Von Catherine Hoffmann
01. September 2007 Soziale Marktwirtschaft? Nie gehört. Globalisierung? Keine Ahnung. Angebot und Nachfrage? Nur ein blasser Schimmer. Wenn es um Ökonomie geht, sind viele Deutsche ratlos. Das wirtschaftliche Wissen, oder besser: Unwissen, gerade vieler Jugendlicher ist erschütternd. Zahlreiche Studien belegen: Es steht schlecht um die Allgemeinbildung in Ökonomie.
Christoph Sczesny und Sigrid Lüdecke fanden mit Hilfe des Wirtschaftskundlichen Bildung-Tests Mitte der neunziger Jahre heraus, dass Jugendliche nicht einmal die Hälfte der Fragen nach Bruttosozialprodukt, Produktivität oder Zahlungsbilanz korrekt beantworten konnten (45 Prozent). Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Reinhold Würth und Hans-Joachim Klein, die Jugendliche in Baden-Württemberg fragten: Wie funktioniert die Wirtschaft? Gymnasiasten schnitten ein wenig besser ab als Haupt- und Realschüler, Jungen besser als Mädchen. Die Befunde belegen, dass das ökonomische Wissen nicht berauschend ist, konstatiert Birgit Weber, Professorin an der Universität Bielefeld.
Ratlos, wenn es um Geld geht
Drei von fünf Jugendlichen im Alter von 14 bis 24 Jahren ist nicht klar, dass die Inflationsrate den durchschnittlichen Anstieg der Verbraucherpreise beziffert. Das zeigt eine Befragung von 755 jungen Menschen im Auftrag des Bankenverbandes. Noch weniger wissen, dass der Preis eines Computers oder Schulhefts davon abhängt, wie viele dieser Güter hergestellt werden und wie sehr sie begehrt sind: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.
Besonders groß ist die Ratlosigkeit in Geld- und Finanzfragen. Prozentrechnung und Zinseszins sind vielen Deutschen ein Buch mit sieben Siegeln. Was ein Aktienfonds ist, wissen noch nicht einmal alle jene, die darin investiert haben. Und wie man seinen persönlichen Rentenanspruch ermittelt und eine solide Altersvorsorge aufbaut, scheint Geheimwissen weniger Spezialisten zu sein.
Wirtschaft fehlt im Lehrplan
Ökonomische Bildung findet in Schulen nur zufällig, nicht systematisch statt, erklärt Hans Kaminski, Professor für Wirtschaftswissenschaften und Didaktik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, den Bildungsnotstand. Bei den Schulplanern der Bundesrepublik steht sie nicht sehr hoch im Kurs. Wirtschaftliches Wissen sollen gefälligst die Unternehmen und die berufsbildenden Schulen vermitteln; die allgemeinbildenden Schulen sind dafür zu fein. Das war bis vor zwanzig Jahren die herrschende Meinung der Lehrplangestalter. Diese Haltung prägt noch heute die Lage.
Wer sich die Entwicklung des abendländischen Fächerkanons ansieht, stellt fest: Ökonomie wurde immer der Berufsbildung zugesprochen. Wilhelm von Humboldt (1767-1835), vermischt mit dem Neuhumanismus und dem deutschen Idealismus, beherrscht die Bildungstheorie bis heute - vor allem im höheren Schulwesen. Sprachen und Naturwissenschaften, Deutsch und Englisch, Physik und Chemie, haben ihren festen Platz im Lehrplan gefunden. Gegen Wirtschaft regt sich Widerstand. Sie passt nicht in die idealistische Vorstellung von Allgemeinbildung, dient sie doch vor allem einem spezifischen Zweck: dem Geldverdienen.
In der Grundschule wird gebastelt
Diese Vorstellung ist noch heute weit verbreitet und trifft in einer Gesellschaft auf fruchtbaren Boden, in der die Akzeptanz marktwirtschaftlicher Systeme von Umfrage zu Umfrage fällt. Und in der es heißt: Über Geld spricht man nicht, das hat man. Nur: Woher soll das Kapital kommen, wenn der Nachwuchs die wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht versteht? Wie sollen Jugendliche eine Gesellschaft begreifen, in der ökonomische Gedanken großen Einfluss haben? Und wie sollen sie mit der wachsenden Entscheidungsfreiheit und dem zunehmenden Angebot an Waren, Dienstleistungen und Berufswegen klarkommen?
Schüler müssen schon Glück haben, damit ihnen Theorie und Praxis der Wirtschaft nähergebracht werden. In der Grundschule gibt es Sachunterricht. Da geht es um die ökologischen Folgen des Konsums und die manipulative Kraft der Werbung. Konsumkritisches Basteln nennt die Soziologin Weber das verächtlich. Es ist möglich, dass Kinder einiges über Wirtschaft lernen, aber nicht zwangsläufig.
Lehrer studieren die Ökonomie nicht
In der Mittelstufe wird es nicht viel besser. Da wird im Fach Arbeitslehre an Haupt- und Realschulen etwa die Kosten-Nutzen-Analyse für den Bau von Werkstücken gelehrt oder erklärt, wie Familien mit ihrem Einkommen haushalten sollen. Geldanlage spielt dabei jedoch keine Rolle. Und wie Schüler die Wirkungsmechanismen der Wirtschaft durchschauen können, das lernen sie dort auch nicht. Der Sozialkundelehrer auf dem Gymnasium versucht zwar, die Marktwirtschaft zu erklären, tut sich damit aber oftmals schwer.
Lehrer haben keine Möglichkeit, ökonomische Bildung systematisch an der Universität zu studieren. Für Physik, Chemie, Deutsch und Englisch gibt es eigene Studiengänge, für Ökonomie nicht. Angehende Lehrer gehen in VWL- oder BWL-Vorlesungen und lernen dort nur jeden dritten Spiegelstrich. Die Lehrerausbildung steckt in einem typisch deutschen Dilemma: Ohne ein eigenständiges Fach Wirtschaft in der Schule gibt es keine vernünftige Ausbildung. Und ohne ein auf die Schule abgestimmtes Wirtschaftsstudium keinen guten Unterricht.
Schüler wollen mehr Wirtschaft im Unterricht
Wer wissen will, was soziale Verantwortung von Unternehmern bedeutet und welche Irrwege Märkte nehmen können, der braucht engagierte Eltern, einen guten Arbeitgeber oder viel Eigeninitiative. Oder er bleibt dumm.
Immerhin: Jugendlichen ist dieses Manko bewusst. In der aktuellen Jugendstudie des Bankenverbandes wünschen sich 80 Prozent der Befragten mehr Wirtschaft im Unterricht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.08.2007, Nr. 34 / Seite 46
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, F.A.Z.
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