Erklär mir die Welt (59)

Warum mögen die Menschen Reformen nicht?

Veränderungen sind unangenehm und machen Angst. Viel bequemer ist es, alles beim Alten zu lassen. Erst wenn gar nichts mehr geht, schickt sich jeder in die Reform. Von Thomas Straubhaar.

Lesermeinungen zum Beitrag

05. August 2007 11:07

Mangel an Reformfähigkeit oder Gier?

Wolfgang Hartmuth (whartmuth)

Ich muß schon fragen ob in Deutschland ein Mangel an Reformfähigkeit oder nur die pure Gier nach Geld und Macht angesagt ist. Die Zahlen lassen eher zweiteres vermuten. Seit ca. 6 Jahren sind die Einkommen aus Unternehmen und Vermögen explosionsartig um mehr als 30 % gestiegen. Die Investitionen, die sich uns die selbsternannten Experten (Sinn, etc.) versprochen haben sind ausgeblieben. Der Gewinn wurde wohl als Spielgeld an die Finanzmärkte getragen. Im gleichen Zeitraum sind die Einkommen der Beschäftigten um ca. 7% gesunken. Diese Entwicklung wird sich auch noch weiter fortsetzen. Die bisherigen Reformen haben nur die Exporte in Höhe gestrieben, einen Anteil an dem derzeitigen Aufschwung haben die Reformen nicht. Was ist wenn die Exporte ausfallen, oder der Euro weiter steigt? Dann gibt es keine funktionierende Binnennachfrage, die das auffangen könnte.

Nebenbei bemerkt, Univ.-Prof. Dr. Thomas Straubhaar ist Berater der INSM, bekanntermaßen ein PR-Organ der Metallarbeitgeber zur Durchsetzung marktradikaler neoliberaler Reformen zur Verarmung der Bevölkerung und des Staates.

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03. August 2007 14:18

Nicht das Volk ist dumm...

Ralf Henrichs (nimreem)

Warum die Bürger keine (neoliberalen) Deformen mehr wollen, haben meine Vorkommentatoren schon deutlich gesagt. Daher will ich näher an Straubhaars Text argumentieren.

Er schreibt, dass die Bürger nur unzureichend an die Zukunft denken. Wie passt das aber damit zusammen, dass die Sparquote gerade in Deutschland sehr hoch ist?

Er schreibt, dass das BIP bei konsequenten Reformen höher ausfällt als wenn keine Reformen umgesetzt werden (wie er auf die Zahlen kommt, schreibt er nicht. Aber ich nehme hier mal an, sie würden stimmen). Wie sähen aber die Reformen genau aus? Vielleicht sind ja die Bürger rein rational bereit auf weitere Einkommensteigerungern zu verzichten, wenn sie dafür das Kündigungsrecht nicht weiter zerstört, die Arbeitszeiten nicht verlängert werden etc. Aber das Volk will er ja auch nicht fragen...

Berechnet man aus Grafik 2 die Einkommensverbesserung 2024 gegenüber Stagnation in Euro ergeben sich:
Amerikanisches Modell 16850 (10165)
Konsequente Reformen 14120 (9114)
Moderate Reformen 9160 (5953)
In Klammern Straubhaars Ergebnisse in Grafik 1.

Welches Vertrauen soll man in ein Ökonom setzen, der offensichtlich noch nicht einmal einfache Substraktionsregeln beherrscht?

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03. August 2007 10:41

Bewerbung angenommen

manfred Albrecht (Baburen)

Ausgezeichnet, Herr Professor!

dieser und alle weiteren Artikel dieser Serie lassen nur einen Schluß zu. Sie wollen nicht mehr nur beraten, nein Sie streben nach mehr.

Sie wollen selbst in der Verantwortung stehen.

Als Bundeskanzler!

Ich kann Sie zu dieser Entscheidung nur beglückwünschen

Die Beratung wird eingespart. Die Berater werden selbst Minister.

Wann ist mit Ihrem Kabinett der Experten zu rechnen? Es gibt ja praktisch kein Kabinettsposten, wo nicht ein Ökonom der natürliche, weil selbstverständlich beste Kandidat ist.

