Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (70)

Warum schwanken die Wechselkurse?

Von Gerald Braunberger

18. Oktober 2007 Der Euro befindet sich im Höhenflug - jedenfalls gegenüber dem Dollar. Seit mehreren Jahren schon steigt der Wechselkurs der europäischen Gemeinschaftswährung, wenn auch immer wieder einmal von Rückschlägen unterbrochen. Der Kurs zwischen Euro und Dollar ist heute der vielleicht wichtigste aller Wechselkurse, weil er das Austauschverhältnis der Währungen der beiden bedeutendsten Wirtschaftsblöcke der Welt bezeichnet.

Die Wechselkurse bilden sich heute meist frei an den Devisenmärkten, auch wenn vor allem asiatische Länder wie China noch auf staatlichen Handelsbeschränkungen bestehen. Die Umsätze sind gewaltig und werden auf mehr als 2000 Milliarden Dollar am Tag geschätzt. Der überwiegende Teil des Devisenhandels entfällt auf kurzfristige Geschäfte zwischen Finanzhäusern; die Abwicklung der Ausfuhr von Gütern und Dienstleistungen spielt nur noch eine geringe Rolle. Kritiker des modernen Kapitalismus stoßen sich unter anderem an den hohen Umsätzen im Devisenhandel. Die Wechselkurse seien vor allem das Resultat von Spekulationsgeschäften, klagen sie, und hätten nichts mehr mit der realen Wirtschaft zu tun. Als Regulierung wurde die von dem amerikanischen Nobelpreisträger James Tobin erfundene Tobin-Steuer vorgeschlagen: Eine milde Besteuerung des Devisenhandels soll kurzfristige Spekulationsgeschäfte uninteressant machen. Bisher bleibt die Tobin-Steuer ein theoretisches Konstrukt ohne Aussicht auf Realisierung.

Nach welchen Kriterien bewegen sich die Kurse?

Nach welchen Kriterien bewegen sich die Wechselkurse? Die Antwort auf diese Frage fällt ziemlich enttäuschend aus: Die Ökonomen haben zwar im Verlauf mehrerer Jahrhunderte eine ganze Reihe mehr oder weniger plausibler Theorien der Wechselkursbildung entwickelt, doch finden diese Theorien in der Praxis nur selten eine Bestätigung. Daraus folgt auch, dass die Prognose von Wechselkursen mit sehr vielen Unsicherheiten behaftet ist.

Die bekannteste und wohl älteste Erklärung der Wechselkurse ist die Kaufkraftparitätentheorie. Sie besagt etwas vereinfacht: Die Wechselkurse sollen dafür sorgen, dass sich in offenen, miteinander verflochtenen Marktwirtschaften die Preise von Gütern im In- und Ausland angleichen. Denn wenn ein Gut im Ausland deutlich billiger ist, würde es im Ausland gekauft und nicht im Inland. Und wenn sich viele Menschen so verhalten, wird sich der Wechselkurs so anpassen, dass sich die Güterpreise angleichen.

Der „Hamburger-Index“

Eine praktische Überprüfung bietet der „Hamburger-Index“, der die Preise von Hamburgern einer großen Schnellrestaurantkette in verschiedenen Ländern überprüft. Und siehe da: Die Preise unterscheiden sich zum Teil erheblich. Die Kaufkraftparitätentheorie scheint falsch zu sein.

Doch halt, ganz so einfach geht es nicht. Kaum jemand würde wohl ins Ausland fahren, nur weil dort Hamburger billig sind. Viel sinnvoller ist es, die Theorie nur anhand international handelbarer Güter zu überprüfen. Dazu zählen vor allem Ausrüstungsgüter für Unternehmen, aber gelegentlich auch Verbrauchsgüter: Der „Tanktourismus“ in grenznahen Gebieten liefert hierfür ein Beispiel. Nun passt die Theorie schon besser, aber ihre praktische Prüfung zeigt sehr gemischte Resultate. Die Kaufkraftparitätentheorie alleine kann die Wechselkursbewegungen nicht erklären.

