
Immer wieder wird in den Medien und in der Öffentlichkeit behauptet, dass es eine Kostenexplosion im Gesundheitswesen gibt. Leider ist diese Behauptung schlichtweg falsch! Inflation gibt es in allen Bereichen und niemand käme auf die Idee, von einer Kostenexplosion zu sprechen. Entscheidend ist der Anteil der Kosten am Bruttoinlandsprodukt. Und hier liegt der Anteil der GKV-Ausgaben konstant seit über 25 Jahren bei 6- 6,5 %! (Quelle: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/datensammlung/6/abb/abbVI23.pdf). Lediglich im Arzneimittelbereich gibt es eine überproportionale Ausgabensteigerung in den letzten 10 Jahren, ebenso wie im Bereich der Verwaltungsausgaben.
(Quelle: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/datensammlung/6/abb/abbVI24b.pdf).
Das Problem liegt vielmehr auf der Einnahmeseite (immer weniger sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse durch Arbeitslosigkeit, Minijob).
Schade auch, dass die Autorin die Zusammenhänge des (zugegebenermaßen nur schwer durchschaubaren) Gesundheitssystems nicht verstanden hat. Die Krankenkassen zahlen an die niedergelassenen Ärzte über die KV einen festen Geldbetrag "mit befreiender Wirkung". Diese können dann behandeln so viel sie wollen, sie bekommen dadurch keinen Cent mehr!

Leider erwähnt der Artikel mit keinem Wort, daß die Direktabrechnung bereits seit 2004 jedem Kassenmitglied offensteht. Jeder Patient kann sich für Transparenz entscheiden und über eine Rechnung mit dem Arzt direkt abrechnen und sich das Geld (bzw. den "Kassensatz") von der Kasse erstatten lassen. Dann wird offensichtlich wieviel (oder wie wenig) eine Arztrechnung im Vergleich zu einer Handwerkerrechnung nun wirklich kostet - und wie wenig sie den Kassen wert ist.
Auch mit keinem Wort erwähnt wird der Umstand, daß sich das deutsche Kassensystem den weltweit höchsten Bürokratisierungsgrad leistet. Im Vergleich zu Frankreich z.B. haben wir dreimal so viele Kassenmitarbeiter.
Auch übergangen wird der "Wirkungsgrad" des Kassensystems - wieviel von dem eingezahlten Geld wirklich beim Leistungserbringer ankommt und wieviele Bürokraten miternährt werden. Allein durch den neu einzuführenden Gesundheitsfonds sollen bis zu 15% der Beiträge aufgefressen werden.
Auch für die e-card werden Milliarden Euro ausgegeben, die in der Patientenversorgung fehlen. Ein Nutzen für den Patienten ist alles andere als erwiesen, für die Ärzte ist es nur teuer, aber die Informationen die die Krankenkassen und die Medizinindustrie gewinnen...

Eine Versicherung soll die großen (finanziellen) Risiken abdecken, nicht die Kosten der normalen Lebenshaltung abdecken. Bei der Krankenversicherung verschwimmen die Grenzen. Deshalb ist es so schwer, von den Marktgesetzen auch im Gesundheitsmarkt zu profitieren. Die Selbstbeteiligung in der privaten Krankenversicherung zeigt aber, wie das geht. Die Grenzen zwischen Lebenshaltung und großem Risiko werden durch die Selbstbeteiligung festgelegt. Die hohen Einsparungsmöglichkeiten durch Vereinbarung einer Selbstbeteiligung zeigen, dass das gut funktioniert. Und die Selbstbeteiligung ist auf die gesetzliche Krankenversicherung übertragbar, man sollte nur mutiger sein und über die Rezeptgebühr und die Zuzahlung bei Hilfsmitteln hinausgehen!