Die Absetzung ihrer Amtsvorgänger ist bereits in die Wege geleitet. Der noch amtierende Bundespräsident ist informiert. Die Anerkennung durch das Volk erfolgt durch Zuruf und Akklamation.

Heer und Polizei unterstehen Ihrem Befehl

Alles ist vorbereitet, daß Sie und ihre Kabinettskollegen ohne Beeinträchtigung ruhig und gelassen die richtige ökonomischen Entscheidungen treffen.

Walten Sie ihres Amtes

Ein Bewunderer!

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02. August 2007 16:52

Sehr guter Artikel

Marvin Parsons (mapar)

Die ersten Leserkommentare hier zeigen, wie recht der Autor hat. Vielleicht sind die Versorgungsmentalität und die Selbststilisierung zum hilflosen Opfer bei vielen schon so eingebrannt, daß sie keinen langfristigen Überlegungen mehr zugänglich sind.

Leider stimmt auch, daß es in der Regel für politisch tätige selbstschädigend ist, etwas zu ändern, was die Bequemen jetzt ärgert, weil sie längst dafür abgewählt sind, wenn die Früchte sichtbar werden (wenn sie für den Einzelnen überhaupt sichtbar werden).

Helfen könnte hier die direkte Demokratie. Wahrscheinlich sind die (abstimmenden) Bürger mehrheitlich zu vernünftigen Reformen bereit, auch wenn sie zunächst den Verlust liebgewordener "Errungenschaften" bedeuten, wenn der Nutzen schlüssig dargestellt wird und es sich nicht um einen "Kompromiß" von Parteifunktionären und Interessengruppen handelt. Denn die meisten Bürger sind auch im Privaten bereit, in Jahrzehnten zu denken und jetzt zugunsten späterer Vorteile auf etwas zu verzichten.

Das können sich Politiker nicht leisten, die noch eine Weile Politker bleiben wollen (daher zieht das Argument nicht, doch einfach entsprechende Parteien/Politiker zu wählen).

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02. August 2007 15:25

Die schwere, schwere Reformarbeit

Robert Schrey (etiterum)

Seitdem Deutschland von der Arbeiterklasse regiert wird, wird hier an einem Stück reformiert. Die Reformiererei dient nur einem Zweck: der Selbstlegitimation des Arbeiter-Politikers.

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02. August 2007 15:15

Vergessen ...

Reinhold Eysel (Eysel)

Ein gefälliger Artikel. Leider hat der Autor den Einfluss unterschiedlichen Leidensdrucks auf die Veränderungsbereitschaft vergessen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Menschen oft bereit sind ENORM zu leiden, sofern es Bekanntes ist, das sie erleiden, bevor sie ändern.
Reform bedeutet auch oft, dass gewisse Besitzstände ( = Sicherheiten) aufgegeben werden müssen um an ganz anderer Stelle - hoffentlich - Vorteile ze erhalten. Die Hoffnung auf diese neuen Vorteile wird geringer, je höher das Wohlfühl-Ausgangsniveau ist.
Klar ist, dass der Begriff "Reform" von Politikern für alle möglichen Dummheiten missbraucht wurde und sich so ein Bedeutungswandel hin zu negativen Assotiation allgemein eingestellt hat.

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02. August 2007 13:45

Die Reform-Reflexe trainieren - Das ist ein guter Artikel!

Bernhard Schmitz (DerKetzer)

Die Vorkommentatoren haben beim Wort "Reform" schon die Pawlowschen Reflexe gebildet. Dass Reformen mit Verlusten assoziiert werden, ist kein Wunder, denn vorher wurde eben der leichte Weg gewählt, der zwar kurzfristige Geschenke brachte, aber später die Probleme. Wohlstand wurde mit Staatsverschudung finanziert, die unnötige Zinsbelastung stieg weiter an. Verdient haben daran frühere Generationen und Banken.

"[...] wird in der Politik nur dann eine Veränderung eintreten, wenn [...] „mehr“ Reformen auch bessere Erfolgschancen bei den nächsten Wahlen bedeuten."
Dazu müßte die Mehrheit die Reformen beurteilen können.

