Von Thomas Straubhaar
01. August 2007 Übergewicht? Schlafstörungen? Zu viel Stress? Menschen wissen sehr oft, was die beste Lösung für ihre Probleme wäre. Dennoch zögern sie, das Richtige zu tun: Essgewohnheiten umzustellen, Sport zu treiben oder mit der Partnerin zu reden. Obwohl es langfristig besser wäre, vertraute Lebens- und Verhaltensweisen zu verändern, ist es sehr menschlich, vorerst im alten Trott zu verharren. Menschen halten lieber am Status quo fest.
So wird dann abends weiter das gewohnte Bier über den Durst getrunken, obgleich anderntags hierfür ein hoher Preis zu zahlen ist. Oder anstatt joggen zu gehen, bleibt man vor dem Fernseher sitzen. Das auf den ersten Blick fragwürdige bis irrationale Verhalten lässt sich vernünftig erklären.
Wir lieben die Gegenwart
Menschen lieben die Gegenwart mehr als die Zukunft (hier liegt ja auch die ökonomische Rechtfertigung für den Zins). Sie tun, was ihnen heute Spaß macht, und vermeiden Aktivitäten, die ihnen missfallen, selbst wenn sich der Verzicht morgen lohnen würde. Das Glück des gegenwärtigen Zustands wird bevorzugt, weil das Ergebnis bekannt ist, während Nutzen und Kosten von Veränderungen in weiter Ferne liegen und unsicher sind.
Natürlich lassen sich Unkenntnis und Unsicherheit verringern, indem man sich gut informiert, die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten abwägt und wenig berechenbare Optionen verwirft. All dies verursacht jedoch Kosten, die heute zu tragen sind, während der Nutzen erst später anfällt.
Veränderungsängste und Trennungsschmerz
Ebenso entstehen aus der Trennung von liebgewonnenen Verhaltensweisen sowohl ökonomische wie auch emotionale Kosten, also Ängste und Sorgen. Das gilt übrigens nicht nur für sehr persönliche Entscheidungen. Es gilt auch für ganz nüchterne Überlegungen. Denn verblüffenderweise behalten viele Kleinanleger Aktien in ihren Depots, die sie zum Tagespreis niemals kaufen würden. Sie verkaufen nicht, weil sie sich den Verlust gegenüber dem Einstandspreis nicht eingestehen wollen.
Das Festhalten am Status quo, Veränderungsängste und Trennungsschmerz sind auch für gesellschaftliche Prozesse kennzeichnend. So gibt es sehr oft viel Zustimmung dafür, dass etwas getan werden müsse, um bestimmte Probleme zu lösen. Ob das nun die Lohnnebenkosten, das soziale Sicherungssystem oder die Steuern betrifft. Obwohl der Handlungsbedarf unbestritten ist, geschieht im politischen Tagesgeschäft wenig. Oft scheitern kluge Ideen nicht an einem Erkenntnisproblem, sondern an der Umsetzung.
Das Zauberwort heißt Selbstbindung
Es geht oft weniger darum, was in einer Gesellschaft gemacht werden sollte, sondern um die Frage, wer es tatsächlich tut. So wie bei den Mäusen, die alle der Meinung sind, es wäre die beste aller Welten, wenn Katzen Glocken trügen, aber offen bleibt, welche Maus der Katze die Glocke umhängt.
Menschen haben trotz aller kurzfristiger Versuchungen eine Chance, Bequemlichkeit und eigene Schwächen zu überwinden und an langfristigen Absichten festzuhalten. Das Zauberwort heißt Selbstbindung. So, wie sich Odysseus an den Mast seines Schiffes binden ließ, um nicht dem Lockruf der Sirenen zu verfallen, müssen sich Menschen mit ungenügender Selbstdisziplin eine starke Selbstbindung auferlegen.
Um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, Veränderungen in weite Ferne zu schieben, müssen fixe Termine, etwa für eine Zahnbehandlung, vereinbart werden. Wer auf Diät ist, darf kein Eis im Kühlfach lagern. Wer regelmäßig Sport treiben möchte, soll sich fest mit Kollegen verabreden.
Es zählt, was kurzfristig mehrheitsfähig ist
In der Politik ist es schwieriger, gegen kurzfristige Interessen und Versuchungen mit klugen langfristigen Plänen erfolgreich zu sein. Nur wenn es gelingt, die Bevölkerung von einem Festhalten am Status quo und der Vorliebe für kurzfristige Vorteile abzubringen, haben Reformen eine Chance. Denn in der Politik zählt nicht, was langfristig ökonomisch richtig ist. Es zählt, was kurzfristig mehrheitsfähig ist.
Und wie bei den Mäusen die Katze nur dann eine Glocke tragen wird, wenn sich eine Maus zum Heldentum berufen fühlt, wird in der Politik nur dann eine Veränderung eintreten, wenn sich für die Parteien und ihre Politiker politischer Heldenmut lohnt und mehr Reformen auch bessere Erfolgschancen bei den nächsten Wahlen bedeuten.
Die Kosten werden schnell sichtbar
Diese Forderung zu erfüllen ist alles andere als einfach. Denn Reformzyklen folgen einer anderen, weit längeren Periode als Wahlzyklen. Bis Reformen greifen, dauert es Jahre, nicht Monate. Die Kosten einer Veränderung jedoch werden meist rasch sichtbar, beispielsweise in einem Wegfall von Jobs durch den Verzicht auf Protektion.
Die viel stärkeren positiven Folgen, etwa in einer verbesserten internationalen Wettbewerbsfähigkeit, die zu viel mehr neuen Jobs in neuen Bereichen führt, werden hingegen erst später wirksam. Zudem sind sie zum Zeitpunkt einer politischen Weichenstellung für oder wider eine Reform, beispielsweise einen Verzicht auf Protektion, für die einzelnen Menschen noch unsicher. Wer weiß schon wirklich, wie sich eine Reform auf die persönliche Situation auswirkt? Die Unsicherheit über wenig bekannte Reformfolgen führt dazu, dass weite Teile der Bevölkerung dem Status quo den Vorzug geben.
Nichts für schwache Politiker
Ein Weiteres kommt dazu: Die Vor- und Nachteile von Reformen sind nicht gleichmäßig über die gesamte Bevölkerung verteilt. Im Gegenteil sind wenige von Veränderungen stark und viele schwach betroffen.
Gegen die Kurzsichtigkeit partikularer Interessengruppen eine Politik der Langfristigkeit durchzusetzen ist nichts für schwache Politiker, sondern etwas für starke politische Führungskräfte. Sie müssten auf der Suche nach besseren Wahlchancen oder Macht und Prestige der Meinung sein, dass sie bei Veränderungen mit der Unterstützung der Bevölkerungsmehrheit rechnen können.
Das bedingt, dass einer immer breiter werdenden Öffentlichkeit bewusst wird, dass es ihr ohne grundlegende Strukturänderungen früher oder später wesentlich schlechter gehen wird. Nur wenn in weiten Teilen der Bevölkerung die Überzeugung wächst, dass die Wohlfahrtskosten der Verzögerung einer Reform höher sind als die Kosten einer Veränderung, werden charismatische Persönlichkeiten bereit sein, erst in der langen Frist wirkende Maßnahmen auf den Weg zu bringen.
Charismatisch meint dabei den Mut, Reformen ohne Angst vor Konflikten standfest gegen alle noch so lauten Proteste zu einem erfolgreichen Ende zu führen. So wie es Winston Churchill formuliert hat: The politician thinks of the next election, the statesman considers the next generation.
Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI).
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.07.2007, Nr. 30 / Seite 42
Bildmaterial: F.A.Z.
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