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Erklär mit die Welt (69)

Warum verdient dein Papa mehr als meiner?

Von Winand von Petersdorff

10. Oktober 2007 Hübsche, groß gewachsene Söhne von Oberstudienräten haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, gut zu verdienen, als fette, hasenschartige Sprösslinge von arbeitslosen Fliesenlegern.

Studien belegen, dass soziale Herkunft beim Einkommen eine Rolle spielt, das Äußere und die Körpergröße. Das sind drei Kriterien, die mit Arbeitsleistung in der Regel nichts zu tun haben - mit wenigen Ausnahmen: Models sollten keine Hasenscharte haben, Basketballspielern hilft die Größe, und bei Maklern von Landsitzen mag adlige Herkunft manche Eichentür öffnen.

Jungjuristen begehrt wie nie

Im Normalfall aber sollte doch Leistung zählen bei der Entlohnung. Das wünschen sich die Menschen zumindest, und das entspricht auch der klassischen ökonomischen Theorie. Die stellt erst einmal die These auf, dass der Arbeitsmarkt im Prinzip den gleichen Regeln folgt wie die Märkte für Jeans, MP3-Player und Parfüms. Da bestimmt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage den Preis. Auf dem Arbeitsmarkt heißt der Preis Lohn.

Die Anbieter sind die Arbeitnehmer, die ihre Arbeitskraft gegen einen bestimmten Lohn zur Verfügung stellen. Die Einkäufer sind die Unternehmen, die die geforderten Löhne entweder akzeptieren oder nicht.

Genau wie auf den Gütermärkten treibt Begehrtheit den Preis nach oben. Rare und zugleich nützliche Qualifikationen werden deutlich höher entgolten als Allerweltsfertigkeiten. Zur Zeit sind Jungjuristen mit vorzüglichem Examen so begehrt wie nie. Sie können bei den ersten Adressen mit einem Anfängergehalt von 100.000 Euro rechnen. Unqualifizierte Arbeitslose über 55 Jahre können ungefähr mit einem Achtel kalkulieren.

Lohn als Äquivalent der Nützlichkeit

Ökonomen haben sich auch Gedanken über die Grenzen der Zahlungsbereitschaft der Arbeitgeber gemacht. Theoretisch müssten die Unternehmen kalkulieren, wie hoch der Zusatzertrag der Neueinstellung ist. Diese Summe ist die Obergrenze dessen, was ein Arbeitnehmer herausschlagen kann in der Wirtschaftswelt, in der alle Informationen verfügbar und die Märkte flexibel sind.

In dieser Welt wäre der Lohn das Äquivalent der Nützlichkeit. Und die Eingangsfrage wäre dann so zu beantworten: Dein Papa verdient mehr Geld als meiner, weil dein Papa seinem Arbeitgeber mehr Erträge beschert als meiner. Der häufige Gebrauch des Konjunktivs in diesem Text lässt den Leser ahnen, dass die Wirklichkeit komplizierter ist. An dieser Stelle betreten die Vertreter der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände die Szenerie. Sie versuchen, die individuelle Lohnverhandlung und Lohnfindung zu unterbinden.

Die Macht der Gewerkschaft

Für einen großen Teil der Arbeitnehmerschaft wird die Entlohnung in Tarifgesprächen ausgehandelt. Diese Löhne sind dann Ausdruck der Machtverhältnisse der Organisationen, ihrer wirtschaftlichen Vernunft und ihrer Kompromissfähigkeit. Gewerkschaften mit hohem Organisationsgrad bringen reichlich Drohpotential in die Gespräche. Sie können durch Streiks eine ganze Branche lahmlegen und den Unternehmen das Geschäft verderben. Hilflos sind die Unternehmen aber nicht. Sie können Fabriken verlagern, wenn die Kalkulationen aus ihrer Sicht zu ungünstig werden.

Die neue Antwort auf die Eingangsfrage lautet: Dein Papa verdient mehr Geld als meiner, weil er in einer Branche mit starker Gewerkschaft arbeitet. Deiner ist Facharbeiter in der Metallindustrie und meiner ist zum Beispiel Kellner.

Von allgemeinem Interesse ist, wie die hingebungsvolle Berichterstattung zeigt, die Entlohnung der hohen Führungskräfte. Die unterliegen keinem Tarifvertrag. Sie handeln ihre Verträge individuell mit ihren Arbeitgebern aus, so dass eigentlich hier die klassische Theorie zum Zuge kommen könnte: Gehalt als Ausdruck der Knappheit und als Leistungsäquivalent.

