Erklär mir die Welt

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Erklär mir die Welt (94)

Warum ist es nicht schlimm, dass es immer mehr Menschen gibt?

Von Thomas Straubhaar

29. März 2008 Apokalyptische Szenarien werden bemüht, um die Bevölkerungsfrage zum großen Menschheitsproblem des 21. Jahrhunderts zu machen. Für Maurice Allais, den französischen Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1988, ist "die Explosion der Bevölkerung" gar "gefährlicher als die Bombe". Wird der Mensch zur Plage? Ist eine Hungerkatastrophe unausweichlich, wie andere Auguren besorgt fragen? Sie verweisen darauf, dass die Bevölkerung in Asien, Lateinamerika und Afrika weiterhin rasch wächst. Gegenwärtig leben rund 6,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Im Jahr 2025 dürften es knapp 8 Milliarden und 2050 gut 9 Milliarden sein - rund 40 Prozent mehr als heute. Und daran ist kaum mehr viel zu ändern. Denn die vielen Mädchen von heute sind die vielen Mütter von morgen.

Die größte Bevölkerungszunahme ist in den weniger entwickelten Ländern der Welt zu erwarten. Demgegenüber wächst die Bevölkerung in den entwickelten OECD-Ländern kaum mehr. In Europa schrumpft sie sogar, besonders stark in Osteuropa. Entsprechend wird der Anteil Europas an der Weltbevölkerung von heute noch 9 Prozent auf 6 Prozent im Jahre 2050 sinken - etwa die Hälfte dessen, was Europa Mitte des 20. Jahrhunderts erreicht hatte.

Die selbsternannte Erben des Robert Malthus

Bei so einem raschen Wachstum der Weltbevölkerung sehen Pessimisten einen ökologischen Kollaps auf die Erde zukommen. CO2-Ausstoß, Erderwärmung, saurer Regen, Smog, Treibhauseffekt, Abbau der Regenwälder und die Artenzerstörung in Flora und Fauna: Sie alle hätten das rasche Bevölkerungswachstum zur Ursache.

Die Pessimisten sehen sich als selbsternannte Erben des großen Thomas Robert Malthus. Dessen Gesetz lautet: Das Bevölkerungswachstum ist die Wurzel allen menschlichen Elends. Es frisst die Früchte des Wirtschaftswachstums. Weil die Bevölkerung schneller wächst als die agrarische Produktion, kommt es zu Hungersnöten, Massenarmut und Kriegen um die begrenzten Nahrungsmittel. Viele Menschen sterben. Das Wachstum der Bevölkerung wird gebremst. Eine dauerhafte Verbesserung des durchschnittlichen Lebensstandards lässt sich somit nur über ein verringertes Bevölkerungswachstum erreichen.

Das Malthusianische Bevölkerungsgesetz findet sich heute in dem Argument wieder, dass das rasche Bevölkerungswachstum eines der wichtigsten Hemmnisse für die Entwicklung von Afrikas Wirtschaft sei. Die afrikanische Bevölkerung wächst immer noch jährlich um 2,4 Prozent. Entsprechend verlangsamen sich das Wachstum der Pro-Kopf-Einkommen und der Fortschritt der allgemeinen Lebensbedingungen.

Die Geschichte hat Malthus widerlegt

Doch die Geschichte der letzten 200 Jahre hat das pessimistische Bevölkerungsprinzip von Malthus für die Industrieländer schlagkräftig widerlegt. Bevölkerungswachstum und Wirtschaftswachstum gingen Hand in Hand. Malthus und seine Jünger haben die treibende Dynamik des technischen Fortschritts unterschätzt. Oft wurde das Bevölkerungswachstum sogar zum Auslöser für technische Neuerungen, gerade in der Landwirtschaft.

Optimisten verweisen darauf, dass die Erde kein geschlossenes System ist. Sie ist kein Raumschiff, dessen Ressourcen begrenzt sind und eines Tages aufgezehrt sein werden. Vielmehr fließt der Erde ständig Energie zu, und zwar in Form von Sonnenstrahlen. Diese zusätzliche Energie kann auch genutzt werden, um zusätzliche Menschen zu versorgen. Und die erschöpfbaren Rohstoffe werden durch erneuerbare ersetzt. Technisch ist das heute schon machbar. Wann dieser Ersatz verwendet wird, ist hauptsächlich eine Frage der Preise. Und die werden steigen, denn Rohstoffe werden teuer, wenn sie knapp werden - zum Beispiel, weil die Bevölkerung wächst.

Dann werden die Menschen ihr Verhalten ändern, denn dann wird sich das für sie lohnen. Sie werden weniger Rohstoffe verschwenden. Ölförderer werden bestehende Öllager besser ausbeuten und Lager mit höheren Förderkosten erschließen. Wertstoffe werden gewissenhafter getrennt, und Recycling-Firmen investieren, um aus Abfällen mehr Rohstoffe zurückzugewinnen.

Je knapper die Dinge, um so entschlossener die Suche nach weiteren Quellen

Darum schafft das Bevölkerungswachstum keine unlösbaren Probleme. Es beschleunigt lediglich den technischen Fortschritt - und es erhöht den Druck, Politik und Gesellschaft so zu verändern, dass Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum umweltschonend ablaufen.

Doch diese Herausforderung ist für die Menschheit nicht neu. Seit der Vertreibung aus dem Paradies ist es für die mehr oder weniger stark wachsende Weltbevölkerung immer darum gegangen, der Natur die Lebensgrundlagen abzuringen. Und über die vielen Jahrtausende hat die Menschheit diese Aufgabe mit Bravour gemeistert. Sicher: Es gab Hungersnöte und Versorgungskrisen. Es gab Zeiten, in denen das Angebot nicht ausreichte und die Preise stiegen. Gerade dieser Mangel war aber für einige Menschen Anlass, nach neuen Ressourcen und neuen Ideen zu suchen.

Deshalb haben Knappheit und Mangel nicht zum Ende der Menschheit geführt. Ja, sie haben nicht einmal eine Grenze für das Wachstum gesetzt. Im Gegenteil: Je knapper einige Dinge wurden, um so mutiger, risikofreudiger und entschlossener suchten die Menschen nach weiteren Quellen - und um so attraktiver wurde es, diese Dinge zu ersetzen, wiederzuverwenden oder weniger davon zu verwenden. Menschen brachen zu neuen Ufern auf und entdeckten ferne Welten. Kunststoffe ersetzten Rohstoffe. Erneuerbare Energien traten an Stelle fossiler Brennstoffe. Kleiner wurde feiner. Elektronische Post verdrängt den Brief. So gesehen lässt sich die Geschichte der Menschheit als erfolgreicher Kampf gegen die immer wiederkehrende und immer wieder vorübergehende Knappheit der Ressourcen schreiben.

Wenig Grund zur Angst

Die Pessimisten haben recht, wenn sie sagen, es könne in Zukunft auch anders kommen. Aber wie plausibel ist diese Prognose? Wenn die Zukunft nur einigermaßen so verläuft wie die Vergangenheit, gibt es wenig Grund zur Angst.

Der Nobelpreisträger Robert Solow hat schon 1973 deutlich gemacht: Die Annahme, dass die Menschen ihre Technik in Zukunft weiter verbessern werden, ist nicht mehr als das: eine Annahme. Niemand kann sicher sein, ob der technische Fortschritt auch tatsächlich eintritt. Aber zu erwarten, dass er in Zukunft ausbleibt, ist ebenfalls eine Annahme. Und sie ist mit Blick auf die Vergangenheit viel weniger wahrscheinlich.

Warum also sollte die Wirtschaftsgeschichte plötzlich ihre Richtung ändern? Wieso sollte der Menschheit gerade jetzt nichts mehr einfallen, wenn sie so schnell wächst?

Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 52
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, F.A.Z.

 
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