkten im Jahr ist beängstigend gerade angesichts eines aktuellen globalen Bevölkerungswachstums von noch immer mehr als 1 Prozent.
Aber zurück zu den Bedürfnissen. Wenn also tatsächlich Wirtschaftswachstum nötig ist, solange unsere Bedürfnisse nicht gedeckt sind - dann fragt sich: Wo ist die Grenze? Wann werden wir endlich zufrieden sein? Die philosophische Antwort darauf muss weiter lauten: nie. Das hat nichts mit unendlicher Gier oder frivolen Wünschen zu tun, wie verkappte Moralisten vermuten könnten, sondern gleichsam damit, dass die Menschheit aus dem Paradies vertrieben worden ist. Ökonomische Knappheit ist nun einmal eine grundlegende Bedingung unserer menschlichen Existenz. Die Kennziffer des weltwirtschaftlichen Wachstums zeigt folglich bloß an, wie gut wir mit der Knappheit umgehen. Überwinden werden wir die Knappheit freilich nie, denn unsere Mittel sind endlich.
Der Club of Rome hat den technischen Fortschritt ignoriert
Damit sind wir auf der Seite der Möglichkeiten. Wenn die Bedürfnisse also grundsätzlich unendlich sind, wie stehen die Chancen, sie mit begrenzten Mitteln trotzdem immer weiter zu stillen? Schlecht, meinten einst die Wissenschaftler rund um Dennis Meadows, die 1972 für den Club of Rome, ein internationales politisches Gesprächsforum, eine aufsehenerregende Studie mit dem Titel "Die Grenzen des Wachstums" angefertigt hatten. Sie konzentrierten sich auf den Zusammenhang, dass immer mehr Menschen in der Welt immer mehr - wenn auch nur elementare - Bedürfnisse entfalten, die natürlichen Ressourcen dabei aber endlich sind. Ähnlich wie 1798 der britische Ökonom Thomas Malthus vor einer Bevölkerungsfalle warnte, fußt auch diese moderne Form der Verelendungstheorie auf dem Befund eines ungebremsten Bevölkerungswachstums. Als begrenzende Faktoren sehen ihre Vertreter im Gegensatz zu Malthus aber nicht nur die Lebensmittelproduktion, sondern einen breiteren Mix natürlicher Ressourcen. Das legendäre, Endzeitstimmung verbreitende Werk, von dem mehr als 30 Millionen Exemplare verkauft worden sind, trug dem Club of Rome gar den Friedenspreis des deutschen Buchhandels ein.
Die Wissenschaftler hatten in einem Computer-Simulationsmodell neben dem Wirtschaftswachstum auch Größen wie Bevölkerungszunahme, Lebenserwartung, Rohstoffvorräte, Schadstoffausstoß und Effizienz der Agrarproduktion zusammengebunden und in die Zukunft projiziert. Daraus ergab sich, dass im Jahr 2030 die Weltwirtschaft zusammenbrechen werde - es sei denn, das Bevölkerungswachstum und der Schadstoffausstoß würden gestoppt. 1992 kam eine Aktualisierung der Studie auf den Markt, die ergab, dass wir den Zug verpasst haben: Auf der Basis der damaligen, deutlich höheren Bevölkerungszahlen ließ sich nach dem Computermodell keine Stabilisierung des Wohlstandes mehr erreichen. Stattdessen drohen uns Hungersnot und Umweltkatastrophen.
Knappheit ist eine unschlagbare Triebkraft
Die bisher letzte Aktualisierung der Studie - mit ähnlichen Ergebnissen - erfolgte im Jahr 2004. Die begrenzten Ressourcen sind also immer wieder ein beliebter Ansatzpunkt für Weltuntergangsszenarien, von Malthus über Meadows bis hin zu Nicholas Stern mit seinem Klimareport. Und es stimmt: Die Bevölkerung wächst, die Erdölvorräte reichen nach aktuellen Schätzungen der Vereinten Nationen nur noch 45 Jahre aus, um den Energiehunger der industrialisierten Welt in der herkömmlichen Form zu decken, und auch die Klimaerwärmung wird neue Herausforderungen schaffen. Bisher ist es der Menschheit aber noch immer gelungen, im Streben nach einer Besserung ihrer Lage mit immer neuen Lösungen aufzuwarten.
Die ökonomische Knappheit ist eine unschlagbare Triebkraft. Der daraus entstandene technische Fortschritt ist es, der das Wachstum immer wieder aufs Neue grenzenlos gemacht hat und dies wohl auch in Zukunft zu tun verspricht. Der Druck der ökonomischen Knappheit setzt immer wieder kreative Neuerungen durch und verschiebt unsere Grenzen nach außen.
Karen Horn leitet in Berlin das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln).
Karen Horn leitet in Berlin das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln).
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Dieter Rüchel, F.A.Z.
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