Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (48)

Warum unterscheiden wir zwischen In- und Ausland?

Von Thomas Straubhaar

19. Mai 2007 Wer in Google nach „Earth at Night“ sucht, findet eine Welt mit scheinbar völlig unsystematisch angeordneten Lichtpunkten. An einzelnen Stellen verdichten sie sich zu hell leuchtenden Scheiben. Das sind natürliche Wirtschaftsräume.

Nicht zu sehen sind künstliche Staatsgrenzen. Niemand, der auf die nächtliche Erde schaut, käme auf die Idee, von In- und Ausland oder Imund Export zu reden. Erst auf dem Reißbrett der Politik gezeichnete Grenzen machen eine tausend Kilometer lange Fahrt von Flensburg nach Lörrach zu einer Inlandsreise. Der kurze Sprung von Flensburg nach Padborg aber ist eine Auslandsreise und der Verkauf von Flensburger Bier nach Dänemark ein internationales Geschäft.

Unterschiedliche Vorstellungen

Wieso erschweren Menschen sich das Leben, indem sie mit künstlichen Grenzen natürliche Wirtschaftsräume trennen, ihre eigene Mobilität behindern und den Handel mit Gütern einschränken? Wieso verzichtet eine Bevölkerung auf die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung, indem sie dem freien Verkehr von Menschen und Waren ökonomisch offenbar völlig sinnlose Hindernisse wie Stacheldraht, Kontrollposten und Grenzschutzanlagen in den Weg stellt? Wieso spricht man von „Volkswirtschaften“ und „Nationalökonomie“, obwohl „Länder“ alles andere als homogene Einheiten sind und die Flensburger den Dänen näher stehen als den Badenern?

Die Antworten haben etwas mit dem Marktversagen zu tun, das sich aus einer völlig ungehinderten weltweiten Arbeitsteilung ergibt. Und sie haben damit zu tun, dass es sehr unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, wie Marktversagen zu korrigieren ist. Auch scheiden sich die Geister, welche Leistungen die Gemeinschaft und welche einzelne Menschen erbringen sollen.

Andere Formen, Werte, Normen und Standards

Um funktionierende Märkte sicherzustellen und Marktversagen zu korrigieren, benötigen wir eine Institution, die mit Zwang und hoheitlicher Gewalt manchmal auch gegen den Willen und das Interesse Einzelner gemeinsame Forderungen durchsetzen kann. Auf den ersten Blick schiene eine Weltregierung hierfür die beste Lösung zu sein.

Würden wir in einer Welt leben, in der alle Menschen vollständig gleich wären, gäbe es in der Tat keinen Grund für eine Abgrenzung von In- und Ausland. Wären alle Menschen perfekte Klone Adams, würden sie weltweit alle gleich ticken. Seit dem Sündenfall und der anschließenden Vertreibung aus dem Paradies ist das tägliche Leben jedoch durch Knappheit, Not und Entbehrung gekennzeichnet. Seit Kains Brudermord begegnen sich Menschen nicht nur in Friede und Eintracht. Und seit dem misslungenen Turmbau zu Babel sprechen die Menschen nicht mehr mit einer Zunge und Sprache. Vielmehr leben die Völker über die Welt zerstreut. Sie haben jeweils andere gesellschaftliche, moralische und rechtliche Formen, Werte, Normen und Standards entwickelt.

Eine ökonomisch sinnlose Abgrenzung

Die Zersplitterung der Menschheit in Völker hat besonders für die Organisation jener alltäglichen Aktivitäten weitreichende Folgen, bei denen der Einzelne auf die Hilfe anderer angewiesen ist (Kollektivgüter); oder wenn das Handeln Einzelner auf andere abfärbt (externe Effekte); oder wenn es um Mitgefühl, Hilfe und Solidarität geht. In diesen Fällen gilt es zu entscheiden, wer für wen und für was wie weit verantwortlich ist. Über die Jahrhunderte haben sich für diese Fragen weltweit völlig unterschiedliche Antworten ergeben.

