Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (67)

Warum gibt es nur so wenige Kinder?

Von Ulrich van Suntum

27. September 2007 Im vergangenen Jahr sind in Ost- und Westdeutschland so wenige Kinder geboren worden wie nie zuvor: 672.000. Das ist ein neues Rekordtief. 1990 waren es noch mehr als 900.000, ganz zu schweigen von den fünfziger Jahren. Damals kamen schon allein in Westdeutschland jährlich mehr als 1,1 Millionen Kinder zur Welt.

Um die Bevölkerung langfristig konstant zu halten, wären im Durchschnitt 2,1 Kinder pro Frau notwendig. Dies gelingt jedoch bereits seit 1973 nicht mehr. Inzwischen sind es nur noch 1,33 Kinder je Frau. Das ist auch im internationalen Vergleich sehr wenig. Wenn nichts geschieht, wird die Bevölkerungszahl in Deutschland bis 2050 von 82 Millionen auf weniger als 75 Millionen sinken. Es wird dann doppelt so viele 60-Jährige wie Neugeborene geben. Das hat fatale Folgen vor allem für die sozialen Sicherungssysteme: Immer weniger Beitragszahler müssen immer mehr ältere Menschen finanzieren.

Effekt der Familienpolitik ist gering

Der Geburtenrückgang ist zwar in Deutschland besonders stark, aber er zeigt sich auch in vielen anderen Ländern. Dabei gilt mit wenigen Ausnahmen: Je höher der Lebensstandard ist, desto niedriger ist die Geburtenrate. Während eine Frau in den ärmsten Entwicklungsländern noch 4,8 Kinder gebärt, sind es in den Industrieländern im Durchschnitt nur noch 1,6 Kinder. Man bezeichnet diesen Zusammenhang auch als das demographisch-ökonomische Paradoxon. Ganz am Ende der Skala liegen neben Deutschland auch Italien und Spanien, während Frankreich, Amerika und Irland die bestanderhaltende Rate von 2,1 nur knapp verfehlen.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für die Höhe der Geburtenrate. Sie ist zum Beispiel nachweislich höher bei religiösen Personen. Die Bereitschaft zum Kinderkriegen sinkt andererseits, wenn stark traditionalistische Familienmodelle in Konflikt mit den Anforderungen an eine ökonomisch aufstrebende, moderne Gesellschaft geraten. Auch ein Einfluss der Familienpolitik auf die Geburtenrate ist nachweisbar, aber er scheint geringer zu sein, als viele Politiker glauben. So hat die Einführung des Erziehungsgeldes und der Anrechnung von Erziehungszeiten in der Rentenversicherung im Jahr 1986 nur einen geringen und vor allem nur einen vorübergehenden Effekt auf die Geburtenrate gehabt.

Kinder sind eine Investition der Eltern

Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg erklärt das damit, dass solche Leistungen schon bald als selbstverständlich gelten und dann keine Verhaltensänderung mehr bewirken. Es kann natürlich auch sein, dass die familienpolitischen Instrumente einfach nicht zielgenau oder nicht umfangreich genug gewesen sind.

Der international enge und über mehr als ein Jahrhundert beobachtete negative Zusammenhang zwischen Wohlstand und Geburtenrate lässt allerdings darauf schließen, dass mehr hinter dem Paradoxon steckt. Hier setzt die ökonomische Theorie an, die Kinder ganz nüchtern als eine Art Investition der Eltern betrachtet.

Denn Kinder stiften ihren Erzeugern auf der einen Seite Nutzen, auf der anderen Seite kosten sie Zeit und Geld. Es ist plausibel anzunehmen: Umso weniger Kinder werden geboren, je ungünstiger sich das Verhältnis von Nutzen und Kosten entwickelt. Das klingt kühl, und die wenigsten Eltern werden bewusst solche Berechnungen anstellen. Aber intuitiv und im Durchschnitt spielen ökonomische Aspekte eben doch eine zentrale Rolle, wie die empirischen Zusammenhänge zeigen. Und das ist auch leicht erklärbar.