Die praktische Überprüfung lässt Wünsche offen

Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich anstatt Preisen von Gütern die gesamten Handelsströme eines Landes oder eines Währungsraums anzuschauen. Hierbei fällt auf, dass die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten sehr viel mehr Güter und Dienstleistungen importieren als exportieren, was sich in einem sehr hohen Defizit ihrer Leistungsbilanz ausdrückt. Umgekehrt weisen viele Handelspartner der Vereinigten Staaten hohe Überschüsse ihrer Leistungsbilanz aus. Nach einer alten Theorie sollten sich diese Salden im Laufe der Zeit ausgleichen, und zwar durch eine Anpassung der Wechselkurse. Damit die Amerikaner aber mehr exportieren und weniger importieren, müsste der Dollar billiger werden. Nun lässt sich zwar seit einiger Zeit eine Abwertung des Dollar gegenüber dem Euro (und einigen anderen Währungen) feststellen; diese Abwertungen reichen aber bei weitem nicht aus, um das riesige Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz spürbar zu reduzieren. Auch hier wirkt die Theorie nachvollziehbar, aber ihre praktische Überprüfung lässt Wünsche offen.

Irgendwann kamen Ökonomen auf die Idee, dass es nicht ausreicht, sich internationale Güterströme anzusehen. Schließlich wird immer mehr Geld grenzüberschreitend angelegt: Amerikanische Pensionsfonds etwa kaufen deutsche Aktien, asiatische Notenbanken kaufen amerikanische Staatsanleihen. Sollte die Erklärung für Wechselkursbewegungen vielleicht in der Finanzsphäre zu suchen sein? Aus dieser Überlegung entstanden mehrere Ansätze, deren einfachster die sogenannte Zinsparitätentheorie ist.

Das Phänomen der Kursblasen

Sie geht davon aus, dass international ausgerichtete Großanleger die Verzinsungen vergleichbarer Anlagen miteinander vergleichen und ihr Geld dann dort anlegen, wo höhere Renditen locken. Auch diese Theorie lässt sich in der Praxis nicht immer bestätigen, aber abwegig ist sie nicht.

Nachdem die bisher angeführten Theorien Wünsche offen ließen, suchten die Ökonomen in den achtziger Jahren nach weiteren Erklärungen. Dabei stießen sie auf das Phänomen der Kursblasen. Ihre Ursache bildet der Herdentrieb der Anleger, der in Phasen der Gier die Kurse außerordentlich stark steigen lässt und in Phasen der Angst zu schlimmen Kurseinbrüchen führt. Der Boom und der Crash der „new economy“ liefern ein Beispiel für den Aktienmarkt. Auch an den Devisenmärkten hat es solche Kursblasen gegeben, ihre frühzeitige Identifikation scheitert jedoch an einer Erkenntnis des früheren EZB-Chefvolkswirts Otmar Issing: „Eine Blase erkennt man erst dann, wenn sie platzt.“

Technische Modelle funktionieren gar nicht schlecht

Für kurzfristige Prognosen verwenden Analysten in Banken und anderen großen Finanzhäusern heute technische Modelle, die in der Regel auf keinen Theorien beruhen, sondern in der Untersuchung vergangener Kurse Muster erkennen wollen, die in der Zukunft wiederkehren könnten. Die Annahme, künftige Kurse ließen sich aus vergangenen Kursen erklären, steht zwar im Widerspruch zu verbreiteten ökonomischen Theorien, doch scheint es, als funktionierten manche technischen Modelle gar nicht so schlecht, auch wenn sie keine erfolgreiche Prognose garantieren.

Trotz zahlreicher Theorien und Analysen bleibt die Erklärung von Bewegungen der Wechselkurse eine ziemlich unbefriedigende Angelegenheit.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.10.2007, Nr. 41 / Seite 58
Bildmaterial: AP

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 4.861,63 -6,49
TecDax 553,00 -5,63
DowJones 8.577,91 -7,87
Nasdaq 1.628,33 -8,47
STOXX 50 2.578,06 -6,48
Nikkei 225 9.547,47 +1,06
S&P 500 Zert. 9,83 -2,58
Euro/Dollar 1,34 -0,94
Bund Future 114,06 +0,13
Gold 846,30 +0,50
Öl 70,31 -8,34
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