Von Thomas Straubhaar
26. Oktober 2007 Joseph versprach fette und magere Jahre. Propheten verkündeten Blitz und Donner. Wahrsager lassen die Kugel rollen. Hellseher schließen gedankenschwer die Augen. Immer schon wollten Menschen voraussagen, wie die Zukunft werden wird. Das wollen auch die Konjunkturforscher.
Internationale Organisationen wie die OECD oder der Internationale Währungsfonds (IWF), der Sachverständigenrat oder die Wirtschaftsforschungsinstitute legen regelmäßig ihre Prognosen vor. Und ebenso regelmäßig wird dann über Präzision, Sinn und Unsinn, Möglichkeiten und Grenzen von Prognosen diskutiert.
Alles schien berechenbar
Die Konjunkturforscher hätten ein einfaches Leben, wenn sie klüger wären als andere. Wüssten sie mit vollständiger Sicherheit, wie sich Menschen in Zukunft verhalten und wie alles mit allem zusammenhängt, wären gute Prognosen nur eine Frage von leistungsfähigen Rechenmaschinen. Eine kurze Zeitlang glaubte man in der Nachkriegszeit tatsächlich, man sei dem Stein der prognostischen Weisheit nahe. Dafür sorgten die makrodynamischen Konjunkturmodelle der keynesianischen Theorie, die Erkenntnisse der damals noch jungen Ökonometrie und die gewaltigen Fortschritte der ersten Computer.
Alles schien berechen- und pro-gnostizierbar und damit auch politisch steuerbar. Konjunkturprognosen sollten die quantitativen Vorgaben liefern, um im Rahmen einer antizyklischen Globalsteuerung der Wirtschaft mit geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen für Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität, Wirtschaftswachstum und eine ausgeglichene Handelsbilanz zu sorgen. Selbst der junge Nationalökonom Herbert Giersch dachte damals: Wenn wir nur genug über Konjunkturtheorie wüssten, können wir den Zyklus glätten.
Nicht allwissend
Die Stagflation der späten sechziger Jahre und die Rezession der frühen siebziger Jahre dämpften die Euphorie in die konjunkturpolitische Steuerbarkeit. Der Monetarismus und die Theorie rationaler Erwartungen führten zu einer weit bescheideneren Erwartung in die Leistungsfähigkeit der Konjunkturpolitik. Es wurde überdeutlich, dass Volkswirte und Politiker nicht allwissend sind. Das Verhalten der Menschen ändert sich zu sprunghaft. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zu vielfältig und zu dynamisch. Die meisten Störungsquellen sind weder frühzeitig erkennbar noch rechtzeitig erfassbar.
Innovationen sorgen für neue Möglichkeiten, die niemand voraussagen kann. Schocks und Krisen verringern den Handlungsspielraum. Die ungeheure Komplexität und die evolutorische Dynamik der wirtschaftlichen Wirklichkeit lässt sich somit bestenfalls in Umrissen abbilden. Das ist nicht wenig. Es ist aber nicht so viel, wie man sich gemeinhin von guten Prognosen erhoffen mag.
Durch Instabilität und Zufälligkeiten geprägt
Konjunkturprognosen sollen Ungewissheit verringern. Sie sollen aufzeigen, wie sich die Welt verändern könnte, nicht, wie sie sich verändern wird. Es geht um Wahrscheinlichkeiten, nicht um Gewissheit. Konjunkturprognosen gelten nur unter bestimmten Annahmen und nur so weit, wie die gemachten Annahmen und Erwartungen auch in Erfüllung gehen. Viele Einflussfaktoren bleiben völlig unbekannt. Andere sind nur begrenzt vorhersehbar. Manche werden falsch eingeschätzt. Die meisten sind durch Instabilität und Zufälligkeiten geprägt. Deshalb sind Prognosefehler der Normalfall. Punktgenauigkeit bleibt Zufall.