In den historisch gewachsenen Rechts- und Solidargemeinschaften findet sich denn auch die Erklärung für die auf den ersten Blick ökonomisch sinnlose Abgrenzung zwischen In- und Ausland. Die Grenze erlaubt es gesellschaftlichen Gruppen, bei der Korrektur des Marktversagens eigene Wege zu gehen. Im kleinen Kreis kann zielgenauer auf unterschiedliche Wünsche und Vorlieben eingegangen werden. Würde auf die Abgrenzung verzichtet und würde im Extremfall die ganze Welt einbezogen, wären die Erwartungen der mehr als sechs Milliarden Menschen zu unterschiedlich. Man könnte sich nur sehr schwer auf eine gemeinsame Lösung einigen. Und wenn doch, wären damit nur wenige wirklich zufrieden.

Die Herausforderungen des Alltags

Ein Beispiel aus der Gastronomie veranschaulicht dies. Wie arm wäre die Erde, würde es auf der ganzen Welt nur eine einzige Esskultur geben? Wie viele Menschen sind glücklich, dass sie die Wahl zwischen europäischer, arabischer, chinesischer, japanischer oder amerikanischer Küche haben und sich nicht ein weltweit standardisiertes Einheitsmenü antun müssen?

Genauso ist es mit den meisten Herausforderungen des Alltags. Was wäre, wenn es nur eine Weltregierung gäbe, die durchsetzt, wie die Menschen zu reden haben, wie sie wohnen und leben sollen. Selbstbestimmung ermöglicht es kleineren Gruppen, unterschiedliche Traditionen, Normen und Wertvorstellungen zu verfolgen. Sie erzeugt auch jene Nähe und Nachbarschaft, die für gemeinsame Verantwortung und Solidarität unverzichtbar sind.

„Länder“ sind keine einheitlichen Akteure

Natürlich verursachen die babylonische Vielfalt und die Abgrenzung in In- und Ausland enorme Kosten. Es braucht Übersetzer für Sprachen und genauso für kulturelle Verständnisprobleme. Politische Grenzen führen zu ökonomischen Kosten. Nicht zuletzt deshalb hat sich im Laufe der Zeit eine institutionelle Arbeitsteilung entwickelt. Länder delegieren einen Teil ihrer Kompetenzen einerseits nach unten an ihre einzelnen Glieder und andererseits nach oben an internationale oder supranationale Organisationen.

In Deutschland teilen sich Gemeinden, Kreise, Bundesländer auf der einen sowie die Europäische Union und verschiedene UN-Organisationen auf der anderen Seite die öffentlichen Aufgaben mit der Bundesrepublik. Damit wird eine scharfe Abgrenzung in In- und Ausland immer schwieriger. Die Vorstellung, das Inland sei eine „homogene“ Einheit, erweist sich immer mehr als Illusion. Es gibt keine „Volkswirtschaft“. „Länder“ sind keine einheitlichen Akteure. In einer globalisierten Welt sitzen weniger denn je alle Inländer im selben Boot und befahren unter gemeinsamer Nationalflagge zusammen die Weltmeere. Vielmehr wird in verschiedenen Bootsklassen mit durchaus unterschiedlicher Geschwindigkeit gerudert.

„Nationen sind ein Erbe der Geschichte“

Wer in welchem Boot Aufnahme findet, hängt von der Bereitschaft zu Mobilität und den persönlichen Fähigkeiten ab, aber weniger vom Pass.

Schonungslos legt Herbert Giersch in seinem weltwirtschaftlichen Denkansatz dar, was das für die Unterscheidung von In- und Ausland bedeutet: „Nationen sind ein Erbe der Geschichte. Sie erscheinen als Stufe der Entwicklung von den kleinräumigen Gebilden und Gruppen der Vorzeit zu einer Weltgesellschaft der Zukunft. Wenngleich Nationen heute noch nicht ignoriert werden dürfen, treten sie doch schon in den Hintergrund.“

Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI).



Text: F.A.S. vom 13. Mai 2007
Bildmaterial: F.A.Z.

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