Ihr Kommentar ist für den einzelnen Arzt richtig, allgemein betrachtet ist anzumerken, dass es sehr wohl etwas ausmacht wie oft ein PAtient zu Ihnen kommt, denn wenn Sie einen Zeittag nur einen Patienten behandeln, muss die Versichtertengemeinschaft weitere Ärzte bezahlen oder die Kranken müssen auf Versorgung warten, was gesundheitlich und volkswirtschaftlich zweifelhaft ist.
Aber an dieser Krankheit leidet jedes System, jeder denkt nur aus seiner Sicht in die Tiefe, anderer Argumente werden schnell oberflächlich abgeurteilt.

Auf die Frage wie hoch die Arztkosten sind:
Wie hoch sind die Kosten für die Behandlungen? Eine Übersicht mit den abzurechnenden Honorraren dr Ärzte hätte hier eine erheblichen Beitrag geleistet.
Leider gab es wie schon oft nur Text.

Die in dem Artikel angeführten Daten bedeuten eine Teuerung von 3%. Das sollte zumindest vor Panik-Reaktionen in Bezug auf das Gesundheitssystem schützen.
Natürlich muß man sich die Frage stellen, wo etwas eingespart werden kann. Es wäre auch sinnvoll Ärzte besser zu bezahlen und das Abrechnungssystem zu entbürokratisieren.
Eine private Krankenversicherung, so wie sie heute in Deutschland besteht, ist dabei in vielerlei Hinsicht ineffizient. Dort müssen umständlich Gesundheitsrisiken berechnet werden, wo sich der Beitrag in der gesetzlichen Kasse nach dem Einkommen berechnet. Wenn also einige Ökonomen meinen, eine private Gesundheitsversorgung sei besonders effizient, müssten sie dies genauer rechtfertigen.
Viel sinnvoller wäre es m.E., eine Bürgerversicherung einzuführen. Darin könnten die Kassen mit unterschiedlichen Leistungskatalogen und unterschiedlichen Beitragssätzen miteinander konkurrieren. Das wäre eine sinnvollere Konkurrenz als die um die reichsten und gesündesten Patienten, wie sie heute im Rahmen der privaten Versicherung stattfindet.
Innerhalb eines solchen Systems könnten marktwirtschaftliche Elemente eingeführt werden, um die Kosten zu dämpfen ohne den Ärzten das Leben schwer zu machen.

Was haben denn die Gesundheitskosten mit der Häufigkeit von Arztbesuchen zu tun? Bekommt denn ein Arzt mehr, wenn ihn sein Patient häufiger aufsucht?
Zumindest für über 85% der Bürger dieses Landes, nämlich die, die gesetzlich versichert sind, trifft dies nicht zu. Denn ihr Arzt bekommt eine Pauschale, egal ob sie ihn 1x oder 20x im Quartal aufsuchen!

Im deutschen Gesundheitswesen ist die Qualität das Problem. Das deutsche Gesundheitssystem ist im internationalen Vergleich einfach grottenschlecht - und noch schlechter, wenn man die Kosten berücksichtigt.
Warum müssen die Deutschen denn öfter als alle anderen zum Arzt gehen, bis dieser die richtige Diagnose stellt?
Warum ist die Überlebenserwartung nach 6 Monaten nach Behandlungen schwerer Krankheiten in Deutschland denn schlechter als anderswo?
Warum hört man denn von Patienten in Deutschland so oft, daß in einer Behandlung etwas schief gegangen ist - das die Ärzte etwas "verpfuscht" hätten?
Gleichzeitig zahlt die Krankenkasse viel Geld, um Babies im Bauch ihrer Mutter umzubringen - ohne die Betäubung, die das Tierschutzgesetz selbst Schlachtvieh gewährt, obwohl wissenschaftlich erwiesen ist, daß das Baby im Mutterleib schmerzempfindlich ist.
Da ist doch etwas grundsätzlich kaputt. Der riesige Topf Geld, der von den Versicherten eingesammelt wird - 240 Milliarden wurden genannt - und der ohne funktionierende Kontrolle auf den Marktplatz gestellt wird, ist eine zu große Versuchung, als daß sich nicht zahllose daran vergreifen würden.

