Erklär mir die Welt

Alle Beiträge Aktuellster Beitrag Beitragsdatum bis

Erklär mir die Welt (53)

Warum sind Wirtschaftsprognosen oft falsch?

Von Hans D. Barbier

22. Juni 2007 Das ärgerliche an Prognosen ist, dass sie von der Zukunft handeln. Wer sich auf eine Fachtagung der Ökonomen verirrt, der muss nicht lange warten, bis ihm dieser Kalauer in einer Vortragspause gesprächsweise serviert wird. Und man sollte nach dem ersten Stutzen den kabarettistisch aufbereiteten Erkenntnisgehalt dieses Spruchs nicht unterschätzen. In der Tat: Es ist eines, das Ergebnis eines gut dokumentierten Wirtschaftsprozesses im Nachhin-ein zu erklären. Und es ist ein anderes, einigermaßen zutreffend zu schätzen, wie sich Produktion und Preise, Arbeitsstunden und Löhne, Wachstumsrate und Einkommensverteilung entwickeln.

Gute Ökonomen sind bescheiden. Sie wissen, wie schwierig solche Schätzungen sind. Sie betrachten ihre Theorien nicht als Guckkästen in die Zukunft. Sondern sie sehen darin die stets verbesserungsbedürftigen Hilfsmittel für die - wie sie es nennen - „nachträgliche Vorhersage“: Erst wenn eine Theorie die bekannte Gegenwart aus der dokumentierten Vergangenheit erklären kann, dürfen sich Wissenschaftler und Berater ermutigt fühlen, diese Theorie auch für den Versuch einer Prognose oder einer wirtschaftspolitischen Empfehlung zu erproben.

„Wettbewerb der Prognosen“

Das ist ja der eigentliche Grund, warum gute Ökonomen die Freiheit so schätzen, den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren empfehlen und die Marktwirtschaft für die beste Form des Wirtschaftens halten: weil sie wissen, dass sich jeder einzelne Mensch nur schwer ein zutreffendes Bild von der Zukunft machen kann. Daher empfehlen sie den „Wettbewerb der Prognosen“ nicht nur, wenn sie in der wirtschaftspolitischen Beratung Konjunktur und Wachstum vorhersagen wollen. Sondern als durchgängiges Prinzip des Wirtschaftens - und des menschlichen Handelns überhaupt.

Jeder Bankier, jeder Unternehmensberater, jeder Arbeitnehmer - jeder Mensch, der eigenverantwortlich handelt, ist ein Prognostiker. Er macht sich sein Bild von der Zukunft. Er stellt sich und seine Pläne in dieses Bild hinein, dann trifft er seine Entscheidung - und er beschließt, etwas zu wagen und etwas anderes zu meiden. So entsteht im Wettbewerb der persönlichen Prognosen und Entscheidungen in jedem Augenblick die Gegenwart als das Ergebnis von vielen unterschiedlichen Versuchen Einzelner, die Zukunft richtig vorherzusagen.

Blick in den Wahrscheinlichkeitsraum der Zukunft

Ökonomen können - Zufallstreffer ausgenommen - die Zukunft nicht auf Bestellung verlässlich vorhersagen. Aber das heißt nicht, sie hätten nichts Brauchbares über Chancen und Risiken zu sagen, über Wohlstandsspielräume und Knappheiten der Zukunft. Auch wenn die Ökonomen gelegentlich Wachstumskräfte falsch einschätzen, wenn sie Wendepunkte der Konjunktur nicht datumsgenau in den Kalender der Politik eintragen können, so erlauben ihre Forschungen und Erfahrungen doch einen lohnenden Blick in den Wahrscheinlichkeitsraum der Zukunft.

Ökonomen können die Wirkung von wirtschafts- und tarifpolitischen Entscheidungen nicht immer und auf Bestellung exakt quantifizieren. Aber es diskreditiert nicht den ordnungspolitischen Rat von einzelnen Ökonomen oder Instituten, dass ihre vorhersagenden Schätzungen im Nachhinein gesehen auf der Zeitachse leicht verrutscht waren oder in der Größenordnung mal über- und mal unterzeichnet sind. Angesichts des Meeres der Irrtümer, auf dem die Politik Kurs zu gewinnen versucht, könnte man ein Urteil über die Qualität der Prognosen sogar in die bescheiden klingende Formel fassen: Hauptsache, die Richtung stimmt.

Aufschwung unterschätzt

Es ist wahr: Die meisten Ökonomen haben in den vergangenen Monaten unterschätzt, wie stark der Aufschwung in Deutschland ist und wie schnell die Arbeitslosigkeit zurückgeht. Doch die Leistung guter Beratung liegt nicht in der Genauigkeit von Terminen und Prozentsätzen, sondern darin, Chancen für die Zukunft zu beschreiben. Und in dieser Disziplin schneiden die Ökonomen nicht schlecht ab.

Die oft geforderte Lohnzurückhaltung in der jüngeren Vergangenheit hat sich unübersehbar ausgezahlt. Den Überschüssen im Außenhandel und den Gewinnen der Unternehmen folgt die Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte. Nun steigen auch die Löhne. Insgesamt: Wenn die Chancen der Gegenwart nicht mit Aktionen „nachholender Gerechtigkeit“ belastet werden, steht es um die nähere Zukunft von Konjunktur und Wachstum nicht schlecht. Wenn sich eine solche Aussage über die Zukunft wohlbegründet treffen lässt, ist das nicht wenig.

Politiker wissen wenig von Ökonomie

Was aber weiß die Politik über die Ökonomie? Wen schätzt sie besonders unter ihren drei herausragenden Gestalten? Adam Smith, der in die Ökonomie die Moral der Freiheit eingebracht hat? Joseph Schumpeter, der den dynamischen Unternehmer als Triebkraft der Wirtschaft mehr gefeiert als gefürchtet hat? Nein.

Wenn die Politik einen der drei als Berater zurückrufen könnte, dann würde sie sich für John Maynard Keynes entscheiden. Der schien zu wissen, wie man eine stagnierende Wirtschaft mit arbeitslosen Menschen rasch ins neue Gleichgewicht von Sparen und Investieren bringt. Die Sehnsucht nach solch bündigem Rat wird die Politik wohl nie verlassen. Sie weiß so wenig von der Ökonomie.

Hans D. Barbier ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.06.2007, Nr. 24 / Seite 58
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL - F.A.Z., F.A.Z.

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 4.544,31 -7,01
TecDax 516,75 -4,81
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,34 +0,00
Bund Future 114,67 -1,44
Gold 847,40 +0,00
Öl 76,65 -7,49
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche