Erklär mir die Welt (63)

Warum wissen wir so wenig über Wirtschaft?

Um die ökonomische Bildung ist es in Deutschland schlecht bestellt. Vor allem Jugendliche haben große Wissenslücken. Denn im Klassenraum lernt der Nachwuchs nicht, wie die Wirtschaft funktioniert.

Lesermeinungen zum Beitrag

02. September 2007 16:46

Rattenfänger? Lieber gemeinsam unten als unsozial

Carlo Sartorius (sartorius2)

Die Gesellschaft muss sich schon fragen, was sie erreichen möchte. Wenn man mit einem mittelmäßigen Lebensstandard zufrieden ist, ist dagegen nichts einzuwenden. Solange man nicht verreist (bzw. kein Westfernsehen hatte) merkt man ja auch nicht, was sich tut. Dann gibt es übrigens auch keine sozialen Spannungen.

Es wird aber noch eine Weile dauern, einige aufstrebende Gesellschaften von diesen Werten oder einem gemäßigten Wachstum zu überzeugen. In den letzten Jahren läuft für diese nämlich alles "nach Plan". Das Wort "Wachstum" hat mich übrigens in einem Microsoft Werbespot überrascht. Das hatte ich lange nicht gehört.

Soziale Probleme wollen doch alle nicht, aber wenn Regulierung etwas mit dem Arbeitsmarkt zu tun hat, ist schwerlich vorstellbar, dass in der BRD Unterregulierung vorliegt und wir mehr Regulierung brauchen. Politische Untätigkeit vor Schröder bzw. Laffo`s Blockade haben die Arbeitslosigkeit zugelassen.

Den Lebensunterhalt als Konstante zu verstehen ist ebenso falsch wie die Menge der vorhandenen Arbeit als Kuchen zu verstehen, der richtig aufgeteilt werden müsse.
Meine amerikanischen Freunde haben mehrere Jobs um sich zusätzliches leisten zu können. Verhungern würden sie auch mit einem Job nicht.

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02. September 2007 10:51

Vernunft ist wichtiger als Wirtschaft

Rüdiger Heescher (Heescher)

So wie Herr Kraatz schon beschrieb sollte es darum gehen, den Kindern heutzutage beizubringen, wie übrigens auch schon in der Zeit, als noch das Humboldt'sche Bildungsideal etwas in Deutschland gegolten hat, was heute schon nicht mehr der Fall ist, dass die Vernunft an erster Stelle steht und nicht das Denken geprägt ist von Wirtschaftlichkeit. Das Leben besteht nicht aus Wirtschaft und dem ökonomischen Kalkül bis in den persönlichen Bereich. Wirtschaftliches Denken erzeugt nur Egoismus und diesen mit formalen Mechanismen durchzusetzen. Vernunft und Wirtschaft sind zwei Gegensätze, die sich nicht vereinen lassen, wenn es darum geht eine Gesellschaft im humanistischen Sinne zu erzeugen. Sollte irgendwann der Eindruck entstanden sein, dass Wirtschaft etwas mit Vernunft zu tun hat, dann könnten wir genauso gut auch wieder die Sklaverei einführen. Nach ökonomischen Vorstellungen wäre die Sklaverei wohl das vernünftigste um die höchsten Profite zu erzielen. Heutzutage hat klassisches Kaufmanns Denken auch nichts mehr mit Wirtschaft zu tun, denn der Monetarismus als Ideologie ist Wirtschaft.

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01. September 2007 19:00

Keine Wirtschaft in der Schule ?

Robert Schrey (etiterum)

In der Schule geht es nur und ausschließlich um Wirtschaft (ich subsumiere "Politik" mal unter Wirtschaft). Nur wird das nicht in Form der Wirtschaftstheorie verkauft, sondern versteckt, so daß man es nicht sofort merkt. Aber der Zusammenhang ist ganz klar. z.B. Prozentrechnung. Das berührt mindestens zwei Branchen: die Finanzindustrie, die Spirituosen-Industrie. Wie soll ich mein Sparbuch verstehen, ohne zu wissen was ein Prozent ist, oder was bedeutet es, wenn auf einer Alkopop Flasche 5% draufsteht. Das ist doch Wirtschaft ! Weiß gar nicht, was Ihr habt...

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01. September 2007 15:56

@Ernst-Markfried Kraatz (ErnstKraatz)

Andreas Neubert (Citizen_Kane)

"Müll" (so wie sie es nennen) wird aber nicht nur bei Linken, sondern auch im starken Maße von Wirtschaftsliberalen verbreitet.

Das was uns als ökonomisch notwendig und wichtig verkauft wird, spiegelt ja in Wahrheit häufig nur die Interessen einiger kleiner Gruppen wieder. Die Wirtschaftswissenschaften sind halt keine exakte Wissenschaft (wie ich bereits in meinem ersten Posting schrieb) sondern immer Ausdruck von Wertvorstellungen und Interessen. Es ist einfach, wenn sich Menschen nicht gegen ihre eigenen Interessen lenken lassen, sie als wirtschaftlich dumm abzustempeln. In Wahrheit wird hier aber die Wissenschaft mißbraucht, um seine eigenen, egoistischen Interessen durchzusetzen. Deswegen ist wirtschaftswissenschaftliche Bildung der breiten Massen wichtig, damit solche Rattenfänger als das erkannt werden, was sie sind.

Ich finde es erfreulich, dass immer mehr Menschen in diesem Land erkennen dass das, was ihnen als wirtschaftlich vernünftig verkauft wird (Stichwort Reformen) in Wirklichkeit eine Politik zu ihren Lasten ist, damit einige wenige ihre Profite erhöhen können. Deshalb ist Wirtschaftsverständnis wichtiger denn je, um zwischen Eigeninteressen anderer und wirklichen Notwendigkeiten unterscheiden zu können.

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01. September 2007 13:45

Wissen ist Macht,

Ernst-Markfried Kraatz (ErnstKraatz)

aber Unwissende lassen sich von Ideologen leichter manipulieren. Und da liegt der Hund begraben.
Hört man die oft haarsträubenden Ansichten, die insbesondere sozialistisch verbohrte Politiker, Journalisten, Lehrer und Gewerkschafter über die Wirtschaft verbreiten, dann wird schnell klar, warum sie das weitgehend unwidersprochen tun können: weil wirtschaftliches Grundwissen in der Bevölkerung fehlt. Und genau das wollen die Ideologen. In der Schule ebenso wie in Jugendsendungen werden Kinder und Jugendliche mit pseudoökologischem Müll zugequatscht und ökonomische Zusammenhänge gar nicht oder ideologisch verzerrt dargestellt.
Ernst-Markfried Kraatz

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01. September 2007 13:29

wirtschaftliche Grundausbildung fehlt

Jürgen Meyer (juergenmeyer)

Man muß doch gar nicht in den Bereich der Wirtschafts-Theorie gehen, Herr Sartorius, es reicht doch, bei den im Beitrag erwähnten Grundlagen zu bleiben.
Es ist eher zu fragen, welches politische Interesse steckt hinter diesem Mangel? Ist es etwa gewollt, daß ein Angebots/Nachfrage Mechanismus auf dem Arbeitsmarkt verstanden wird? Ist es gewollt, daß die Wirtschaftssubventionen hinterfragt werden können? Ist es gewollt, daß Bankgeschäfte verstanden werden?
Wer ist denn da erfolgreicher Verhinderer?

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01. September 2007 13:00

Gerade VWL sollte auf dem Plan stehen ...

Lars Rölker (Gibsonman)

... denn so wird auch jedem klar, warum die Immobilienkrise in den USA mittel- bis unmittelbare Auswirkungen auch auf die deutsche Wirtschaft und mittlerweile auch Politik hat.

M.M. nach gehört BWL nicht unbedingt auf den Schulplan, aber gerade VWL lehrt den grundlegenden Ablauf unserer Wirtschaft. Darüber hinaus bietet VWL die Möglichkeit, den Inhalt des Mathematik-Unterrichtes (Analysis) praktisch zu vertiefen.