Nach 4 Jahren Tätigkeit als Arzt im Ausland (England,Schweiz) und einem MBA an einer
Business School in England beschäftige ich mich seit einiger Zeit theoretisch und praktisch mit Kosten im Gesundheitswesen. Deutschland jedoch ist ein sehr spezieller Fall, da zu viele Interessen vertreten werden müssen und es schwierig wird diesen in Deutschland genug zu tun. Was jedoch im Moment im deutschen unkoordiniertem Gesundheitssystem passiert wird wohl zu einem Kollaps führen. Die Qualität der Versorgung sinkt (durch Einsparungen und Überproduktion speziell bei unrentablen Kliniken), durch nur bedingte Koordination des ambulanten Sektors. (Warum stärkt man nicht den Hausarzt, Beispiele in UK und Schweiz zeigen schon seit Jahren, dass die Sprechende Koordinierte Medizin die Qualität verbessert und Kosten spart)
Das Konzept der Focused Factories das auch in Deutschland populärer wird spart nur bedingt Kosten und verbessert die Qualiät. Die USA hat es gezeigt das die Kosten bei Focused factories (Orthopädie,Kardiologie,Augen-ops) bei finanzieller Involvierung der Ärzte ansteigen.
Die Lösungen zu diesen Problemen sind Komplex und die Frage steht im Raum, ob das deutsche System erst Kollabieren muss um einen Systemwechsel zu wagen??

Dr. Philipp Conradi
Hausarzt in Dresden
0351 27 52 457
Es ist zu loben, dass dieser Artikel Fragen nach der Finanzierbarkeit der Gesundheit und unseres Gesundheitswesens stellt. Vieles ist dazu schon gesagt, geschrieben, geschrien, gefordert und eingefordert worden so dass ich meine Antwort bewußt so leise wie möglich halten will.
Es ist wahr, dass die ärztliche Nichtintervention häufig besser ( und billiger) ist als die Übermedikalisierung von Trivial- und Modekrankheiten. Es ist wahr, dass wir Ärzte vielfach ,,Hausaufgabe'' machen müssen wenn es um wirkliche Medizin und nicht um politisch und ideologisch begründete Leitlinientherapie geht.
Folgenender Grundfehler ist dem Artikel jedoch anzulasten. Sebst für mich als
skeptischen Hausarzt ist der Name ,lauterbach' ein rotes Tuch und steht ( ob richtig oder falsch) für falsch verstandenen Staatsinterventionismus. Deshalb bitte nicht diesen guten Mann als erstes und einziges zum Beweis Ihrer Thesen anführen. Medizin ist halt vielschichtiger und bedarf der offenen uneingeschränkten gesellschaftlichen Diskussion darüber, was wir wirklich wollen und können. MFG Philipp Conradi

... die Perversität des Systems durch.
Die Frage, ob ab einem gewissen Alter bestimmte Eingriffe noch gemacht werden sollen steht der Erhöhung des Renteneintrittsalters gegenüber.
Zynisch betrachtet legen die Politiker und die Lobbyisten fest, dass bis zum "Verrecken "gearbeitet wird. Sprich: Wer nicht mehr funktioniert kommt auf den Müll.
Wer entscheidet, wann, für wen und welche Eingriffe sinnvoll sind oder nicht ??

Zu Hr. Kahmann: kleine Korrektur, im alten China bezahlten die Patienten, die Gesund wurden. Im Klartext, es wurde ein Erfolgshonorar gezahlt.
Ein Arzt kann (im gesetzlichen Kassensystem) sein Honorar nur auf Kosten seiner Kollegen über den genannten Mechanismus steigern. Die Kosten der Kasse bleiben gleich.
Zu Thema steigende Behandlungskosten werden die berechtigten Gründe angezweifelt; von Politikern (=allgemeine Lobbyisten) und Wissenschaftlern (=spezifische Lobbyisten) und dann noch Hr. Lauterbach. Zahlt der eigentlich eine Journalisten Prämien um immer wieder zitiert zu werden?
Nachgewiesenerweise nehmen Erkrankungen im Alter zu. Zudem sind ältere Menschen zumeist polymorbid (=mit mehreren Krankheiten belastet). Das die letzten Lebenjahre die Teuersten bleiben werden bleibt meinerseits unwidersprochen, aber auch die Jahre davor werden teurer. Und die teuren Jahre werden häufiger in der Gesellschaft, da diese ebenfalls altert.