Ökonomische Nachteile

Es sind im Wesentlichen zwei Zusammenhänge, die den Geburtenrückgang erklären können. Zum einen sind die Kosten für das Aufziehen von Kindern deutlich stärker gestiegen als die Kosten für die meisten Konsumgüter. Es geht dabei nicht nur um die Kosten für Kleidung, Spielzeug und Ausbildung, sondern vor allem um die Opportunitätskosten. Darunter fällt in erster Linie der Einkommensverzicht, den eine Frau leisten muss, wenn sie allein die Kinder erzieht.

Bei hoher Qualifikation kann das Einkommensverluste von 50.000 Euro und mehr pro Jahr bedeuten. Tatsächlich ist die Geburtenziffer von Akademikerinnen mit 0,9 Kindern nur halb so hoch wie jene von Frauen ohne Schulabschluss. Und die vergleichsweise hohe Geburtenrate in der früheren DDR hing auch damit zusammen, dass Kinder dort kaum ökonomische Nachteile mit sich brachten - man bekam sogar leichter eine Wohnung.

Familie für soziale Absicherung überflüssig

Vielleicht noch wichtiger ist ein zweiter Effekt. Früher hatte die Familie eine ganz entscheidende Rolle für die soziale Sicherung. Sie fing die Menschen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Erwerbsunfähigkeit auf, und insbesondere für das Alter waren eigene Kinder überlebensnotwendig. Das ist in vielen Entwicklungsländern noch heute so, während in den Industrieländern ab dem Ende des 19. Jahrhunderts gesetzliche Sozialversicherungen diese Rolle übernahmen.

Damit wurde die Familie für die soziale Absicherung weitgehend überflüssig, der Nutzen eigener Kinder sank. Das wirkte sich auf die Geburtenhäufigkeit aus. Sie begann in Deutschland schon bald nach den Bismarckschen Sozialreformen zu sinken, also lange vor dem "Pillenknick" der sechziger Jahre.

Kinder werden sich wieder kümmern müssen

All dies spiegelt sicher nicht die ganze Wahrheit wider. Andere Gesichtspunkte wie die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung, die Flexibilitätsanforderungen der Wirtschaft und der Wertewandel in der Gesellschaft mögen ebenfalls von Bedeutung sein. Sie lassen sich aber kaum oder nur sehr langsam beeinflussen und sind darum weniger interessant für eine Politik, welche die Geburtenrate steigern möchte. Am aussichtsreichsten erscheint es daher, das Nutzen-Kosten-Verhältnis von Kindern für ihre Eltern wieder zu verbessern.

Ein Anfang ist schon damit gemacht worden, dass die gesetzliche Rentenversicherung ihre früheren Versprechungen nicht mehr einlösen kann. Damit steigt automatisch die Bedeutung privater Vorsorge, wozu neben Kapitalbildung auch eigene Kinder gehören. Es wird wieder stärker darauf ankommen, ihnen eine gute Erziehung und Ausbildung zu geben, damit sie sich später um ihre Eltern kümmern können und auch werden.

Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zahlt sich aus

Das ist zweifellos eine der besten Investitionen, die man für sein Alter tätigen kann. Sie ist vor allem auch denjenigen möglich, die mangels ausreichenden Einkommens nicht viel Erspartes auf die hohe Kante legen können. Es sollte alles dafür getan werden, dass das Bewusstsein für diesen Zusammenhang zunimmt und dass der Zusammenhalt des Solidarverbandes "Familie" gestärkt wird.

Auf der anderen Seite ist es auch sicher richtig, Beruf und Kindererziehung leichter miteinander vereinbar zu machen. Das ist nicht nur eine Aufgabe des Staates, sondern auch der Unternehmen. Flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung, Karriereplanung für Frauen und anderes zahlen sich meist auch betriebswirtschaftlich aus.

Ulrich van Suntum lehrt Volkswirtschaft an der Universität Münster.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.09.2007, Nr. 38 / Seite 58
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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