"Natürlich lassen sich Unkenntnis und Unsicherheit verringern, indem man sich gut informiert, die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten abwägt [...]. All dies verursacht jedoch Kosten, die heute zu tragen sind, während der Nutzen erst später anfällt."
Der letzte Satz zeigt, dass es sich bei Entscheidungen über Veränderungen um Investitionen resp. strategische Züge handelt, wozu die wenigsten Menschen fähig sind. Außerdem muss der Egoismus fehlen, sich selbst zu bedienen und späteren Generationen die Kosten aufzudrücken.

Wie kann Veränderung unter diesen Bedingungen funktionieren?

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02. August 2007 13:26

Ich bin beruhigt, dass die meisten ...

Andreas Neubert (Citizen_Kane)

... der Lesermeinungen in diesem Forum zeigt, dass viele Menschen auf die "neoliberalen" Thesen von Thomas Straubhaar nicht mehr hereinfallen.

Bei den "Reformen" (was im Neosprech nichts anderes bedeutet als eine Umverteilung von unten nach oben) geht es in erster Linie darum, die Mehrheit zum Gunsten einer reichen Elite über den Tisch zu ziehen.

Das hat in erster Linie mit Ideologie und Interessen, denn mit rationalen Erwägungen zu tun.

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02. August 2007 12:38

Selbst schuld!

Nicolaus Fäustle (nfaeustle)

Wir sind doch selbst schuld, wir wählen doch unsere Politiker.
Warum sind andere Länder dabei an uns vorbeizuziehen -und zwar auch beim persönlichen Wohlstand?
Weil sie reformfreudiger sind wie wir und ganz offensichtlich längerfristig denken.
Man muß nicht zu den asiatischen Tigerstaaten gehen, ein Blick über die Grenze in die Schweiz würde bereits reichen.
Das Gejammere mit der Verschwörungstheorie der Unternehmer kann ich langsam nicht mehr hören.
So etwas von sich zu geben ist doch für einen erwachsenen Nichtanalphabeten doch schon fast peinlich, verrät es doch einen totalen Mangel an Grundwissen darüber wie eine Wirtschaft funktioniert.
Einem Unternehmer ist es herzlich egal, wie hoch die absoluten Kosten sind, solange die Wettbewerbsfähigkeit gewahrt ist.
Das ist auch ein Grund, warum deutsche Lohnkosten zu den höchsten der Welt zählen.
Das hiervon so wenig beim Arbeitnehmer ankommt ist von der Politik, also von den Wählern zu verantworten, denn dort werden die Abzüge und deren Verwendung bestimmt.

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02. August 2007 12:12

Reformfähigkeit der Demokratie in Frage gestellt

Christoph Neeb (Fonseca)

Der Ruf nach einer starken politischen Führungskräfte, der weitsichtig und unbeirrt das politisch Richtige durchsetzt, widerspricht den Wahlrechts- und Machtverhältnissen in der bundesdeutschen Realität. Parteien sind auf Koalitionen und Kompromisse verpflichtet, wenn sie Regeirungsmehrheiten zustandebringen wollen. Der "große gemeinsame Nenner" taugt selten für ein Reformwerk, das diesen Namen auch verdient. Eher noch werden Beharrungsvermögen und Hinhalttechniken trainiert, um sich unbeschadet über die Legislaturperiode zu retten. Die Beobachtung bestätigt die Vermutung, das Parteien, die nicht am Status Quo festhalten, sondern tiefgreifende Veränderungen durchsetzen wollen, vom Wähler skeptisch bis mißtrauisch beurteilt werden. Die Einsicht, daß nur durch Sparen und Schuldenabbau der Kollaps abwendbar ist, hat sich durchgetzt ... nur bitte möge ich nicht der erste sein, der seinen Beitrag dazu leisten muß. Die Frage drängt sich auf, ob eine Demokratie, die von solch unüberwindbar starken Beharrungskräften geprägt ist, überhaupt aus sich selbst heraus reformierbar ist. Sollte es diese starke politische Führungskraft tatsächlich irgendwo geben ... wie kommt sie dann bloß an die Macht?