Gruß Gibs

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01. September 2007 12:34

Zustimmung auf ganzer Linie

André Rößner (roessners)

Würde der Kenntnisstand der "Masse" in Fragen der Ökonomie besser, würde das veränderte Wahrnehmen und Denken vermutlich auch andere Wahlergebnisse nach sich ziehen. Die Konsequenz davon liegt auf der Hand. In wessen Interesse könnte es also liegen, die Lehrpläne an dieser und auch vielen anderen Stellen zu ändern, oder besser nicht zu ändern?

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01. September 2007 12:34

Wichtiger Artikel

Ricky Janisch (KingBuzzo1)

Das ist übrigens nicht das einzige, was man an der Schule NICHT lernt. Ok, bei Groß- und Kleinschreibung war ich Kreide holen, das kann man den Lehrern nicht anlasten.

Herr Sartorius, die Freiheit, die Sie meinen:
Führt dazu, daß eine völlig überarbeitete Altenpflegerin paar Groschen bekommt, wovon sie die Hälfte 1/3 dem Vermieter gibt, nur als ein Beispiel von Vielen. Die Folgen waren gestern in der Presse Thema. Der Markt bezahlt, freiheitlich wie er ist, nach teilweise völlig bescheuerten Kriterien, genau wie einer seiner Taktgeber, die Börse, teilweise völlig psycho funktioniert.
Was soll ein enthemmter Markt mit Freiheit zu tun haben?
Einleuchtend und hintergründig können das die Neoliberalisten nicht erklären. Genauso viel wie die Deutsche Demokratische Republik mit Demokratie zu tun hatte, nämlich.

FG

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01. September 2007 12:08

Fehlende Einsicht

Alexander Kunow (kleiner-elch)

Der Beitrag erwähnt schon zurecht, dass sich unsere "Bildungs"politiker (wenn man den davon sprechen kann) zu sehr auf die vermeintlich bessere Allgemeinbildung konzentrieren. Aber wenn man sich einmal gedanken macht woher den Allgemeinbildung kommt, müsste unsere Politik eigentlich ganz anders handelt. Was heute Allgemeinbildung ist, waren früher ganz spezielle Fach- oder Berufsbildungbildungen (z.B. Schreiber im alten Ägypten). Daher gilt es den Schritt zu vollziehen. dass auch Ökonomie Allgemeinbildung wird.

Jedoch hat der Artikel einen kleinen Fehler. Es gibt in Deutschland eine kompetente Ausbildung für Wirtschaftslehrer - Wirtschaftspädagogik. Jedoch gibt es diesen Studiengang nur sehr selten und er ist zu sehr auf berufliche Schulen konzentriert.

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01. September 2007 12:06

Sie sprechen mir von der Seele!

Marc Rieger (rieger74)

Ich koennte noch diverse Anekdoten anfuegen, die die mangelnden Kenntnisse sogar von Abiturienten eindrucksvoll belegen. Der Kern des Problems scheint mir zu sein, dass es in Deutschland generell Kultur geworden ist, Dinge schlecht zu finden, die man nicht versteht. Und sich ueber Dinge, die man schlecht findet, nicht zu informieren. Denn an und fuer sich sollte es auch ohne BWL- oder VWL-Studium einem Lehrer moeglich sein, die Grundlagen der Wirtschaft so zu begreifen, dass er sie seinen Schuelern erklaert. Da die meisten unserer Lehrer (gerade in den relevanten Faechern) aber dieses difuse anti-kapitalstische Gedankengut der 68er in sich tragen, ist ihre Motivation, etwas zu lernen, das sie erst einmal (ohne es verstanden zu haben) ablehnen, sehr gering.
WENN man daher etwas in der Schule lernt, so ist es KapitalismusKRITIK. Aber selbst Marx haette sich darueber gewundert, dass in einer kapitalistischen Welt nur die Kritik an selbiger gelehrt wird, nicht aber wie diese funktioniert. Denn wie kann man kritisieren, was man nicht kennt?
Das Problem findet sich bei anderen "schwierigen" Themen (z.B. Klimawandel) wieder: Kritik geht vor Information. Man schaue nur auf diverse Leserbriefe, selbst in der FAZ, zu solchen Themen...

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01. September 2007 11:53

Endlich!