Der Kampf der Topmanager

Erklärt das aber wirklich, dass die Gehälter der Topmanager überproportional gewachsen sind? Vorstände werden deutlich schneller gefeuert als früher, weshalb sie womöglich nachdrücklicher und dreister um hohes Entgelt kämpfen. Das beantwortet aber noch nicht die Frage, warum die Arbeitgeber darauf eingehen. Aufsichtsräte, die mit den Vorständen über Gehalt reden, werden sich nachgiebig zeigen, wenn sie keine oder nur wenige Aktien des Unternehmens haben. Sie kämpfen für das Geld anderer Leute gegen einen Gegner, der für sein eigenes Geld kämpft. Keine Frage, wer der Leidenschaftlichere ist in diesem Disput. Noch ein Verdacht wird durch Studien erhärtet: Vorständen, die in anderen Unternehmen als Aufsichtsräte agieren, sind großzügig gegenüber den Vorständen, weil sie selbst großzügig behandelt werden wollen. Allerdings scheint auch die umgekehrte Verhaltensweise plausibel. Schlecht bezahlte Vorstände knausern in ihrer Rolle als Aufsichtsräte.

Beflügelt werden die Einkommen in Branchen, in denen Dienstleistungen durch Provisionen entgolten werden: Investmentbanking, Vermögensverwaltung, Private Equity zum Beispiel. Große Deals machen die unmittelbar beteiligten Einfädler reich. Damit andere ehrgeizige Manager des Dienstleisters Missgunst und Neid bezähmen, steigt ihr Gehalt tendenziell.

Einkommensklasse Superstar

Eine eigene Einkommensklasse bilden die Superstars. Dein Papa verdient mehr als meiner, wenn er zum Beispiel Ronaldinho heißt. Ronaldinho kommt auf 31 Millionen Euro im Jahr. Der Durchschnittsarbeitnehmer mit Vollzeitjob bekommt in Deutschland ungefähr 40.000 Euro im Jahr.

Ronaldinho und Herr Durchschnitt sind beide Angestellte: Ronaldinho vom Fußballclub Barcelona, Herr Durchschnitt bei einer ganz normalen Firma.

Dass Ronaldinho deutlich mehr arbeitet als der normale Arbeitnehmer, ist nicht gewiss. Er hat zwei bis drei Stunden Training am Tag, dann ein bis zwei Spiele in der Woche, und hinzu kommen noch Werbeveranstaltungen für Unternehmen wie Nike. Unwahrscheinlich, dass der Brasilianer mehr als die üblichen 40 Stunden in der Woche arbeitet. Und trotzdem verdient er Millionen. Warum sind die Arbeitgeber und Geschäftspartner bereit, mal mehrere Millionen auszugeben, mal 40.000 und mal gar nichts? Ökonomen würden kühl sagen: Das Gehalt von Ronaldinho ist angemessen, solange der zusätzliche Nutzen, den er stiftet, noch darüber liegt. Mit anderen Worten: Gewinnt seine Mannschaft dank seiner Spielkunst die Champions League und verkauft viele Fan-Artikel, dann verdient der Club viel, viel Geld - viel mehr Geld, als der Brasilianer kostet.

Keiner kennt Herrn Durchschnitt

Allerdings: Vorhersagen können die Clubs das natürlich nicht. Und mancher Weltstar, wie Ronaldinho zurzeit, spielt auch mal länger schlecht. Dann bleibt zu hoffen, dass trotzdem viele Zuschauer seinetwegen ins Stadion kommen oder seine Trikots kaufen. Der entscheidende Unterschied zwischen Herrn Durchschnitt und Ronaldinho liegt in der Mischung aus globaler Bekanntheit und Beliebtheit.

Keiner kennt Herrn Durchschnitt. Aber fast alle kennen den Spieler mit der Zahnlücke. Die Bekanntheit verdankt Ronaldinho nicht nur seiner Spielkunst, sondern auch dem Fernsehen. In vielen Ländern wollen Leute Spiele mit ihm sehen, seine Trikots kaufen. Das ist super für die Sportartikelfirma, die Fußballschuhe in seinem Namen auf der ganzen Welt verkauft und damit etliche Millionen einnimmt.

Es könnte also sein, dass 31 Millionen Euro ein angemessener Lohn sind, weil Ronaldinho seinem Club und seinen Geschäftspartnern mindestens so viel Geld einbringt. Er bringt eine global akzeptierte Spitzenleistung.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.10.2007, Nr. 40 / Seite 72
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z./Dieter Rüchel

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