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02. August 2007 11:55

Wählerschelte

Daniel Weber (DanielWeber)

Dieser Artikel will wohl eigentlich die Politiker dafür schelten, dass sie keine Visionen haben. Tatsächlich steckt in dem Artikel aber eher eine Wählerschelte. Weil die Wähler alle unfähig sind, das "Richtige" zu erkennen, wird Deutschland untergehen. Richtig ist dabei, was die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in dubiosen Berechnungen prognositziert. Das Politische System kennt aber zum Glück das Prinzip der Mehrheitsfindung. Gäbe es das nicht, könnten die selbsternannten Experten hemmungslos walten. Wo das hinführt kann man in den Diskussionen zur "Gesundheitsreform" sehen, wo jeder Professorenmeinung eine andere gegenübersteht, die das Gegenteilige fordert.
Wichtiger als die Sehnsucht nach der Offenbarung, die uns Herr Straubhaar hier vorgaukelt ist aber, danach zu fragen, warum in Deutschland Reformen trotz demokratischer Mehrheiten nicht umgesetzt werden. Aber dafür müsste man sich wirklich mit politischen Prozessen und der Vergleichenden Politikwissenschaft auseinander setzen.
Dass die FAZ sich mit diesem und vielen anderen Artikel zum Reformmotor aufspielt ist bei der Posse um die Rechtschreibreform innerhalb des Blattes ebenfalls verwunderlich.

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02. August 2007 11:55

Reformen sind notwendiger denn je

marc poppe (mpoppe)

Ohne Reformen bald keine Arbeitslosen- und Rentengelder mehr. Zur Information an die Autoren der vorigen Kommentare: Derzeit suchen Unternehmen händeringend qualifizierte Arbeitskräfte und versuchen die Kündigungsfristen möglichst lang zu halten um diese an sich zu binden.

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02. August 2007 11:51

Warten auf Godot

Paul Schächterle (paulimausi)

Vielleicht haben es die Leute auch einfach nur satt, daß "Reform" für sie immer nur Nachteile bedeutet und haben (endlich) das Vertrauen in die Versprechen der Ökonomen verloren, daß am Ende dann irgendwann alles besser wird.

Um es mit John Maynard Keynes zu sagen:

"The long run is a misleading guide to current affairs. In the long run we are all dead. Economists set themselves too easy, too useless a task if in tempestuous seasons they can only tell us that when the storm is past the ocean is flat again."

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02. August 2007 11:42

Falsche Frage!

Michael Menzel (Galenos)


Warum kennen immer weniger Menschen die Bedeutung des Wortes "Reform" in seiner wahren Bedeutung?

Seit etwa 20 Jahren wurde der Begriff Reform ein Synoym für staatlich inszenierten und sanktionierten Betrug, Diebstahl, Verschlechterung, Verteuerung, Versklavung.

Diese Perversion diese ursprünglich eindeutig positiven Begriffes in eine Bedrohung und eine Pest für die gesamte Bevölkerung führt dazu, daß Menschen "das nicht mögen".

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01. August 2007 18:48

Wirtschaftwissenschaft = Naturwissenschaft?

Wolfgang Reinhart (ciceron)

Herr Straubhaar geht anscheinend davon aus, dass es eine Idealgesellschaft gibt, in der maximale Unternehmerfreiheit mit minimalen Arbeitnehmerrechten und geringen Löhnen gekoppelt sind und dass eine solche Gesellschaft letztlich ALLE Menschen großartig finden müssen.

Ich bin nämlich explizit nicht der Auffassung, dass JEDE Art von Arbeit, egal wie mies sie bezahlt ist und wie stark man der Willkür des Arbeitgebers ausgeliefert ist, besser ist als keine Arbeit. Wenn ich die Wahl habe zwischen einer Arbeit in der Fleischindustrie für 80 Wochenstunden zu 2 €/Stunde ohne Pinkelpause und mit 10-Sekündiger Kündigungsfrist und Arbeitslosigkeit (selbst ohne Unterstützung), bin ich lieber arbeitslos, selbst wenn ich dann betteln müsste.

Mir ist klar, dass eine solche Welt Unternehmer toll finden, weil sie ihren Interessen entspricht. Es sollte aber auch klar sein, dass die Straubhaarsche Wirtschaftswunderwelt nicht jedem gefällt, weil es eben auch Leute gibt, die sich in einem solchen System ihre physische und psychische Gesundheit ruinieren und eher beim jetzigen System bleiben wollen. Es gibt nämlich keine Wahrheit, sondern nur Interessen. Das sollten auch einmal Wirtschaftswissenschaftler zur Kenntnis nehmen.

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