Christoph Ackermann (Ch.Ackermann)

In der Nummer 63 kommt nun endlich der Beitrag, den ich seit Jahren regelmässig in persönlichen Gesprächen aufsage: "In der Schule wurde mir nie vermittelt wie ein Arbeitsplatz entsteht, wie ein zweiter dazu kommt und wie man diese beiden erhält!"

Moralisiert wurde, das ist klar! Schlaue Sprüche von Lehrern gemacht, die selber wahrscheinlich an der Angebots- und Nachfrage-Situation im freien Arbeitsmarkt kläglich gescheitert wären und die bis heute nicht zu schätzen wissen, daß es ihr glückliches Schicksal war zum richtigen Zeitpunkt mit dem Studium fertig gewesen zu sein. Junge Kollegen danach, die in der Lage waren den Unterricht anschaulicher und attraktiver zu machen, saßen nämlich später kommend auf der Straße.

Wie sollen und können diese Lehrkörper in der Lage sein der nachwachsenden Menschheit beizubringen, daß ein Arbeitsplatz nicht auf den Bäumen wächst? Das Geld für die berufliche Aktivität nur dann fliesst, wenn auch jemand da ist der diese Aktivität will und kauft. Dieser Erfahrungs- horizont ist allein schon durch die Verbeamtung erheblich eingeschränkt und mindert die Lehrkompetenz.

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01. September 2007 11:48

Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt

Paul Schächterle (paulimausi)

Herr Sartorius preist die "Erkenntnis", daß Angebot und Nachfrage auch auf dem Arbeitsmarkt den Preis bestimme und schlußfolgert, daß deswegen Arbeitslosigkeit eine Folge "zu hoher" Löhne sei.

Das ist eine bei neoklassischen Ökonomen beliebte Schlußfolgerungen. Sie läßt sich jedoch aus keinem Modell ableiten, welches nicht auf völlig abwegigen Annahmen beruht.

Menschen arbeiten in erster Linie, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Fällt der Preis der Arbeitskraft auf dem Markt werden sie nicht weniger Arbeit, sondern mehr Arbeit anbieten. Jedes Kind kann diesen Zusammenhang beschreiben.

Ökonomen nennen ihn gelegentlich "Einkommenseffekt" und verschweigen ihn dann gleich wieder, weil er dem Modell des gleichgewichtigen Marktes widerspricht.

Die Behauptung eines Marktgleichgewichts ist eine Ideologie, die mit Wissen wenig und mit Politik viel zu tun hat. Sie liefert Argumente gegen den Staat und gegen die Gewerkschaften. Sie kann nur leider das Wirtschaftsgeschehen überhaupt nicht erklären, ohne wesentliche Teile einfach auszublenden.

Ich wäre tatsächlich gespannt, was die Schüler dazu sagen würden.

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01. September 2007 11:41

Wirtschaftsstudium für Lehrer

Elli Winter (Jule63)


Sehr geehrte Frau Hoffmann,
sie täuschen Sich in Ihrer Annahme, es gebe kein auf die Schule abgestimmtes Wirtschaftsstudium.
Die Absolventen des Studiengangs "Wirtschaftspädagogik", werden nur leider hierzulande nahezu ausschliesslich an Berufsschulen der Fachrichtung Wirtschafts- und Verwaltung eingestellt und nicht in den allgemeinbildenden Schulen. Das Manko steckt hier in den Lehrplänen, in denen wirtschaftliche Inhalte sträflichst vernachlässigt werden. Wenn dies geändert würde wären sicherlich auch mehr Absolventen der Wirtschaftspädagogik (Diplom-Handelslehrer) bereit an allgemeinbildenden Schulen zu unterrichten - vorausgestzt die Bürokratie würde hier nicht auch noch einen Riegel vorschieben.
Viele Grüße
E. Winter

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01. September 2007 11:28

ebenso wichtig...

Sebastian Dahlhaus (diao)

wäre die erkenntnis, dass märkte versagen können und dann reguliert werden müssen.
oder, dass man den arbeitsmarkt nicht mit einem gütermarkt gleichsetzen darf, weil es auf dem arbeitsmarkt nicht um leblose dinge, sondern um menschen geht.
versagt dieser markt ständig, hat das weitreichende folgen für unser gesamtes soziales zusammenleben.

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