Was soll das heissen? Soll es die Aufgabe einer weitgehenden Zwangsversicherung sein, das zu zahlen, worauf "viele Wert legen"???
Oder ist eine Versicherung etwas, das im Falle der "Notlage" und der dadurch hervorgerufenen individuellen finanziellen Überforderung eintritt???
Das sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Definitionen,
die ganz unterschiedliche Kosten bedeuten.
Suggeriert wird dass "die Krankenkasse" zahlt.
Und damit geht der Selbstbedienungswettlauf los.
Motto: Wenn ich schon so viel zahlen MUSS,
dann bedien ich mich auch, wo immer es nur geht.
Und für eine nicht kleine Zahl von Menschen ist es immer noch eine "lukrativere" Beschäftigung ihre Cleverness bei der "Nutzung" der "Systeme" einzusetzen, als bei der Erfüffung Ihres Jobs.
Die falschen Anreizsysteme haben wir.
Aüsserst clever wird die Neiddiskussion betrieben, die wiederum die falschen Mentalitäten fördert. Syptome einer satturierten "reifen" Gesellschaft, die - ach wie überraschend! - mit aufstrebenden, noch "hungrigen" Gesellschaften in einer globalisierten Welt konkuriert. Derjenige gewinnt das Spiel, der NICHT jeden Gewinn in guten Jahren gleich "verfrühstückt", sondern der, der langfristig auch an magere Jahre denkt.

Tatsache ist, dass das Gesundheitswesen auf einem schwachen Fundament ruht: es ist nämlich die Krankheit, die immer teurer wird. Dies liegt aus ökonomischer Sicht u.a. daran, dass es massive Anreize hierfür gibt. Krankenhäuser, Ärzte, die Pharmaindustrie und die Verwaltung, kurz alle Beteiligten, profitieren von „mehr Krankheit“ und nicht von der Gesundheit. Die Forderungen nach mehr „freiem Markt“ oder mehr staatlicher Regulierung ist dann auch kein Ausweg. Im Kern brauchen wir ein anreizkompatibles Gesundheitsbewusstsein und eine damit auch eine kompatible Medizin, die sich nicht dogmatisch auf das Reparaturprinzip und damit auf die Krankheit festlegt. Im alten China wurden beispielsweise die Ärzte nur von den Gesunden bezahlt, die Kranken mussten nichts bezahlen. Auf Basis dieses Anreizsystems wurde eine ganz andere Medizin entwickelt, die vor allem auf eine angemessene Ernährung Wert legt und erst nach einer Ernährungsumstellung mit Naturheilmitteln und schließlich Akupunktur etc. behandelnd eingriff. Das Bewusstsein des Individuums, dass es biologische Selbstheilungskräfte zu stimulieren gilt war in gewisser Weise so viel ausgeprägter. Ein beeindruckendes Beispiel für die Wirkung der Anreizkompatibilität.

Ein FOCUS - Artikel ( Krebs-Ärzte ) zeigt es deutlich: Es ist ausgesprochen schwierig, den "richtigen" Arzt zu finden, den nämlich, der nach den erfolgversprechendsten Methoden arbeitet. Denn diese sind die "billigsten". Und die Qualitätsunterschiede zwischen den Kliniken sind ENORM, aber für den Laien INTRANSPARENT. Stattdessen werden "Nettigkeiten" der Ärzte und des Personals von Patienten als Qualitätskriterium harangezogen. Das gilt nicht nur für Krebskliniken, das gilt für den Praktiker im Dorf genauso. Jede Uniklink lebt von den jahrelang auf dem Dorf vom sympathischen Lieblingsdoktor verkorksten Patienten ... diejenigen die "gleich" und unnötigerweise auf dem Friedhof landen ...