Konjunkturprognosen stützen sich auf theoretische Makromodelle, die das Verhalten Einzelner, das zwischenmenschliche Verhalten und schließlich Verhaltensveränderungen aller logisch schlüssig beschreiben. Alle Zusammenhänge müssen quantifiziert werden. Dafür braucht es einigermaßen zuverlässige statistische Daten.
Es braucht Erfahrung und Intuition
Mit diesen unabdingbaren Zutaten beginnt nun erst die eigentliche Prognosearbeit. Mit welcher Methodik auch immer muss aus theoretischen Beziehungen und empirischen Beobachtungen der Vergangenheit und Gegenwart ein mögliches Abbild der Zukunft entworfen werden. Dazu bedarf es eines vertieften historischen und politischen Verständnisses. Deshalb brauchen gute Konjunkturprognosen Erfahrung und Intuition sowie die Fähigkeit der Interpretation und nicht nur Modell- oder Zahlengläubigkeit. Bei einer genauen Prognose ist stets auch Vorsicht am Platze. So ist denkbar, dass beispielsweise das gesamtwirtschaftliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts punktgenau vorausgesagt wird. Die Beiträge und der Verlauf der einzelnen Komponenten können jedoch völlig falsch eingeschätzt worden sein. Aber per Zufall wäre es möglich, dass sich die Fehler bei Konsum, Investitionen, Staatstätigkeit, Export und Import in der Summe gegenseitig aufheben.
Schließlich sind Konjunkturprognosen durch das Phänomen der Selbsterfüllung und der Selbstzerstörung gekennzeichnet. Darin unterscheiden sie sich fundamental von den Wetterprognosen. Das Wetter ist weitestgehend gottgegeben. Die Prognose der Meteorologen hat nicht den geringsten Einfluss darauf, wie das Wetter tatsächlich werden wird. Ganz anders ist die Wirkung der Konjunkturprognosen. Der Gang der Wirtschaft ist eben nicht naturgesetzlich vorgegeben. Er wird durch menschliches Verhalten bestimmt.
Die Prognosen beeinflussen das Verhalten
Anders als die Wetterprognose bleibt die Konjunkturprognose nicht ohne unmittelbare Reaktion. Verströmt die Prognose Optimismus, werden die Konsumenten ihr verfügbares Einkommen eher ausgeben, Firmen werden eher geneigt sein zu investieren und zusätzliche Arbeitskräfte einzustellen, der Finanzminister wird etwas mehr Hoffnung für einen ausgeglichenen Staatshaushalt haben. Bei einer pessimistischen Prognose ist zu hoffen, dass Verbraucher, Unternehmer und die Wirtschaftspolitik gegensteuert. Die Konjunkturprognose schiebt also eine Verhaltensänderung an.
Gerade weil die Konjunkturprognose eine Verhaltensänderung bei den wirtschaftlichen Akteuren bewirkt, muss eine Bewertung ihrer Qualität besonders vorsichtig erfolgen. Die Prognose soll ja warnen oder Mut machen. Menschen sollen gerade aufgrund der Prognose mehr kaufen oder weniger investieren. Eine punktgenaue Vorhersage kann somit gar nicht das Ziel einer guten Konjunkturprognose sein. Entscheidend ist, ob die Prognose die Verhaltensänderungen in die richtige Richtung anschiebt, ob sie voraussagen kann, wann ein Aufschwung an ein Ende kommen wird, wann ein Abschwung beginnen wird. Schafft sie dies, kann nämlich die Wirtschaftspolitik rechtzeitig reagieren und gegensteuern. Somit ist eine Konjunkturprognose dann gut, wenn sie Politik und Wirtschaft zur richtigen Zeit im Voraus die sachdienlichen Hinweise auf Änderungen im makroökonomischen Datenkranz und den entscheidungsrelevanten Rahmenbedingungen liefert.
Thomas Straubhaar ist Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI).
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.10.2007, Nr. 42 / Seite 62
Bildmaterial: F.A.Z.
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